>

Fr., 15.11.2019

Paderborns Trainer über den Start, die Liga und den drohenden Abstieg Steffen Baumgart: »Ich bin hier noch lange nicht am Ende«

Paderborns Aufstiegstrainer Steffen Baumgart blickt sehr nachdenklich auf den Start in die Spielzeit 2019/2020. Nach fast einem Drittel der Saison ist der Bundesliga-Neuling aus Ostwestfalen mit nur vier Punkten Schlusslicht.

Paderborns Aufstiegstrainer Steffen Baumgart blickt sehr nachdenklich auf den Start in die Spielzeit 2019/2020. Nach fast einem Drittel der Saison ist der Bundesliga-Neuling aus Ostwestfalen mit nur vier Punkten Schlusslicht. Foto: Oliver Schwabe

Paderborn (WB). Seit April 2017 trainiert Steffen Baumgart den SC Paderborn, führte den Verein von der 3. bis in die 1. Liga. Aktuell erlebt der 47-Jährige seine schwerste Zeit beim SCP, der nach elf Spieltagen am Tabellenende der Bundesliga steht. Der Abstand auf den Relegationsplatz beträgt fünf Punkte. Mit Baumgart sprachen Matthias Reichstein und Peter Klute.

Herr Baumgart, nach einem Drittel der Saison hat der SC Paderborn nur vier Punkte. Beschäftigen Sie sich gedanklich schon mit der 2. Liga?

Baumgart: Nein, ich beschäftige mich ohnehin nicht mit Eventualitäten oder damit, was in der Zukunft sein könnte. Ich beschäftige mich mit der nächsten Aufgabe und die heißt Borussia Dortmund.

 

Der schlechte Start ist dennoch nicht wegzudiskutieren. Wie schwer wiegen im Rückblick gerade die Niederlagen gegen Leverkusen, Freiburg oder Hertha? Da blieb Ihr Team nach guten Auftritten punktlos.

Baumgart: Punkte nicht zu holen, die man holen konnte, ist immer bitter. In dieser Liga wiegt das noch mal doppelt schwer. Gegen Leverkusen hatten wir zum Beispiel zwei für unsere Verhältnisse sehr gute Auftritte. Das heißt aber noch lange nicht, dass das auch für einen Sieg reicht. Wobei die Jungs nicht noch mehr geben konnten, sie sind da ans Limit gegangen. Beim 0:3 in Hoffenheim hat man dagegen gesehen, was uns fehlt, um in der Bundesliga auf Augenhöhe zu agieren. In kurzen Phasen können wir das, auf lange Sicht aktuell nicht. Ich hatte gehofft, dass das schneller besser wird. Die Realität ist aber eine andere, sie hat uns böse eingeholt. Beim 0:1 gegen Augsburg kann niemand meinen Spielern vorwerfen, dass sie nicht wollten. Aber diese Punkte und die gegen Freiburg, Hertha oder Mainz fehlen uns nicht, weil diese Mannschaften besser waren. Wir haben uns vielmehr zu wenige Chancen erarbeitet und uns gleichzeitig im Mittelfeld zu viele Ballverluste geleistet. Das sind nur Kleinigkeiten, aber mit großen Auswirkungen.

 

In der Rückrunde der vergangenen Saison hat der SCP gegen Heidenheim, Kiel, Union oder HSV genau die richtigen Spiele gewonnen. Spielt die Mannschaft jetzt in den falschen Spielen gut?

Baumgart: In welchen Spielen waren wir wirklich schlecht? In Köln waren wir nicht gut, bei unserem einzigen Saisonsieg gegen Düsseldorf über weite Strecken auch nicht. Gegen Hoffenheim waren wir nicht schlecht, da waren wir schlicht chancenlos. Wir können in dieser Liga nicht kontinuierlich auf einem Niveau spielen. Die Unterschiede zwischen den Top-Teams und dem Rest sind gravierend. Gegen die da oben können wir an einem normalen Tag nicht gewinnen, gegen die unteren Klubs müssen wir es. Aber auch da fehlt uns noch etwas. Man muss da auch ehrlich sein: Wenn ich vergleiche, was unsere Mitaufsteiger Köln und Union geholt haben und was wir gemacht haben, sind das Riesenunterschiede. Sicher haben wir gehofft, dass sich unsere Spieler schneller entwickeln.

