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Di., 21.05.2019

Paderborns Erfolgscoach Steffen Baumgart: Der Aufstieg war vom ersten Spieltag an das Ziel Baumgart: »Wir leben in einem Traum«

Foto: Oliver Schwabe

Paderborn (WB). Der SC Paderborn 07 ist völlig überraschend in die Bundesliga aufgestiegen ? Nicht, wenn es nach Steffen Baumgart geht. Der Erfolgscoach hatte dieses große Saisonziel tatsächlich schon vor dem ersten Punktspiel ausgegeben, wie er im Interview mit Matthias Reichstein und Elmar Neumann verrät. Und doch kann der 47-Jährige noch immer nicht glauben, was ihm mit seinem Team gelungen ist.

Herr Baumgart, wie ist es denn, wenn man morgens als Erstligatrainer aufwacht?

Baumgart: Um das Ganze real einschätzen zu können, bin ich noch zu weit weg. Für mich ist das noch immer ein Traum und ich glaube, wir alle leben im Moment noch in einem Traum. Wenn ich länger darüber nachdenke, sind da nur ein paar Momente vom Spieltag im Kopf, aber nicht das, was wir wirklich erreicht haben. Doch das wird vielleicht in den nächsten Tagen kommen.

Wie kurz war die Nacht nach dem Aufstieg?

Baumgart: Gar nicht so kurz. Nach den ersten Feierlichkeiten konnte ich seit langem mal wieder sehr lange schlafen.

Sie haben direkt nach dem Aufstieg mehr im Spaß gesagt: Wenn Sie Bilder von sich von vor zwei Jahren mit Bildern von heute vergleichen, sei ein deutlicher Unterschied zu erkennen. Wie sehr haben die vergangenen 25 Monate an Steffen Baumgart gezehrt?

Baumgart: Nicht so sehr. Wir hatten hauptsächlich Spaß und sind nur auf einer Erfolgswelle geschwommen. Natürlich gab es den einen Tiefpunkt in Osnabrück (das 0:0 am letzten Spieltag am 20. Mai 2017 hätte nicht zum Drittliga-Klassenerhalt gereicht, Anmerk. d. Red.) und den folgenden Hohn und Spott. Aber daraus ist viel entstanden und das war mehr ein positives Zehren. Doch vielleicht sollte ich mich mal wieder rasieren, dann sieht man, dass ich noch jung und knackig bin. (lacht)

Sie stellen immer das Wir in den Vordergrund und sehen den Erfolg als Produkt von ganz vielen Menschen rund um den SC Paderborn. Trotzdem die Frage: Welche Spieler haben den größten Schritt gemacht?

Baumgart: Jeder Spieler hat sich in den vergangenen zwei Jahren verbessert. Auch die, die wir ausgeliehen haben. Natürlich ist Philipp Klement einen besonderen Weg gegangen. Über Basti Schonlau müssen wir gar nicht reden. Er steht ein bisschen für den gesamten Verein. Erst fast abgeschrieben und jetzt einer der stabilsten Spieler. Leopold Zingerle hat nicht nur im Torwartspiel einen Riesenschritt gemacht, sondern auch in seiner Präsenz. Er wird in seiner Art nie ein Michael Ratajczak sein, aber wie er jetzt mit seinen Jungs hinten arbeitet, ist das auch eine Entwicklung. Jamilu Collins und Mo Dräger sind Nationalspieler geworden. Berni Tekpetey hat bei uns den Weg zurück in die Bundesliga gefunden. Uwe Hünemeier hat im Vergleich zum Aufstieg 2014 einen weiteren Schritt gemacht. Unser Kapitän Christian Strohdiek ist als Mensch noch einmal gewachsen. Sebastian Vasiliadis muss ich nennen und noch einige andere. Sie sind wichtige Bausteine der Mannschaft, ohne die wäre so ein Erfolg nicht möglich. Deshalb reden wir nicht nur vom Wir, wir sind das Wir. Unser verstorbener Präsident Wilfried Finke hat mir gegenüber den Aufstieg 2018 als den schönsten in seiner Amtszeit bezeichnet. Nicht nur wegen der Leistung, auch weil drumherum einfach alles gestimmt hat. Es gab keine Querelen, keine negativen Schlagzeilen.

