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Do., 28.11.2019

Paderborns Ex-Manager Markus Krösche will RB Leipzig zu einer Marke in Europa machen - mit Video In einer anderen Welt

Lange hat’s gedauert: RB-Fan Steve Setzer bekommt ein Autogramm von Markus Krösche.

Lange hat’s gedauert: RB-Fan Steve Setzer bekommt ein Autogramm von Markus Krösche. Foto: Oliver Schwabe

Von Matthias Reichstein

Leipzig (WB). Der November in Leipzig ist kalt und ungemütlich. Im Dauerregen wirkt auch die imposante RBL-Fußball-Akademie am Cottaweg grau und trist. Doch nur für einen Moment, denn drinnen bietet sich ein anderes Bild. 350 Mitarbeiter arbeiten auf 13.500 hochmodernen Quadratmetern an einem Ziel: RB Leipzig zu einer Marke im europäischen Top-Fußball zu machen. Eine entscheidende Rolle spielt Markus Krösche, Sportdirektor bei den Sachsen.

Ein paar Kiebitze stehen draußen am Trainingsplatz und lassen sich nass regnen. Einer ist Steve Setzer. Der 37-Jährige ist mehr als nur Fan. Seine gesamte Wohnung ist voll mit Utensilien des erst 2009 gegründeten Klubs. »Nur die Küche ist noch nicht Rot und Weiß«, sagt Setzer, der eigentlich mal Bayern-Anhänger war: »Aber die wurden mir zu arrogant. Besonders der Hoeneß. Und als dann die Bundesliga auch zu uns kam, war das Thema München für mich erledigt.«

Die Bundesliga kam dank wirtschaftlicher Kraft der Red Bull GmbH aus Österreich. In nur sieben Jahren wurde aus dem Oberligisten SSV Markranstädt der Erstligist RB Leipzig. Zum Frust vieler Fans. Ihr Urteil: Der Produzent von Energydrinks zerstöre die Fußballkultur. Die Kritik nehme er gar nicht mehr wahr. Nur beim Saisonstart in Berlin, versichert dagegen Krösche. Der 39-Jährige hatte im Juni die Seiten gewechselt. Das Geld und die glänzenden Perspektiven waren fraglos gute Gründe, Krösches Mission war mit Paderborns Rückkehr in die Bundesliga auch erfüllt: »Das Größte, was der Verein erreichen kann, war geschafft.« Anders ausgedrückt: Mehr geht nicht.

Vom Westen zog es ihn 30 Jahre nach dem Mauerfall in den Osten. Krösche war neun Jahre alt, als Deutschland wieder zusammenwuchs. Die Wendezeit kennt er daher nur aus Geschichtsbüchern, Begriffe wie Ossi oder Wessi sind ganz weit weg: »Das ist für meine Generation kein Thema. Ich erlebe Leipzig als offen, angenehm und lebenswert.«

»Bodenständig. Sympathisch.«

Das mag für die Stadt gelten, für seinen neuen Arbeitgeber noch nicht. In Paderborn liefen die Anhänger sofort Sturm und verhinderten die Kooperation, ehe überhaupt über Inhalte gesprochen worden war. »Die Fan-Reaktionen bei Union Berlin waren auch schwierig. Aber grundsätzlich werden wir positiv aufgenommen. Das liegt sicher auch an der Art und Weise, wie wir Fußball spielen, wie wir auftreten und uns als Verein präsentieren«, glaubt der Betriebswirt und beschreibt seinen Verein so, wie er selbst auf andere wirkt: »Bodenständig. Sympathisch.«

Viele Fans sehen das noch völlig anders, und auch Krösche kann ganz anders. Als seine hoch bezahlten Profis an ihren freien Tagen ausgedehnte Shopping-Touren mit dem Flugzeug unternahmen, verkündete er kurzerhand ein Verbot. Als der teuerste Bullen-Kader aller Zeiten beim 1:2 in Freiburg bockte, wenig Aggressivität und gar keine Gier zeigte, lud der Ex-Profi direkt nach dem Rückflug und damit noch in der Nacht zur Spielersitzung: »Kleine Dellen sind bei einer jungen Mannschaft ganz normal. Aber ich bin auch einer, der sehr deutlich sagt: ›Wehret den Anfängen‹. Da spreche ich lieber Dinge sofort und offen an.« Wobei er Ansprachen dieser Art gar nicht so gerne mag: »Grundsätzlich lasse ich dem Trainer alle Freiheiten.«

