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Di., 02.07.2019

Manager möchte den SC Paderborn im Stil des SC Freiburg etablieren – mit Videointerview Martin Przondziono: »Vorher geben wir nicht auf«

Martin Przondziono, der neue Geschäftsführer Sport, hat mit dem SC Paderborn 07 viel vor, er will den SCP unter den Top30 etablieren.

Martin Przondziono, der neue Geschäftsführer Sport, hat mit dem SC Paderborn 07 viel vor, er will den SCP unter den Top30 etablieren. Foto: Oliver Schwabe

Paderborn (WB). Die Aussprache seines Nachnamens ist noch nicht jedem klar, dafür ist Martin Przondziono, der neue Geschäftsführer Sport des Erstligarückkehrers SC Paderborn 07 schon jetzt für klare Aussagen bekannt. Im Interview mit Matthias Reichstein und Elmar Neumann spricht der 50-Jährige über Ziele mit dem SCP, die zauberhafte Quote bei den Neuverpflichtungen und auch über 125 Millionen Euro.

Herr Przondziono, Sie haben kürzlich gesagt, dass Sie den Verein unter den Top 30 in Deutschland etablieren möchten. Das klingt sehr ambitioniert. Wie wollen Sie das erreichen?

Martin Przondziono: Grundvoraussetzung ist es, eine Idee und eine Strategie zu haben. Das fängt mit dem Stadionausbau an und geht über kleine bauliche Veränderungen weiter, die wir im Trainingszentrum vornehmen. Wir sind dabei, uns immer weiter zu professionalisieren, strukturell wie personell. Mit Philipp Maier haben wir einen Co-Trainer Videoanalyse eingestellt. Wir sind auf der Suche nach einem Koch. Das sind kleine, wichtige Bausteine und ich glaube, dass wir in diesen Bereichen mittelfristig auf Augenhöhe mit den anderen Vereinen sein werden. Die sportliche Seite ist eine andere. Wir spielen jetzt in der Bundesliga. Unser Ziel ist der Klassenerhalt. Jetzt sind wir unter den besten 18 und wenn es uns gelingen sollte, uns dort dauerhaft aufzuhalten, wäre das eine Riesen-Sensation. Insgesamt sind wir auf einem guten Weg.

Gibt es unter den Erstligisten einen, der als Vorbild dient?

Przondziono: Unsere Spielidee haben wir nicht abgekupfert, aber so wie sich der SC Freiburg entwickelt hat, da kann man einiges wiedererkennen. Das ist ein Verein, der immer mal Gefahr läuft, wieder abzusteigen, aber auch dann die nötige Ruhe bewahrt. Das ist ein ganz wichtiger Schlüssel. Wir können nicht den Anspruch erheben, dass wir durch die erste Liga gehen wie das Messer durch die Sommerbutter. Wir wollen langsam, stetig wachsen und wenn wir eines Tages sagen können ›Wir gehören jetzt dazu‹, dann sind wir zufrieden. Vorher geben wir aber auch nicht auf.

Ist Erfolg planbar?

Przondziono: Erfolg ist ein Stück weit auch planbar, ja.

Auch in der Bundesliga?

Przondziono: Dort ist er für viele Vereine planbar, weil sie schon lange dabei sind. Dieser Vorsprung ist ziemlich groß und deshalb müssen wir realistisch an die Sache herangehen, aber noch einmal: Wir sehen das Erstliga-Dasein nicht als kurzfristige Geschichte. Wenn wir einmal den Klassenerhalt schaffen, haben wir wieder mehr Möglichkeiten, uns noch besser aufzustellen. Dann kann man diese Lücke ein bisschen schließen. Das ist natürlich noch weit weg. Wenn man die Etats und Kaderplanungen der anderen Vereine sieht, stecken wir noch in den Kinderschuhen. Aber – das haben wir vielen voraus – wir haben eine ganz klare Idee. Darin steckt eine große Chance.

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Steffen Baumgart ist ein sehr authentischer Typ, der die Sprache der Spieler spricht.

Martin Przondziono, SCP-Manager

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Es ist an Cheftrainer Steffen Baumgart, diese Idee vom Offensivfußball auf den Platz zu bringen. Was ist er für ein Typ?

Przondziono: Wenn Steffen morgens hier reinkommt, ist er sofort auf 100. Er ist ein sehr authentischer Typ, der die Sprache der Spieler spricht. Das ist das, was die Jungs schätzen, dass sie von ihm immer eine ehrliche und offene Meinung bekommen. Er hat das offensive Denken völlig verinnerlicht, bringt seine Ideen ein, so dass wir von der perfekten Symbiose sprechen können.

Der Kader ist noch nicht komplett, aber haben Sie schon jetzt einen Akteur im Blick, von dem Sie glauben, dass er der Schlüsselspieler in der kommenden Saison werden könnte?

