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Sa., 17.08.2019

SCP-Kapitän Christian Strohdiek vor dem Bundesligastart im Interview – Mit Video »Wir haben keine Angst vor großen Namen«

Christian Strohdiek (31) marschiert als Kapitän des SC Paderborn vorweg, wenn der Aufsteiger beim Saisonstart am Samstag (15.30 Uhr) in der Bay-Arena auf Leverkusen trifft.

Christian Strohdiek (31) marschiert als Kapitän des SC Paderborn vorweg, wenn der Aufsteiger beim Saisonstart am Samstag (15.30 Uhr) in der Bay-Arena auf Leverkusen trifft. Foto: Oliver Schwabe

Paderborn (WB). Er ist und bleibt der Mann mit dem Kapitänspatent beim SC Paderborn. Zum dritten Mal in Folge ist Christian Strohdiek von Trainer Steffen Baumgart zum Spielführer bestimmt worden. Der 31-Jährige marschiert damit auch vorweg, wenn der Aufsteiger beim Saisonstart am Samstag (15.30 Uhr) in der Bay-Arena auf Leverkusen trifft. Über sein Amt und die Aussichten des SCP sprachen Matthias Reichstein und Peter Klute mit dem Abwehrspieler, der seit 2000 fast ununterbrochen für Paderborn am Ball ist.

Herr Strohdiek, was ist es für ein Gefühl, in der 1. Liga Kapitän des SC Paderborn zu sein?

Strohdiek: Zunächst bin ich unglaublich stolz darauf, meine Mannschaft erneut als Kapitän anführen zu dürfen. Unabhängig von diesem Amt erfüllt es mich mit großer Vorfreude, dass wir wieder auf höchstem Niveau und zum Teil gegen die absolute Weltklasse im Fußball antreten dürfen. Unser Team verfügt nicht über die große Bundesligaerfahrung, die habe auch ich nicht, obwohl ich schon 2014 dabei war. Aber unsere Spieler haben schon in der vergangenen Saison bewiesen, dass sie sich nach einem Aufstieg auch eine Liga höher nicht vor Angst in die Hosen machen. Auch wenn der mediale Trubel noch einmal erheblich zunimmt, wird am Samstag in Leverkusen niemand hypernervös auf dem Platz stehen.

Sie müssen also nicht als Mannschafts-Mutti von Zimmer zu Zimmer gehen und die Jungs beruhigen?

Strohdiek: Um Gottes willen, nein. Wir haben unsere Abläufe. Die einen spielen Karten, andere schauen Fußball – den Abend vor einem Spiel kann im Hotel jeder für sich frei gestalten. Um 23 Uhr werden aber alle elektronischen Geräte ausgeschaltet weggelegt, dann wird geschlafen.

 

Was freut Sie mehr: Das Vertrauen des Trainers oder das der Mitspieler, die Ihnen die mit Abstand meisten Stimmen gegeben haben?

Strohdiek: Natürlich gibt es mir eine gewisse Stärke, wenn ich weiß, dass die Jungs hinter mir stehen, sie das annehmen, was ich sage oder vorlebe und nichts verpufft. Ich bin nicht der Lauteste, weder in der Kabine noch auf dem Platz. Aber ich kann ein Fels für die sein, denen es vielleicht mal nicht so gut geht. Bei uns dreht sich keiner abfällig um und denkt: »Was hat er denn jetzt schon wieder gesagt.« Ich sehe mich, unabhängig vom Trainergespann, als ein Ansprechpartner im Team. Das scheint zu funktionieren, und deshalb sehe ich dieses deutliche Votum auch als Bestätigung meiner Arbeit in den vergangenen beiden Jahren.

 

Die waren mit zwei Aufstiegen auch für Sie einfach. Jetzt erwartet den SCP ein harter Kampf um den Klassenerhalt. Da werden Sie als Kapitän besonders gefordert sein.

Strohdiek: Aber auch die neue Aufgabe wird eine sein, mit der ich wachsen kann. Das ist ja das Spannende im Leben, dass man immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt wird. Vor einem Jahr hat uns kaum einer zugetraut, dass wir unseren Offensivfußball in der 2. Liga durchsetzen. Am Ende stand der Aufstieg.

