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Sa., 28.09.2019

Trainer Steffen Baumgart vor seinem 100. Pflichtspiel für den SC Paderborn »Ich lebe einen Traum«

Immer engagiert und gestenreich an der Seitenlinie: Paderborns Trainer Steffen Baumgart.

Immer engagiert und gestenreich an der Seitenlinie: Paderborns Trainer Steffen Baumgart. Foto: Oliver Schwabe

Paderborn (WB). Von der TSG Sprockhövel bis zum FC Bayern München : Wenn am Samstag um 15.30 Uhr das Heimspiel des SC Paderborn gegen den Rekordmeister angepfiffen wird, sitzt Trainer Steffen Baumgart zum 100. Mal auf der SCP-Bank. In 14 Stichworten blickt der 47-Jährige noch einmal zurück und auch voraus – Steffen Baumgart über...

... sein 100. Pflichtspiel

Die erste Überschrift im WESTFALEN-BLATT über mich lautete »Der Nächste, bitte«. Die hängt noch in meinem Büro und wenn ich die so betrachte, habe ich doch schon lange durchgehalten. Darauf bin ich stolz, denn so viele Trainer schaffen das nicht mehr mit einem Verein. Wenn ich sehe, was wir gemeinsam in den vergangenen fast zweieinhalb Jahren erreicht haben, blicke ich sehr zufrieden zurück. Im Moment stecken wir allerdings in einer schwierigen Phase. Nicht wegen der Leistungen, sondern wegen der Ergebnisse.

... Manager Markus Krösche

Ihn habe ich kennengelernt, bevor ich Trainer in Paderborn wurde. Da hatten wir uns mal getroffen, um zu testen, ob die Chemie stimmt. Das passte und dann ging es sehr zügig. Nach Paderborns 0:4 in Aalen rief er mich an und fragte, ob ich mir den Job zutraue. Der SCP war Vorletzter und stand am Abgrund. Die Regionalliga drohte, der Rest ist bekannt.

... sein erstes SCP-Spiel

Das war im Westfalenpokal gegen Regionalliga-Schlusslicht TSG Sprockhövel. In der ersten Halbzeit mühten wir uns zum 1:1 und unser leider verstorbener Präsident Wilfried Finke wollte in die Kabine. Der war stocksauer, wurde aber von Markus Krösche mit den Worten »Lass den Trainer mal machen« ausgebremst. Danach hat uns der Präsident nur noch mit einem Lächeln im Gesicht besucht. Ein Jahr später lagen wir uns in den Armen und Herr Finke hat mir gesagt, dass die Rückkehr in die 2. Bundesliga sein schönstes Jahr mit dem SCP war. Auch das war für mich ein ganz besonderer Moment.

... seine wichtigsten Siege

In der Saison 2017/2018 war der 3:2-Erfolg in Rostock nach 0:2-Rückstand zur Pause ein echter Hammer. Nach fünf sieglosen Spielen in Folge wirkte dieser Dreier wie ein Signal. Im Zweitligajahr war unsere Serie nach der 1:2-Niederlage in Aue entscheidend. Da waren wir eigentlich raus aus dem Rennen, haben dann aber bis zum Saisonende alle Klubs aus der Spitzengruppe geschlagen und sind aufgestiegen. Emotional besonders wichtig war für mich noch das 3:1 bei Union Berlin.

... seine lehrreichste Niederlage

Wir bewerten immer die Leistung, weniger das Ergebnis. Das gilt für Siege und Niederlagen. Natürlich versuchen wir aus Niederlagen zu lernen. Es gibt aktuell aber nur eine, die im Kopf hängen geblieben ist: Das 1:5 gegen Schalke daheim war bitter, das hat richtig weh getan. Alle anderen Niederlagen waren erklärbar, damit muss man umgehen.

... seine Aufstiege

Als Spieler in Rostock oder Cottbus läuft man von Sieg zu Sieg, da hat man mit dem ganzen Drumherum nicht viel zu tun. Als Trainer ist das schon anders. Wenn wir 2018 die Rückkehr in die 2. Bundesliga nicht geschafft hätten, wäre es dem Verein, gelinde ausgedrückt, nicht gut gegangen. Den Dreijahresplan mit mir gab es nicht. Wir mussten aufsteigen.

... den Bundesliga-Trainer

Mich so zu fühlen fällt mir noch immer ein bisschen schwer. Es ist ein Traum. Keiner, den ich träume, sondern einer, den ich lebe.

... den 18. Tabellenplatz

Als ich kam, stand der SCP in der 3. Liga auf Rang 19. Dass wir jetzt wieder unten drin stehen, war abzusehen. Wer etwas anderes als ein schweres Jahr erwartet hat, der hat mit dem Metier wenig zu tun. Wir werden bis zum Saisonende versuchen, mit vergleichsweise wenig Mitteln die Liga zu halten. Dieser Wille ist meinen Jungs auch anzusehen.

... seine Fußball-Philosophie

Es geht darum, welches Gesicht wir uns geben wollen. Ich lasse den Fußball nicht aus Trotz spielen. Wir im Verein sind vielmehr der Meinung, dass der auch in der Bundesliga den Erfolg bringt und deshalb spielen wir weiter offensiv. Dass wir erst einen Punkt geholt haben, liegt nicht daran, sondern an individuellen Fehlern. Hier müssen wir uns verbessern.

... seine Abstiege

Mit Union bin ich 2004 als Kapitän aus der 2. Bundesliga abgestiegen, das schmerzt noch immer und ist für mich persönlich meine größte Niederlage. Als Co-Trainer von Wolfgang Wolf habe ich mit Hansa Rostock 2012 auch das Klassenziel verfehlt – und das nach einer 4:5-Niederlage bei Union Berlin.

... den FC Bayern München

Mit den Bayern kommt neben RB Leipzig und Borussia Dortmund das beste Team, das zurzeit in der Bundesliga am Ball ist. Für uns gibt es am Samstag nur zwei Möglichkeiten: Schwanz einziehen und verlieren oder Kopf hoch und vielleicht auch verlieren. Jetzt können Sie sich aussuchen, wie ich es machen werde.

... sein Ziel

Wir wollen den SCP so etablieren, dass er zu den besten 30 Klubs in Deutschland zählt. Wir hätten im Sommer mehr Geld investieren können, haben wir aber nicht. Ich bin mit meiner Mannschaft absolut zufrieden.

... die Fans

Wenn es eng wird und wir als Verein schwierige Situationen durchleben, zeigt sich, wie fest die Bindung zum Team ist. Folgen die Fans uns und können sie mit schlechten Ergebnissen umgehen? Die Frage muss jeder für sich beantworten. Da meine ich nicht die 800 ganz Treuen, die auch zu den Tests kommen. Ich meine die Neuen, die eigentlich nur Bundesliga genießen wollen.

... 30 Jahre Mauerfall

Ich gehöre zu dem Teil, der dazugekommen ist, und sage, dass nicht alles ist gut. Wenn die Gehaltsstrukturen im Osten noch immer deutlich unter denen im Westen sind, kann Einheit nur schwer funktionieren. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass im Osten viel investiert wurde und gleichzeitig Regionen im Westen vernachlässigt wurden. Es geht nicht allen gut, aber auch nicht allen schlecht. Aber wir sollten insgesamt mal stolz auf unser Land sein, deshalb ist der 9. November 2019 ein Freudentag.

Aufgezeichnet von:

Matthias Reichstein

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