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Di., 23.07.2019

Videobeweis, Torlinientechnologie, Schiedsrichterfunk: Der SC Paderborn und Arminia Bielefeld mussten kräftig investieren – mit Video So funktioniert die neue Technik in den Stadien

Dirk Floer vom Organisationsteam des SC Paderborn zeigt die neu installierte Videotechnik im Paderborner Stadion.

Dirk Floer vom Organisationsteam des SC Paderborn zeigt die neu installierte Videotechnik im Paderborner Stadion. Foto: Oliver Schwabe

Von Sebastian Bauer und Matthias Reichstein

Paderborn/Bielefeld (WB). Ein Jahr nach der offiziellen Einführung wird der Videobeweis auch in Ostwestfalen zur Pflicht: Bei Erstliga-Aufsteiger SC Paderborn und Zweitligist Arminia Bielefeld kommt das System mit Saisonstart 2019/20 zum ersten Mal bei Ligaspielen zum Einsatz. Das bedurfte allerdings umfangreicher Vorbereitung.

Großer Aufwand

Wie technisch aufwendig das System ist, zeigt das Beispiel SC Paderborn. Der Liga-Neuling musste als Bundesligist in der Sommerpause auch die Voraussetzungen für die Torlinientechnik schaffen. Das heißt, in der Benteler-Arena wurden allein für diese Technologie 2,5 Kilometer Strom-, Glasfaser- und Netzwerkkabel verlegt. Insgesamt 14 Kameras (sieben pro Tor) wurden für das Hawk-Eye installiert. »Nur für den Videobeweis hätten auch die normalen TV-Bilder gereicht, die ohnehin bei jedem Spiel produziert werden. In der 1. Liga ist aber auch die Tortechnik Pflicht. Diese Bilder sind noch genauer und werden bei zweifelhaften Situationen auch vom Kölner Keller für den Videobeweis genutzt«, sagt SCP-Geschäftsführer Martin Hornberger.

Seit Anfang Mai wurde bei Arminia ebenfalls umfangreich geplant und gewerkelt. »Da die Entscheidung für den Videobeweis erst Ende März für die neue Saison getroffen wurde, hatten wir ein sehr enges Zeitfenster. Es wurde viel umgebaut und es wurden viele neue Leitungen gelegt«, sagt DSC-Stadionmanager Christian Venghaus. »Ein Großteil dieser Infrastruktur musste ganz neu geschaffen werden«, ergänzt IT-Leiter Maik Lohmeyer. Deutlich mehr als 200.000 Euro musste der Klub investieren. 180.000 Euro kostet allein die Videobeweis-Technik jeden Verein jährlich.

Gegenüber der Paderborner Haupttribüne, auf Höhe der Mittellinie, wird künftig der mobile Monitor (mit Sichtschutz) für den Schiedsrichter aufgebaut. Der Referee kann sich dann, unterstützt vom Videoassistenten, die umstrittenen Szenen noch einmal aus verschiedenen Blickwinkeln anschauen, der Zuschauer im Stadion wird beim Entscheidungsprozess aber nicht mitgenommen. »Auf unserer Anzeigentafel wird nur die Unterbrechung angezeigt, nicht mehr« sagt Dirk Floer vom SCP-Organisationsteam. Eine Vorgehensweise, die Martin Hornberger nicht gefällt: »Das machen die Amerikaner beim American Football besser. Da wird die Partie länger unterbrochen und der Schiri erklärt den Zuschauern genau, warum er seine Entscheidung so getroffen hat und nicht anders.«

Während der Überprüfung einer Szene erhält Arminias Stadionregie auf einem Bildschirm Anweisungen vom VAC (Video-Assist-Center) aus Köln, welcher Unterbrechungsgrund für die Zuschauer auf den Arena-Leinwänden eingeblendet werden soll. Etwa, ob ein Foulspiel oder eine andere fragliche Szene vom Unparteiischen überprüft werden. »Dafür gibt es 177 unterschiedliche Codes, welche Information auf den Leinwänden zu sehen ist«, erklärt Maik Lohmeyer.