Wie hat sich der Trainer Steffen Baumgart in den vergangenen zwei Jahren weiterentwickelt?

Baumgart: Genau so. Der Trainer Baumgart hat sich in der Art und Weise, wie er Fußball spielen lässt, auch weiterentwickelt. Das offensive Spiel ist geblieben, aber in vielen Kleinigkeiten, die so gar nicht auffallen, habe ich mich verbessert. Gerade auch in Zusammenarbeit mit meinem Co-Trainer Daniel Scherning. Der ist sehr wichtig für mich, besonders bei den taktischen Situationen im Spiel. Da hat er ein anderes Auge drauf, da bin ich oft viel zu emotional dabei. Für mich hat sich aber das gesamte Trainerteam, zu dem auch Danilo de Souza und Torwarttrainer Nico Burchert gehören, entwickelt.

Der SCP macht den Eindruck, dass hier alles passt.

Baumgart: Ich habe den Jungs mal gesagt: ›Wenn ihr irgendwann mal irgendwo seid, wo ihr es besser habt als hier, also bessere Trainingsbedingungen, mehr Ruhe, einen größeren Zusammenhalt und dieses Miteinander im Team, dann ruft mich bitte an‹. Ich habe in meiner Laufbahn auch schöne Zeiten gehabt, aber so etwas wie hier beim SC Paderborn habe ich noch nirgendwo erlebt. Obwohl ich den Jungs manchmal nicht nur in den Arsch, sondern teilweise auch in die Eier trete. Ein Lukas Boeder ist nicht draußen, weil er schlechter ist. Er zieht aber komplett mit. Marlon Ritter genauso, obwohl er auch nicht so zum Einsatz gekommen ist, wie er sich das vielleicht vorgestellt hatte. Oder Klaus Gjasula, der nur zum Anfang und zum Schluss seine Aufgabe so erfüllen konnte, wie er es gewollt hat. Aber auch er war immer da. Gleiches gilt für Michael Ratajczak – genau solche Persönlichkeiten zeichnen diese Mannschaft aus und deshalb sage ich, dass es so eine Situation wie hier beim SCP für mich vielleicht nie mehr geben wird.

Gab es irgendetwas, was Sie geärgert hat in dieser Saison. Irgendetwas, von dem Sie sagen, dass Sie es ändern müssen, dass es Ihnen nicht noch einmal passieren darf?

Baumgart: Nein, nein.

Harmonie pur?

Baumgart: Ne, gar nicht Harmonie pur. Wir haben schon vieles ausdiskutiert, das gehört zum Fußball dazu. Aber wie gesagt: Das, was hier läuft, werde ich so nicht wieder haben. Auch wenn die Spieler mal irgendwann in Ruhe darüber nachdenken, werden sie sagen: ›Ja, das war eine schöne Zeit‹.

Wann haben Sie sich zum ersten Mal mit dem Thema Aufstieg beschäftigt?

Baumgart: Es mag doof klingen, aber ich habe den Jungs vor dem ersten Punktspiel in Darmstadt gesagt, dass ich aufsteigen möchte. Ob man so etwas dann erreicht, ist eine ganz andere Geschichte. Aber für uns im Team war von Beginn an klar, dass wir diese Rolle spielen möchten und ganz oben dabei sein wollen. In der 2. Liga gibt es nur zwei Wege: Entweder man kämpft gegen den Abstieg und das wollten wir nicht, also ging es nur darum, um den Aufstieg zu spielen. Diese Rolle haben die Jungs sehr gut angenommen.

Das heißt, im August werden Sie intern sagen, dass sie Meister werden wollen?

Baumgart: (lacht) Maximal Zweiter.

Viele Ihrer Spieler sind bei anderen Vereinen im Fokus. Da könnte es bis zum Saisonstart noch zu einigen Personalwechseln kommen. Gibt es einen Spieler, um den Sie sich besonders große Sorgen machen?

Baumgart: Da gibt es viele, denn auch nach dem Aufstieg werden wir der Verein sein, der den kleinsten Erstliga-Etat hat. Wir haben vor der Saison Spielern wie Philipp Klement oder Bernard Tekpetey gesagt: ›Kommt zu uns. In Paderborn verdient ihr zwar nicht das große Geld, aber über den Fußball, den wir hier spielen, könnt ihr wieder in den Fokus rücken‹. Daher wissen wir, dass uns der eine oder andere verlassen kann, vielleicht auch wird. Aber Namen nenne ich jetzt nicht.

