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Do., 24.10.2019

Sieglos und Letzter: Paderborns Reflexionscoach Martin Daxl denkt trotzdem nur positiv »Genießt die Bundesliga!«

Ein wichtiger Ratgeber für Paderborns Cheftrainer Steffen Baumgart ist Reflexionscoach Martin Daxl. Der 59-Jährige soll Persönlichkeit und Individualität stärken.

Ein wichtiger Ratgeber für Paderborns Cheftrainer Steffen Baumgart ist Reflexionscoach Martin Daxl. Der 59-Jährige soll Persönlichkeit und Individualität stärken. Foto: imago

Paderborn (WB). Er ist der Mann im Hintergrund beim SC Paderborn. Seit 2017 betreut Martin Daxl den Verein als Potenzialtrainer. Nach dem sportlichen Abstieg 2017 in die Regionalliga ging es nur noch bergauf, bis in die Bundesliga. Dort erlebt Daxl beim SCP aktuell seine zweite Krisenzeit. Noch kein Sieg, Letzter. Was das für seine Arbeit bedeutet, erklärt der 59-Jährige im Gespräch mit Matthias Reichstein und Peter Klute.

Herr Daxl, wenn man sich über Sie informiert, findet man Begriffe wie Potenzialtrainer, Reflexionstrainer oder Mentaltrainer. Was sind Sie?

Martin Daxl: Ich bin kein klassischer Mentaltrainer. Ich stärke und entwickle menschliche Leistungs- und Persönlichkeitspotenziale sowie reflektiere das Verhalten zu verbaler und nonverbaler Kommunikation. Unser Gehirn, das ist wissenschaftlich belegt, setzt sich 14-mal häufiger mit dem Negativen auseinander. Wenn Sie sich in ein Café setzen und anderen Menschen zuhören, dann werden Sie feststellen, dass die sich mit Begeisterung darüber unterhalten, was in ihrem Leben nicht funktioniert. Wenn ich das auf den SCP übertrage, reden wir über einen Verein, der mit dem Bundesligaaufstieg Herausragendes geleistet hat. Jetzt merken die Paderborner aber, dass die Spieler bei allen Gegnern und auf allen Positionen eine andere Handlungsgeschwindigkeit sowie Kompetenz haben und sie viel weniger Fehler machen. Anders ausgedrückt: Die Qualität ist brutal.

Ein Unterschied ist auch, dass der SCP Letzter ist.

Daxl: Die Erwartungshaltung ist schon wieder eine andere Baustelle. Im Moment stecken die Spieler im Umgang mit Niederlagen oder mit qualitativ noch stärkeren Mannschaften in einem Prozess. Mein Job ist es, dass die Spieler trotzdem locker bleiben, die Leichtigkeit sowie die Fokussierung behalten und ihren Spaß nicht verlieren. Diese Elemente gilt es zu schützen, das ist die Basis. Denn nur so können wir Maximales leisten. Da rede ich nicht über Witzigkeit, es geht täglich schon um Vollgas und unbedingten Willen. Aber dabei nicht verbissen zu sein. Das blockiert die Qualität.

 

Was tun Sie dabei genau?

Daxl: Es geht in Verbindung der Möglichkeiten des SCP um die Nutzung maximaler Leistung. Dabei steht die Funktion des Einzelnen nicht im Fokus. Alle sind wichtig. Jeder kann für eine schlechte Stimmung sorgen und nur darüber reden, wie schwierig die Lage ist. Deshalb sind die Menschen, das kommunikative Umfeld rund um den Profi für sein Unterbewusstsein – seine Datenbank, die alle Impulse registriert und somit großen Einfluss auf das Verhalten hat – auch sehr wichtig. Es gibt immer eine Vergangenheit, eine Zukunft und ein Jetzt. Wenn wir gedanklich im »Jetzt« bleiben, kann ich meine Qualitäten maximal nutzen. Sobald ein Gedanke in die Zukunft geht und der Spieler sich zum Beispiel fragt: Gewinne ich morgen? wird er keine Antwort finden. Meine Aufgabe ist es, den Spielern mit ihrer Gedankenwelt und Kommunikation zu helfen, mehr Leistungs- und Persönlichkeitspotenzial zu nutzen. Redet er über das, was nicht funktionieren könnte? Oder denkt er darüber nach, was früher alles besser war? Beides ist nicht leistungsfördernd. Meine Aufgabe ist es deshalb, dass wir unsere maximale Leistungsfähigkeit nicht durch falsche Gedankengänge oder Schuldzuweisungen beschädigen. In meinem Bereich liegt es nicht, zu bewerten, welcher Profi den Ball mit der Hacke spielt. Für mich ist wichtig zu sehen, dass zum Beispiel der Teamgeist gefördert wird und keiner unnötig alleine ist.

Das heißt, trotz der sportlich prekären Lage die Liga weiter genießen?