 

Neuland betritt auch Steffen Baumgart. Er steht vor seiner Bundesliga-Premiere. Wir kennen Ihn fast nur als Siegertypen. Kann er auch Krise?

Strohdiek: Die Krise ist erst da, wenn sie eintritt. Wir stehen bei Spieltag null und werden jetzt nicht anfangen, eine Krise herbeizureden. Wenn es Probleme gibt, werden die aufgearbeitet. So war es in den vergangenen Jahren auch. Wir haben mit unserem Offensivfußball eine Marke geschaffen, damit identifizieren sich viele Fans und damit dürfen wir den SC Paderborn in der höchsten Liga repräsentieren. Das ist Freude pur. Was der Trainer, die Mannschaft oder das Präsidium können, wenn es mal nicht so läuft, werden wir sehen. Ich bin überzeugt davon, dass Steffen Baumgart immer Lösungen findet.

 

In der Bundesliga heißen die Gegner nicht mehr Sandhausen oder Aue, sondern Bayern oder Dortmund. Schon der Auftakt beim Champions-League-Teilnehmer Bayer Leverkusen hat es in sich. Wie wollen Sie der Offensivwucht um Kai Havertz, Kevin Volland und Co. begegnen?

Strohdiek: Wir werden, wie in allen Spielen, auch in Leverkusen mutig auftreten. Natürlich wissen wir, was da auf uns zukommt. Aber wir haben keine Angst vor großen Namen.

 

Die extrem offensive Ausrichtung des SCP birgt auch Risiken. Macht Ihnen das auch keine Sorgen?

Strohdiek: Wir werden unsere offensive Art nicht ändern. Die hat uns da hingebracht, wo wir jetzt stehen.

 

Woher kommt diese große Zuversicht, dass die offensive Power auch eine Liga höher funktioniert?

Strohdiek: Weil sich im Vergleich zum Vorjahr nichts Wesentliches verändert hat. Außerdem lernen wir als Mannschaft kontinuierlich dazu. Die 0:6-Niederlage gegen die Bayern im Pokal zähle ich zum Beispiel auch dazu, die hat uns am Ende sogar gut getan. Unser System ist gereift, die Mannschaft sowieso. Und trotzdem wissen wir, dass Rückschläge kommen werden. Aber wir werden nie aufgeben.

 

Sebastian Schonlau ist verletzt, ist damit der Kapitän Christian Strohdiek im Abwehrzentrum gesetzt?

Strohdiek: Luca Kilian ist zwar erst 19 Jahre alt, ist aber bereits sehr gut bei uns angekommen und macht seine Sache gut. Bei uns steht ohnehin kein Spieler zu Unrecht im Kader. So hat es uns als Team auch ausgezeichnet, dass alle immer dann da waren, wenn sie gebraucht wurden. Aber um eins auch klar zu stellen: Ich will in Leverkusen spielen, die Wahrscheinlichkeit ist auch hoch, aber bis zum Anstoß um 15.30 Uhr kann noch viel passieren.

 

Sie und Uwe Hünemeier sind beide jenseits der 30 – ein beliebtes Diskussionsthema ist, dass Sie von der Geschwindigkeit her nicht mehr in der Bundesliga mithalten können. Manager Martin Przondziono nimmt die gesamte Mannschaft in die Pflicht und sprach nach den drei Gegentoren beim Viertligisten Rödinghausen auch von taktische Unzulänglichkeiten.