Enorme Kosten

Für all das fallen enorme Kosten an. Zusätzlich zum Videobeweis musste der SCP etwa in die Torlinientechnik investieren, zu der jeder Erstligist verpflichtet ist – weitere 134.000 Euro kostet das pro Jahr. »Das ist nicht wenig, aber im Vergleich zur Einnahmenseite durchaus machbar«, sagt Hornberger und meint damit die TV-Gelder: Der aktuelle TV-Vertrag beschert den 36 Erst- und Zweitligisten jährlich 1,2 Milliarden Euro.

Auch Zweitligist Arminia ist nicht von den Kosten überrascht worden, wie Geschäftsführer Markus Rejek betont: »Durch die frühzeitige Abstimmung innerhalb der DFL wurde der Mehraufwand in den Planungen berücksichtigt.«

Doch es gibt noch mehr Technik. Allein für das Tracking, das die Leistungsdaten der Spieler erfasst, wurden in der Benteler-Arena weitere 20 Kameras eingebaut, auf der Alm sind es 17 Geräte. Ballbesitz, Passspiel, intensive Läufe oder Sprints – hier wird jeder einzelne Profi genau beobachtet. Alle Daten sind fast in Echtzeit abrufbar. Um die ganzen Zahlen und Fakten auch senden zu können, musste die Leistungsstärke der Glasfaserleitungen in den zwei ostwestfälischen Stadien deutlich erweitert werden.

Besonders wichtig ist ein nur für den Videobeweis installiertes Glasfaserkabel, das die reibungslose Verbindung zwischen Stadion und Kölner Kommandozentrale sicherstellt und auf das laut Lohmeyer »nur die DFL« Zugriff hat. In den Katakomben der Alm endet dieses Kabel in einem etwa zwei Meter hohen Serverschrank – komplexe Technik für komplexe Spielsituationen.

Ganz neu ist in der Schüco-Arena auch die Funktechnik für die Schiedsrichter. Die Unparteiischen stimmen sich auf diesem Weg nicht nur unter sich ab, sondern können per Knopf im Ohr auch Kontakt zu den Video-Kollegen in Köln aufnehmen, um strittige Situationen zu besprechen. »Wir mussten Antennen installieren, und im Schiri-Raum gibt es ein spezielles Ladegerät für die Funkgeräte der Schiedsrichter. Davon war vorher noch nichts vorhanden«, sagt Maik Lohmeyer.

DSC besteht Testlauf

Eine Generalprobe, um die vielen Neuerungen zu testen, gibt es beim SCP nicht mehr. Den Stresstest gab es in Paderborn im Februar 2018, als die Bayern zum DFB-Pokal-Viertelfinale (0:6) kamen. »Da musste unsere U19 drei Halbzeiten spielen, bis alles perfekt lief«, sagt Floer. Diesmal gibt es nur noch eine Endabnahme. Die folgt am 5. August, zwei Tage nach dem letzten Test gegen Lazio Rom.

Arminia hat den Test unter Realbedingungen erfolgreich absolviert. Am Samstag lief gegen den englischen Zweitligisten FC Barnsley (2:3) die Generalprobe auf der Alm – ohne Probleme, auch wenn die Fans nicht begeistert auf die Verzögerungen reagierten. Dem ersten Liga-Videobeweis in Ostwestfalen steht nun aber nichts mehr im Weg.

Mobiler Monitor-Einsatz

Wenn der Schiedsrichter sich noch einmal genau vergewissern möchte, was gerade auf dem Platz passiert ist, dann kommen der Video-Mann oder die Video-Frau ins Spiel: Am Spielfeldrand schiebt die zuständige Person einen mobilen Monitor mit Sichtschutz, der neugierige Blicke abhalten soll, an die Bande und ermöglicht dem Unparteiischen damit beste Sicht auf Fouls, Handspiel oder andere strittige Szenen.

Demnächst sind diese mobilen Videohelfer auch in zwei Stadien in Ostwestfalen zu sehen. Zur Verfügung gestellt werden Video-Frau oder -Mann übrigens von Sportcast, der TV-Produktionsfirma der Deutschen Fußball Liga (DFL) – um die Neutralität zu wahren.

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