Daxl: Genau. Für mich ist die Bundesliga eine Saison mit 34 Geschenken. Meine Empfehlung auch an die Fans: Nehmt die Begeisterung über die Bundesliga mit und genießt alle Spieltage. Wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass wieder 17 Erstligisten nach Paderborn kommen? Auf dem Platz brauchen wir selbstbewusste Typen, die frech auflaufen und in einem Stadion mit 50.000 Zuschauern sofort Vollgas geben. Und da leisten unsere Trainer sensationelle Arbeit. Steffen Baumgart sagt: Fehler gehören zu uns.  Entscheidend ist, wie man sich danach verhält. Es sofort zu korrigieren: Das ist der richtige Ansatz und nicht darüber nachzudenken, dass ich vielleicht meine Trainer oder die Zuschauer enttäuscht habe. Denn Geist und Beine müssen zusammenbleiben, beides funktioniert nur zusammen. Der Mensch neigt aber leider dazu, anderen gefallen zu wollen. Richtigen Typen ist das scheißegal.

 

Aber mit jedem verlorenen Spiel wächst der Druck.

Daxl: Was ist Druck? Bei falschem Umgang mit Druck trennt sich schnell Geist vom Fleisch. Es gibt unzählige Beispiele, wie sich Menschen verhalten, wenn sie in Panik geraten. Dem SCP kann ich nur raten: Ruhe bewahren, den Teamgeist fördern, sich auf die Stärken und auf das, was zu tun ist, fokussieren. Und ganz wichtig: Ohne Angst und mit ganz viel Mut jeden Gegner attackieren. Wir dürfen auf keinen Fall anfangen, Stress aufzubauen und uns gegenseitig ins Knie zu schießen. Der normale Prozess ist dann, dass immer der andere Schuld ist. Ganz im Gegenteil, jeder muss bei sich bleiben und den anderen stärken.

 

Sie sind bei jedem Spiel dabei. Wie oft sind sie darüber hinaus vor Ort?

Daxl: Nicht jeden Tag, das passiert immer in Abstimmung mit dem Trainerteam. Wenn mir etwas auffällt, dann wird das dort zunächst besprochen. Steffen Baumgart ist da ein toller und offener Partner.

Gehen Sie aktiv auf die Spieler zu?

Daxl: Mittlerweile kennt mich die Mannschaft gut und wir pflegen ein sehr offenes Verhältnis. Aber grundsätzlich gilt: Ich mache keine Alleingänge, das Trainerteam bestimmt alle inhaltlichen Prozesse. Aber es gibt auch Spieler, die meine Hilfe nicht brauchen.

Wenn sich Spieler öffnen und mit Ihnen reden, geben Sie dem Trainer dann auch ein Feedback?

Daxl: Nein, ich bin nicht der verlängerte Arm des Trainers. Die Zusammenarbeit ist sehr vertrauensvoll. Ich versuche, den Spieler durch die Gespräche sich selbst zu stabilisieren, seine Lebensqualität zu erhöhen und zu erfahren, wo er gedanklich unterwegs ist. Darüber rede ich, aber ich bewerte nichts.

 

Nach zwei Aufstiegen steckt der SCP nun im Abstiegskampf. Wie verändert sich dadurch Ihre Arbeit?

Daxl: Es gibt nur wenige im Umfeld des SCP, die an den Klassenerhalt glauben. Ich glaube daran, dass wir Unmögliches schaffen können. Ich sehe die aktuelle Situation als Riesenchance. Aber mehr als alles geben kann man nicht. Wir bleiben Menschen und daher kann es am Ende nur darum gehen, die Spieler weiter zu verbessern und sie stärker zu machen. In den beiden Aufstiegsjahren war es für mich wichtig, darauf zu achten, die Bodenhaftung nicht zu verlieren, dankbar zu sein und demütig zu bleiben.

 

Aber die von Ihnen beschriebene Lockerheit hat die Mannschaft nach acht sieglosen Spielen dennoch verloren.

Daxl: Das ist auch normal. Die Mannschaft muss lernen, trotz der Rückschläge weiter stabil zu bleiben, an ihre Stärken und ihr Potenzial zu glauben. Das ist ein Entwicklungsprozess, und genau daran arbeiten wir.

Kommentare

Taktik verändern

Habe nach 3 Pflichtspielen die schwache Innenverteidigung und Torwartposition angemahnt .
Mittlerweile wurde alle Positionen getauscht , Beim Torwart kam keine Besserung . Zingerle und Huth haben beide keine Bundesligareife .
Michael Ratajczak kann mit seiner Erfahrung der Hintermannschaft Sicherheit geben.
Wenn die sportliche Führung trotzig an ihrer alten erfolgteichen Spielweise festhält ,hat man in der Winterpause keine 10 Punkte .
Die Räume müssen sehr eng gemacht werden ,dann überfallartig mit en Schellen Stürmern Nadelstiche setzen .
Fußball ist keine Wissenschaft .

1 Kommentare

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