Besonders bitter: Gegen Mainz und Augsburg verschoss ihr Team jeweils noch kläglich einen Elfmeter.

Baumgart: Das kommt dann auch noch dazu. Gegen Mainz hätten wir ausgeglichen, gegen Augsburg geführt. Das ist so. Aber wir hatten auch gegen andere Mannschaften genug Torchancen.

 

Bis zum Winter warten noch Topklubs wie Borussia Mönchengladbach, RB Leipzig oder der BVB. Bislang hat ihr Team gegen keine Mannschaft, die einstellig steht, etwas holen können. Wie kurz sind die Nächte mit Blick auf den Spielplan?

Baumgart: Schlaflos sind die nicht, aber die Gefahr sehe ich natürlich. Was passieren kann, wenn man gegen einen Topklub wie Leipzig viele Fehler macht, hat das 0:8 von Mainz gezeigt. Der BVB spielt für seine Verhältnisse im Moment nicht auf höchstem Niveau, aber die Qualität reicht aus, um jeden Fehler von uns auszunutzen. Sorgen mache ich mir deshalb nicht, denn auch dort werden wir alles dransetzen, um zu gewinnen. Wobei alles passieren kann, leider auch ein 0:5.

 

In Köln und Mainz flogen die Trainer, in Paderborn bleibt alles ruhig. Scheinbar hat niemand vergessen, wo der Verein vor zwei Jahren stand. Macht Sie das stolz?

Baumgart: In so einer Situation muss man vieles hinterfragen, auch die Arbeit des Trainers. Vier Punkte nach elf Spielen sind nicht normal, es wäre daher fahrlässig, das nicht zu tun. Das heißt ja nicht, dass man gleichzeitig die Position des Trainers infrage stellt. Mich ärgert diese Punkteausbeute maßlos. Im Moment ist es bei vier Punkten auch schwer, jemandem zu erklären, dass wir uns als Mannschaft trotzdem entwickeln. Das tun wir, das reicht aber aktuell nicht, um in der Bundesliga bestehen zu können.

Sie sind ein Kämpfer. Aber welches Szenario müsste eintreten, damit Sie von sich aus gehen würden?

Baumgart: Bundesliga ist Leistungssport und im Fußball zählen am Ende nur Entwicklungen und Ergebnisse. Aber ich bin weit davon entfernt, aufgeben zu wollen. Ich bin hier noch lange nicht am Ende. Ich sehe meine Jungs fast jeden Tag, sie ziehen mit und gehen den Weg mit. Das ist für mich entscheidend.

 

Wäre nicht jetzt der passende Moment, ein Signal zu senden: Wenn Ihr mich wollt, dann kann uns auch ein Abstieg nicht trennen!

Baumgart: Das Signal ist mein Vertrag. Der läuft noch bis 2021 und gilt auch für die 2. Bundesliga.

 

Sie haben aber eine Ausstiegsklausel.

Baumgart: Ich stelle mich nicht hin und sage, ich bleibe die kommenden zehn Jahre Trainer des SC Paderborn. Aber ich kann Ihnen versichern, dass ich nicht mehr hier bin, nur weil ich einen Vertrag habe. Der SC Paderborn ist für mich zu einem Verein geworden, der einen ganz besonderen Stellenwert hat. So wie Hansa Rostock für mich als Spieler eine besondere Rolle spielt, ist es der SCP für den Trainer Steffen Baumgart. Wir sind zusammen gewachsen, das werde ich nie vergessen.

Der SCP wäre in der 2. Liga, anders als vergangenes Jahr, finanziell sehr gut aufgestellt. Der Verein ist dann schuldenfrei, für Sebastian Schonlau, Luca Kilian oder Sebastian Vasiliadis werden zusätzlich sehr lukrative Angebote kommen.

Baumgart: Natürlich sind wir dann sehr gut aufgestellt. Wenn man dann aber den sofortigen Wiederaufstieg plant, wird es trotzdem schwierig. Wir konkurrieren dann wahrscheinlich mit Klubs wie Hannover 96 oder 1. FC Nürnberg. Wenn wir das leben, was wir reden, geht es dann zunächst darum, den SC Paderborn in den Top 30 des deutschen Fußballs zu etablieren.