Strohdiek: Ich bin gar nicht so langsam, wie immer geschrieben wird. Ich fühle mich gut, ich bin topfit, ich hinke den Jungs auch nicht hinterher. Wenn wir vorne hoch attackieren, ergeben sich Lücken, weil hinter uns das Feld nicht kleiner wird. Ich muss auch kein Prophet sein, um zu sagen, dass es Situationen geben wird, in denen der Stürmer mal einen Tick schneller ist. Wenn wir vernünftig hinten raus spielen, hat es unsere Offensive leichter. Wenn die Jungs vorne gut anlaufen und wir als Mannschaft kompakt stehen, werden wir die nötigen Ballgewinne erzielen. Dann muss niemand hinterherlaufen. Natürlich werden wir Laufduelle und Zweikämpfe verlieren – aber davor muss uns nicht angst und bange werden. Am Ende sollten unsere Kritiker auch nicht vergessen, was Uwe und ich in der vergangenen Saison für die Mannschaft geleistet haben. Da war mit Sicherheit mehr richtig als falsch. Aber ich lade auch alle ein, mal beim Training vorbeizuschauen. Da werden sie sehen, was wir noch können.

 

Mit Philipp Klement verlor das Team den Strategen und den Mann für die ruhenden Bälle. Was fehlt mehr: Seine Ideen oder seine Tore?

Strohdiek: Schwierige Frage. Ich glaube, Philipp hat alles verkörpert. Er war ein Unterschiedsspieler, hatte zudem einen tollen Charakter, und wir alle hätten ihn noch gerne hier. Aber es kommen andere nach. Vasi (Sebastian Vasiliadis) und Klaus (Gjasula) haben sich in der Vorbereitung toll entwickelt und werden am Samstagabend Bundesligaspieler sein. Und nur zur Erinnerung: Als wir unseren Torjäger Dennis Srbeny an Norwich City abgegeben haben, war der Aufschrei ähnlich groß. Aber auch diese Lücke haben wir geschlossen.

 

Sie sind vor zehn Jahren Profi geworden und haben Markus Krösche als Mitspieler und Manager erlebt. Wie waren die ersten Monate ohne ihn?

Strohdiek: Markus hat den SCP in einer Situation als Manager übernommen, in der nicht jeder jubelnd aufgesprungen und mit Begeisterung zugesagt hätte. Wenn wir im Mai 2017 gescheitert wären, wäre es mit dem SCP vielleicht gar nicht mehr weitergegangen. Er hat dann mit Steffen Baumgart den richtigen Trainer geholt und sie haben gemeinsam einen Kader zusammengestellt, der zwei Jahre durchmarschiert ist. Was Markus für den Verein geleistet hat, kann man nicht in Worte fassen. Ihn kann man nicht ersetzen. Er hat riesengroße Fußspuren hinterlassen, aber auch hier steht mit Martin Przondziono ein Nachfolger bereit. Wir müssen auch keine Angst haben, denn das Fundament ist – wie bei der Mannschaft – so stabil, dass einzelne Abgänge nichts zum Einsturz bringen können. Die Nachfolger von Klement und Krösche müssen allerdings Zeit bekommen, um in die neuen Aufgabenfelder hineinzuwachsen. Wenn man von Beginn an nur drauftritt, wächst da nix.

 

Hünemeier und Sie waren schon in der ersten Paderborner Bundesliga-Saison dabei. Ist der aktuelle Kader besser?

Strohdiek: Schwer zu sagen. Der Fußball hat sich anders entwickelt. Der Fußball, den wir noch vor fünf Jahren gespielt haben, hat mit der aktuellen Situation nichts mehr zu tun. Wir haben andere Spieler, andere Trainer und eine andere Philosophie – nur die Klasse heißt immer noch Bundesliga.

 

Noch ein Wort zu den Fans. Kartenpreise, Kooperation oder Kaderplanung – die relativ kleine Gruppe wirkt oft sehr kritisch. Wie nehmen Sie die Anhänger war?

Strohdiek: Die Themen kommen in der Regel gar nicht so dicht an die Mannschaft heran. Klar, RB Leipzig war natürlich ein Riesending, da habe ich die Gegner auch nicht so richtig verstanden. Denn ein Austausch zwischen den Klubs ist ja nichts Ungewöhnliches. Mit der Kooperation hätte dieses Miteinander nur zum ersten Mal einen offiziellen Anstrich bekommen. Man muss nicht alles gut finden, was RB macht. Aber jeder Fan sollte schon Respekt davor haben, was dieser Konzern insgesamt für den Sport tut.

 

 

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