Also gibt es nicht den einen Spieler, bei dem Sie sich besonders große Sorgen machen?

Baumgart: Ich mache mir sowieso keine Sorgen. Wir sind mit unseren personellen Planungen schon weiter, als viele glauben.

Ein Neuzugang heißt Jannik Huth und ist Torhüter in Mainz?

Baumgart: Ja. So weit ich das weiß, ist das fix.

Leopold Zingerle hat sich eine Schultereckgelenksprengung zugezogen und fällt länger aus. Gibt es nun Überlegungen, mit Michael Ratajczak den Vertrag doch zu verlängern?

Baumgart: Nein. Das Thema ist durch. Wir haben uns zusammengesetzt und über eine gewisse Zukunft beim SCP gesprochen. Das waren sehr faire Gespräche, aber Rata selbst sieht auch noch Möglichkeiten, bei einem anderen Verein Fuß zu fassen. Das kann ich nachvollziehen. Ich hoffe aber, dass Leo nicht so lange ausfällt und zum Trainingsauftakt fit ist.

Wie tief wäre der Einschnitt, wenn Markus Krösche den Verein in Richtung Leipzig verlassen sollte?

Baumgart: Sehr tief. Bei Kröschi ist es wie bei allen anderen. Auch er hat sich weiterentwickelt. Als Hauptverantwortlicher für die Kaderplanung ist sein Anteil an diesen zwei Aufstiegen sehr, sehr hoch. Das kann ein sehr, sehr tiefer Einschnitt werden, aber: Es geht auch dann weiter.

Gibt es etwas, von dem Sie glauben, dass es dieser jungen, hungrigen Mannschaft fehlt, um in der ersten Liga bestehen zu können?

Baumgart: Das kann ich Ihnen gar nicht sagen. Viele würden jetzt sagen: Zehn Jungs weg und zehn neue Profis mit Bundesligaerfahrung her. Aber ich glaube, dass wir an unserer Systematik festhalten, auf Spieler setzen sollten, die unseren Fußball spielen wollen, sich selbst vielleicht nicht so wichtig nehmen, erkennen, dass es hier ums Ganze geht und nicht um sie. Solche Charaktere suchen wir – und wir befinden uns in guten Gesprächen. Die wenigsten werden Bundesligaerfahrung haben, aber sie werden unseren Maßstäben entsprechend agieren können und dann ist es wieder an mir und meinem Trainerteam, die Jungs zu entwickeln. Ich gehöre nicht zu den Trainern, die in der Halbserie sagen: ›Ich brauche jetzt neue Spieler, damit ich in der Bundesliga bleibe‹. Wir wissen, dass es schwer wird, drinzubleiben, auch das ist jedem klar, aber mit den 32 Punkten – wie beim Abstieg 2015 – wäre man in dieser Saison bereits vier Spieltage vor Schluss gerettet gewesen.

Auf was freuen Sie sich in der neuen Saison am meisten? Die ausverkauften Stadien?

Baumgart: Ja. Als ich mein erstes Bundesliga-Spiel nach dem Wiederaufstieg mit Energie Cottbus bei Borussia Mönchengladbach hatte, bin ich zur Ersatzbank gegangen, auf der einige Spieler saßen, die der Meinung waren, dass sie hätten spielen müssen. Dann fing die Wand von Gladbach-Fans an zu singen und ich habe gesagt: ›Leute, wer das nicht genießen kann, wem da nichts aus der Hose fällt, der tut mir leid‹. Wenn wir an die Stimmung in Dresden denken und wissen, dass die schwarz-gelbe Wand in Dortmund dreimal so groß ist – das wird schon spaßig. Wir dürfen jetzt zu Klubs fahren, bei denen wir vor einem halben Jahr noch wegen eines Freundschaftsspiels angefragt haben. Ich freue mich auf die Herausforderung – auch für mich, nachdem ich in Dresden nicht so das Gefühl hatte, den Zugriff auf die Mannschaft zu haben, den ich über den größten Zeitraum der Saison hatte. Da merkst du, dass du dich auch als Trainer weiterentwickeln und den nächsten Schritt machen musst, um auch in solch schwierigen Situation für deine Jungs da sein zu können.