 

Unser Eindruck ist, dass die Bundesliga der 2. Liga seit 2014 noch weiter entrückt ist. Konkret: Vor fünf Jahren hatte der SCP noch eine kleine Außenseiterchance, heute gar keine mehr. Täuscht das?

Baumgart: Ich hoffe. Allerdings sind wir auch mit einem anderen Ziel gestartet. Wir wollten die Bundesliga primär dazu nutzen, den SC Paderborn zu entschulden und den Profifußball-Standort Paderborn zu sichern. Trotzdem dürfen wir als Verein nicht vergessen, was die Bundesliga ausmacht. Dazu gehören sicher nicht vier Punkte nach elf Spielen.

 

Haben Sie die eigene Mannschaft überschätzt?

Baumgart: Wenn wir gewusst hätten, wie die Saison läuft, hätten wir bei den Transfers im Sommer vielleicht ein bisschen mehr investiert und damit riskiert. Hinterher sind aber alle klüger und deshalb noch mal: Wir haben uns gemeinsam für einen anderen Weg entschieden.

 

Was ist denn, wenn in den nächsten Jahren mal Arminia Bielefeld, Greuther Fürth, Heidenheim oder Aue aufsteigen...

Baumgart: Alles nur Gäste für einen Moment. Werder Bremen hat vergangene Saison gefühlt eine richtig gute Saison gespielt, ist aber trotzdem nur Achter geworden. Was müssen wir denn leisten, um in der Bundesliga zu bleiben? Andere Beispiele sind Mainz und Augsburg. Die spielen schon eine kleine Ewigkeit in der Bundesliga, stecken aber gefühlt trotzdem jedes Jahr im Abstiegskampf. Wenn ich sehe, was Paderborn für eine Stadt ist und was hier für eine Wirtschaftskraft steckt, müsste dennoch viel mehr möglich sein. Warum sich hier viele Unternehmer beim Profifußball zurückhalten, weiß ich nicht.

 

Der SCP-Etat entspricht etwa dem eines mittelmäßigen Zweitligisten. Kann das überhaupt funktionieren?

Baumgart: Natürlich hatten wir als Trainerteam das Vertrauen in diese Mannschaft. Aber wir stoßen an Grenzen. Wenn unser Mitkonkurrent Mainz im Winter noch einen Spieler holt, dann sicher keinen, den sie erst noch formen müssen. Der Spieler, der dann kommt, funktioniert. Wir überlegen auch, im Winter noch etwas zu machen. Aber das werden Spieler sein, die wir noch entwickeln müssen. Da wissen wir nicht, wo die Reise hingeht. Aktuell weiß ich auch nicht, ob einzelne Spieler noch drei Monate brauchen oder es gar nicht schaffen. Ich weiß nur, dass sie das Talent haben. Wir müssen viel über Glaube und Enthusiasmus machen, für fertige Spieler haben wir kein Geld. Das ist der größte Unterschied.

 

Rifet Kapic galt als Nachfolger von Philipp Klement, es fiel auch mal der Begriff »Balkan-Messi«. Hatten Sie da die Hoffnung, einen Ausnahmespieler für Paderborn geholt zu haben?

Baumgart: Ja, die Hoffnung war da, dass Rifet im zentralen Mittelfeld eine herausragende Rolle einnehmen kann. Philipp Klement hat in der vergangenen Saison mit seiner Leistung die gesamte Mannschaft ein Stück weit getragen. Diesen Ausnahmespieler haben wir im Moment nicht.

 

Mit Marcel Hilßner, Johannes Dörfler oder Jan-Luca Rumpf stehen fraglos entwicklungsfähige Talente im Kader, aber mal Hand aufs Herz: Kam für dieses Trio der Aufstieg zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt?

Baumgart: Uns hat immer ausgezeichnet, dass wir sehr schnell am Markt waren. Als wir mit Blick auf diese Saison tätig wurden, war noch nicht abzusehen, dass wir aufsteigen. Diese Spieler hatten wir eigentlich für die 2. Liga verpflichtet. Deshalb stelle ich mir manchmal auch die Frage, welches Problem die Leute haben: Dass wir nicht gegen Schalke gewinnen oder dass wir gegen Schalke spielen? Wir spielen nicht mehr gegen Aue oder Sandhausen, sondern gegen München, Dortmund oder Leipzig. Wer aber glaubt, nur weil wir gegen diese Teams spielen, begegnen wir denen auch auf Augenhöhe, der hat etwas nicht verstanden. Meine Jungs marschieren, wollen und geben alles. Es liegt nicht an der Einstellung und auch nicht daran, dass unsere Idee vom Fußball auf einmal schlecht ist.