Przondziono: Aufgrund unserer Spielphilosophie und Ausrichtung haben wir nicht den Topspieler. Das war in der vergangenen Saison auch nicht so. Natürlich hat Philipp (Klement) das mit seinen 16 Toren alles etwas überstrahlt, aber da waren ja noch viel mehr: ob ein »Vasi« (Sebastian Vasiliadis), »Jimmy« (Christopher Antwi-Adjei), »Basti« Schonlau, »Mo« Dräger oder Sven Michel. Auch in der neuen Saison wird es ein Schlüssel unseres Erfolges sein, dass unser System funktioniert, dass die Geschlossenheit da ist. Wir haben ein paar Spieler, die ein Riesen-Potenzial haben. Keine Frage. Die sind noch jung, können das nächste Level erreichen und ich freue mich darauf, dass sie sich mit den ganz Großen messen.

Auch die Entwicklung der Marktwerte spricht bei Jungs wie Sebastian Vasiliadis oder Kai Pröger eine eindeutige Sprache. Fühlt sich das dann auch nach einem Lob für die eigene Arbeit an, denn diese Talente musste ja erst mal jemand entdecken.

Przondziono: Natürlich freut einen das. Aber weder Markus noch ich sind Typen, die sagen: ›Wenn es läuft, waren wir es. Wenn es nicht läuft, waren es die anderen‹. Es tut uns gut, an unserer Philosophie festzuhalten. Das erleichtert unsere Arbeit, weil wir genau wissen, was wir suchen und brauchen. Aber die Entwicklung unserer Spieler macht uns auch stolz. Die kommen morgens mit jeder Menge Herzblut. Wenn man sieht, wie toll die Jungs miteinander umgehen, wie kommunikativ sie auf dem Platz sind und wie sie immer mehr Verantwortung übernehmen, geht mir das Herz auf.

Was muss man machen, um diese hohe Trefferquote bei den Verpflichtungen zu halten?

Przondziono: Wir müssen an unserer Strategie festhalten. Wenn wir das beherzigen, dann kann uns so viel nicht passieren. Natürlich, im vergangenen Jahr grenzte es schon an Zauberei, dass fast alles komplett gepasst hat, da hat unter den ersten 18, 19 Spielern ja fast jede Personalie funktioniert. Das ist natürlich eine super Quote, aber dadurch, dass wir wissen, was wir wollen, ist das Risiko minimiert. Wir gucken nur auf das Potenzial, das wir in einem Spieler erkennen, nicht auf die Leistung. Das trifft zum Beispiel auch auf unseren Neuzugang Jan-Luca Rumpf zu. Der kommt aus der fünften Liga, hat aber das Potenzial, unser Spiel zu spielen.

Wie überzeugt man Spieler, hier hinzukommen? Ist es die Philosophie, sind es die Trainingsbedingungen oder ist es das Angebot, den nächsten Schritt machen zu können?

Przondziono: Ich sehe das alles zusammen als ein großes Pfund, das wir haben. Die Spieler, die mit ihren Beratern zu uns kommen, wissen: ›Okay, hier werde ich nicht reich‹. Aber wir haben genügend Beispiele, die sich bei uns toll entwickelt haben. Wir sprechen dann mit potenziellen Neuzugängen natürlich auch über unsere Philosophie und führen die Jungs durch die Anlage. Und danach habe ich bis jetzt noch nicht einen einzigen Spieler gesehen, der gesagt hätte, dass ihm das nicht gefällt und er nicht nach Paderborn will. Im Gegenteil: Es gibt ganz viele Spieler, die gerne hier herkommen würden, auch aus der Bundesliga. Es muss für uns aber darstellbar sein. Man wird teilweise zu seinem Glück gezwungen, weil wir anders arbeiten müssen und das Geld nicht nach Belieben ausgeben können. Man muss bei sich bleiben.

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Das Produkt Fußball ist viel zu interessant, als dass die Fans ihm irgendwann den Rücken kehren würden.

Martin Przondziono, SCP-Manager

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Benötigt der Kader auch mehr Erstligaerfahrung?

Przondziono: Diese Frage stellt mir fast jeder. Wo fängt diese Erfahrung an? Das ist auch immer eine Frage des Geldes. Ich wehre mich dagegen, gesagt zu bekommen: ›Da müsst ihr jetzt Erstligaerfahrung kaufen‹. Die wäre teuer und was würde mir das garantieren? Zwei, drei Spieler, die schon mal Bundesliga gespielt haben, garantieren mir nicht, dass wir in ruhiges Fahrwasser kommen. Auch unsere Jungs haben schon zwei oder im Fall von »Vasi« sogar dreieinhalb Millionen Euro Marktwert. Wenn du jemanden holst, der besser ist, wie teuer wird der sein? Das ist hier nicht machbar. Das ist nicht unser Weg.

Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Entwicklung der Liga. Erst vor wenigen Tagen sorgte Hertha BSC für Aufsehen, da Lars Windhorst beim Hauptstadtklub mit einer 125-Millionen-Euro-Investition eingestiegen ist. Es scheint nur noch ums Geld zu gehen. Droht der Liga nicht die Gefahr, irgendwann die Fans zu verlieren?

Przondziono: Das ist der Lauf der Zeit. Man muss manchmal eben auch Dinge hinnehmen, die einem nicht so gefallen, aber eine Gefahr für den Fußball sehe ich nicht. Das Produkt Fußball ist viel zu interessant, als dass die Fans ihm irgendwann den Rücken kehren würden. Das ist ein ständig wachsender Markt, nicht ansatzweise mit Sportarten wie Handball oder Eishockey, die saisonal vielleicht mal über zwei, drei Monate etwas mehr als sonst im Mittelpunkt stehen, zu vergleichen. Es wird immer größer. Selbst der SC Paderborn 07 fängt ja an, das Stadion auszubauen.

Wenn sich der gebürtige Ostwestfale Lars Windhorst für den SCP entschieden hätte, in welche Spieler würden Sie 125 Millionen Euro investieren?

Przondziono: Ich wüsste jetzt gar nicht, was ich mit dem Geld machen sollte. Das ist so surreal, dass ich mit dieser Frage völlig überfordert bin, nicht sagen kann, dass ich dafür, ein, zwei, fünf oder acht Spieler kaufen würde. Noch mal: Wir würden dann ja unseren Weg verlassen. Ich bin ein Verfechter von Strategien und nachhaltigem Arbeiten. Das würde vielen Vereinen gut tun, die schon mal 125 Millionen Euro verbrannt haben. Den ginge es wahrscheinlich erheblich besser, wenn auch sie ihrem Weg treu geblieben wären. Viel Geld verleitet zu Veränderungen. Kontinuität und Fluktuation sind große Themen. Da kannst du schnell viel mehr verkehrt machen, als die gewinnst.

Der SCP wollte über die Kooperation mit RB Leipzig einen Schritt nach vorne machen. Wie stehen Sie zum Nein zur Zusammenarbeit als Folge der großen Welle der Fanproteste. Hätten Sie sich gewünscht, dass sich die Verantwortlichen standhafter gezeigt hätten?

Przondziono: Ich habe da eine Meinung zu, aber ich setze mich nicht auf dieses Pferd und kommentiere das nicht.

Trotzdem noch eine Nachfrage: Es wurde immer gesagt, Markus Krösche und Martin Przondziono sollten diese Kooperation mit Leben füllen. Ist man dann nicht doch verärgert, wenn Außenstehende sofort eine so gewaltige Protestwelle lostreteb, ohne abzuwarten und sich zu fragen: Was wollen die beiden, was haben sie vor?

Przondziono: In der öffentlichen Diskussion ging es eher um Paderborn und RB als um genaue Inhalte. Die ganze Entwicklung ändert aber nichts daran, dass Markus und ich weiterhin im ständigen Austausch sind. Wir denken in Sachen Fußball nahezu deckungsgleich, setzen uns drei,- viermal pro Woche in Verbindung, reden über unsere Ideen und das wird auch weiterhin passieren. Das lasse ich mir von niemandem nehmen.

Kommentare

Ich finde es übrigens eine sehr nette Geste, dass man sich in PB ein Bild mit unseren Fans im Hintergrund an die Wand hängt, statt mit den eigenen.
Freundliche Grüße aus Bielefeld

Freiburg - das habe ich schon häufig gesagt - ist für mich ebenfalls das perfekte Vorbild.

Die (mit 20 Jahren Vorsprung auf uns) wissen sich realistisch einzuordnen und nehmen auch Abstiege in Kauf.

Trainer sind unantastbar und wirtschaftlich macht man keinen Unsinn, der nicht dem Sport dient.

Großmannssucht und Fassade sucht man vergebens.

Gute Einstellung.

Klasse, da schließt der Verein grad öffentlich Frieden und ihm fällt nichts besseres ein als alle Koop-Gegner als unwissende Idioten abzustempeln.

Ich frage mich wirklich langsam was bei diesen Menschen im Kopf vorsich geht in Bezug auf Kommunikation?

Guter Mann!

Die Aussagen von Herrn Przondziono zeigen deutlich, dass der richtige am Steuer ist. Immer der Linie treu bleiben und nicht abheben. Und natürlich wird es einen Austausch mit Krösche und Leipzig geben, nur wird das halt nicht mehr kommuniziert.

4 Kommentare

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