Haben Sie in dieser Saison einen Erstligisten gesehen, der dem SCP als Vorbild dienen könnte?

Baumgart: Vorbild, das weiß ich nicht, aber es gab mit Fortuna Düsseldorf eine Mannschaft, die eigentlich von vornherein abgestiegen war. Es war klar, wer der erste Trainer ist, der fliegt. Die Wetten liefen. Und jetzt ist Friedhelm Funkel vielleicht der Trainer des Jahres, bleibt mit der Fortuna drin und kann weiterplanen. Im Fußball ist eben alles möglich. Auch und gerade in der ersten Liga. Wenn ich den VfB Stuttgart sehe – 28 Punkte. 28 Punkte für einen Verein wie den VfB Stuttgart? Boah. Und gerade so in die Relegation gerettet. Das ist traurig. Wir werden versuchen, genau so offensiv zu spielen wie bisher. Auch so wie im Pokalspiel gegen Bayern. Da kriegst du sechs Stück und gehst trotzdem erhobenen Hauptes vom Feld. Das darf dir in der Bundesliga natürlich nicht zu oft passieren, aber ich würde von uns schon gerne ein Feuerwerk nach vorne sehen. Ich habe den Stil vieler Mannschaften gesehen, auch in der ersten Liga – puh, das tat weh. Aber nächstes Jahr wollen sie ja alle. Jeder, der uns auf dem Zettel hat, plant felsenfest die drei Punkte ein. Das ist doch schön. Wir gucken mal, dass wir den einen oder anderen ärgern.

Das würde auch die Fans freuen. Wie haben Sie die große Unterstützung in Dresden oder auch den tollen Empfang am Flughafen empfunden?

Baumgart: Das war richtig schön. So eine blaue Wand wie in Dresden, das hatten wir noch nicht. Auf das Erlebnis Bundesliga freuen sich natürlich auch die Fans und das, was ich hoffe, ist, dass genau diese Unterstützung dann auch da ist, wenn es auf unserem schweren Weg mal nicht so rund laufen sollte. Ich weiß, das fällt dem Ostwestfalen schwer. Zu unserem Aufstieg habe ich unter anderem den Kommentar gehört: ›Na, ja, das war schon ganz schön knapp‹. Das ist hier als Ausdruck von Freude zu werten (lacht). Aber das, was sich am Flughafen abgespielt hat, war sensationell. Wir sind nicht viele, aber in solchen Momenten merkt man, dass der Verein den Menschen hier am Herzen liegt, auch wenn sich die Euphorie vielleicht langsamer entwickelt als woanders. Deswegen habe ich schon gesagt: Wieder nur Zweiter. (lacht)

Kommentare

Der Mann ist ne Wucht


Steffen Baumgart ist für mich der beste Trainer, den der SCP bislang hatte.

Seine Grundidee von extrem offensivem Fußball, der auch noch von eher unbekannten Spielern ausgeführt werden kann, ist umwerfend.

Ich hoffe, daß man in möglicherweise schwierigen Zeiten auch an ihm festhält. Ähnlich wie der SC Freiburg, der das seit Jahren praktiziert und zeigt, daß man auch bei einem Abstieg einen Trainer behalten - und mit ihm wieder aufsteigen - kann.

Aufgeregtheiten und hektische Aktionen wie z.B. beim HSV mit ca. 23 Trainern in den letzten 10 Jahren oder auch den Kölnern, die kürzlich ihren Trainer Markus Anfang als Tabellenerster (!) kurz vor Saisonende rauswerfen... - das paßt hier doch gar nicht hin. Ist kompletter Murks. Den wir allerdings auch schon hatten - ich erinnere nur an die Zeiten rund um Effenberg.

Aktuell haben beim SCP Leute das Sagen, die sich mit Profifußball auskennen und ihre eigenen Egos nicht in der Vordergrund stellen. Das tut sehr gut. Wenn jetzt noch Markus Krösche bleiben sollte, wäre das fantastisch. Allerdings denke / fürchte ich, daß er sich anderweitig entschieden hat. Aber schön wärs schon :-)

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