Wenn nichts Außergewöhnliches passiert, wird Paderborns Weg im Mai 2020 wieder in die 2. Liga führen, alles andere wäre eine gefühlte Meisterschaft. Dass es für seinen Ex-Klub schwer werden würde, hatte Krösche erwartet – den SC Paderborn als Ligaletzten mit fünf Punkten nach zwölf Spieltagen nicht. »Der SCP hat es gerade zu Saisonbeginn verpasst, sich für gute Leistungen entsprechend zu belohnen. Deshalb spiegelt die Punktebilanz nicht im Ansatz die Leistung wider. Acht, neun Zähler mehr wären ohne Probleme möglich gewesen. Das ist schade«, sagt Krösche.

Netzwerk weltweit ausbauen

Gleiche Klasse, aber eine andere Liga: RB Leipzig lebt in einer völlig anderen Welt. »Ausbildung auf europäischem Top-Niveau«, lautet eine RB-Philosophie. »Das müssen wir kombinieren«, verlangt der Kaderplaner von Trainer Julian Nagelsmann und benennt klare Ziele: »Wir wollen künftig verlässlich in der Champions League spielen und dort die Vorrunde überstehen. Das ist unser Anspruch.« Die Nummer eins in Europa zu werden, wäre daher das logische Fernziel, der Gewinn der deutschen Meisterschaft ist schon in absehbarer Zeit realistisch. Doch was bedeuten schon Zeitfenster bei einem Verein, den es erst seit zehn Jahren gibt?

RB Leipzigs internationaler Aufstieg fordert viel Energie, Kraft und Zeit. Sieben Tage die Woche, 24 Stunden – so nimmt Krösche gerade seinen Job wahr. Die vielen Mitarbeiter kennenzulernen ist das eine, das gute nationale Netzwerk weltweit ausbauen das andere. Erst Madrid und Mailand, dann über London zurück nach Leipzig ­– das waren Stationen in der Länderspielpause. Auch deshalb holte Krösche nach acht Wochen allein in der Messestadt im August seine Familie nach. Gemeinsam mit Ehefrau Viktoria und den Töchtern Maya (10) und Clara (8) bezog er eine Stadtwohnung. »Wenn ich die betrete, kann ich innerhalb von wenigen Minuten völlig abschalten«, sagt Krösche. Als er Paderborn zum ersten Mal verließ, um in Leverkusen an der Seite von Roger Schmidt Co-Trainer zu werden, ließ der ausgebildete Fußballlehrer die Familie im gewohnten Paderborner Umfeld zurück. Im Nachhinein ein Fehler: »Meine Frau hat damals ganz klar gesagt: Wenn du noch einmal gehst, dann kommen wir alle mit.«

Am Samstag auf dem Weg zur Bank links halten

Am Samstag kehrt Krösche zurück. Die Vorfreude ist groß. Muss auch so sein, denn sein Name wird für immer mit den größten Erfolgen in der Vereinsgeschichte in Verbindung stehen. Mit ungewöhnlichen Fan-Reaktionen rechnet er aber nicht. Schließlich würde ja nicht Krösche gegen Paderborn antreten. Etwas besonders wird die Stimmung in der Benteler-Arena sein und auch sein Platz. Der RB-Manager muss sich auf dem Weg zur Bank links halten, dort, wo die Gäste sitzen.

Steve Setzer ist nicht dabei. »Das Spiel werden sie auch ohne mich gewinnen«, ist der Familienvater überzeugt und grinst. Der Regen hat mittlerweile aufgehört, Spieler und Trainer bleiben stehen, erfüllen alle Autogrammwünsche und posen für Selfies. Auch Markus Krösche. »Den habe ich hier noch nie gesehen«, sagt Setzer und wünscht sich etwas mehr Fannähe vom Rangnick-Nachfolger: »Der Krösche ist zu schüchtern. Aber das legt sich.«

Spätestens dann, wenn er den ersten Titel nach Leipzig holt. Mauern fallen dann keine mehr, einige Dämme werden aber bestimmt brechen.

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