 

Uwe Hünemeier und Christian Strohdiek wurden durch Sebastian Schonlau und Luca Kilian abgelöst. Haben Sie damit im Abwehrzentrum nicht nur den Generationenwechsel eingeläutet, sondern auch die Hierarchie im Team verändert?

Baumgart: Nein, nicht bei den beiden. Wenn es nach Leistung und Einstellung geht, müsste ich mit allen vier Innenverteidigern spielen. Das ist keine einfache Situation für mich. Natürlich stehen Schonlau und Kilian für den Generationenwechsel. Aber wenn es darum geht, was die Jungs zu sagen haben, sind Hünemeier und Strohdiek für mich aktuell sogar noch wichtiger. Das wird vorerst so bleiben und hat auch nichts damit zu tun, ob sie spielen. Das hat allein etwas mit ihrer Persönlichkeit zu tun.

 

Positiv ist, dass der SC Paderborn aktuell sieben Nationalspieler im Kader hat. Das spricht auch für Ihre Arbeit.

Baumgart: Wir dürfen uns dafür aber nicht feiern lassen. Am Ende zählt das nicht.

 

Wie groß ist die Sorge, dass der SCP in der Rückrunde aufgrund des feststehenden Abstiegs nur noch »Freundschaftsspiele« absolvieren wird?

Baumgart: Seitdem ich hier bin, gibt es keine Freundschaftsspiele, maximal Testspiele. Wir schenken auch nichts ab und bereiten uns auf die 2. Bundesliga vor. Aber wir werden sicher zweigleisig planen, alles andere wäre fahrlässig. Ich weiß natürlich nicht, mit wie vielen Punkten wir in die Pause gehen. Es könnte sein, dass keiner mehr dazukommt. Aber wir arbeiten auch an anderen Baustellen: Wir wollen das Stadion ausbauen und für das Nachwuchsleistungszentrum zwei weitere Plätze dazubekommen. Wenn uns das gelingt, hat der Verein wieder einen Riesenschritt gemacht. Dann ist alles im grünen Bereich.

 

Werden Sie in der Winterpause noch Spieler nachverpflichten?

Baumgart: Es geht nicht darum, Harakiri zu machen. Es geht auch nicht allein darum, die Bundesliga zu erhalten. Es geht darum, die Mannschaft weiterzuentwickeln und gut gerüstet in die nächste Saison zu gehen. Wir wollen Spieler holen, die bereit sind, eigene Wege zu gehen. Wir brauchen niemanden, der sich hier nur Geld abholen will.

Kommentare

Bester SCP Trainer bislang


Baumgart ist der beste SCP Trainer bislang. Es wäre schön, wenn er noch lange bei uns bliebe.

Es tut gut, so eine realistische Einstellung zu hören, die trotzdem zielstrebig ist. Von denen, die jetzt alles besser wissen wollen und nur auf das aktuelle Tabellenbild schauen, darf man sich nicht beirren lassen. Das passiert hier glücklicherweise nicht. Der Großteil, den ich kenne, steht voll und ganz hinter diesem Weg und hinter dem Trainer sowieso. Wir können alle froh sein, wenn uns Baumgart möglichst lange erhalten bleibt, gerne auch noch 10 Jahre.... Er tut dem SCP extrem gut!

Baumgart hat genau die richtige Einstellung.
Es zeigt sich aber auch, dass im Winter eventuell im Mittelfeld nochmal nach einem entwicklungsfähigen Spielmacher geschaut wird.

Wir haben nicht vergessen wo wir herkommen und was Steffen in Paderborn geleistet hat,
auch auf unsere Mannschaft sind wir stolz und deshalb gibt es auch nach Niederlagen
einen aufmunternden Applaus statt Pfiffe. Wenn wir absteigen ist das halt so.

4 Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7066114?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198358%2F