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Fr., 17.01.2020

Bayer Leverkusens Geschäftsführer Rudi Völler kritisiert den Videobeweis und lobt den kommenden Gegner SC Paderborn „Für mich ist das nur sehr schwer zu ertragen“

Paderborn (WB). Rudi Völler war Weltmeister, Teamchef der Nationalelf, Sportdirektor bei Bayer Leverkusen und ist seit 2018 Geschäftsführer Sport beim Werksklub. Vor dem Gastspiel des Ligasechsten am Sonntag (18 Uhr, Benteler-Arena) in Paderborn redet die 59-jährige Fußball-Legende im Interview mit dem WESTFALEN-BLATT über den SCP, seine ehemaligen Angestellten Roger Schmidt und Markus Krösche, den Videobeweis und verrät seinen Meistertipp. Mit ihm sprach Matthias Reichstein.

Herr Völler, am Sonntag gibt es das dritte Duell zwischen Bayer 04 Leverkusen und dem SC Paderborn. In der Bundesliga und im Pokal siegte Bayer knapp. Wie ist Ihnen der SCP da in Erinnerung geblieben und was erwarten Sie für ein Spiel?

Völler: Wir sind gewarnt. Paderborn hat es in beiden Spielen sehr gut gemacht, die Spieler haben eine hohe Qualität, sind gut eingestellt, spielen ein klares System und deshalb ist Paderborn für mich in der Lage, die Klasse noch zu halten.

Paderborns Fußball muss Ihnen als ehemaligem Stürmer ohnehin gut gefallen.

Völler: Mir wäre es lieber gewesen, gegen uns wäre es nicht ständig hin und her gegangen, aber die Mannschaft hat ja nicht nur gegen uns Topleistungen abgerufen. Ganz Fußball-Deutschland erinnert sich an das 3:3 in Dortmund nach einer 3:0-Führung zur Pause. Oder an die knappen 2:3-Niederlagen gegen die Bayern und Leipzig. Wer so Fußball spielt, lässt auch Chancen für den Gegner zu. Das wissen die Paderborner, aber diesen Fußball mit der offensiven Wucht wollen die Zuschauer sehen.

Paderborns Trainer Steffen Baumgart sieht die Bundesliga-Aufsteiger nur noch als Gäste für zwei, drei Jahre. Haben vergleichsweise kleine Neulinge wie Paderborn oder vielleicht bald Arminia Bielefeld tatsächlich keine Chance mehr?

Völler: Das muss man so extrem nicht sehen. Arminia Bielefeld – die es übrigens in der 2. Liga richtig gut machen – oder auch Paderborn haben immer eine Chance. Sehen Sie sich das aktuelle Spannungsfeld in der Bundesliga an: Da gibt es noch mindestens acht Klubs, die es erwischen kann. Werder hat 2018/19 eine super Saison gespielt und ist jetzt Vorletzter. Neuling Union steht dagegen mit 20 Punkten auf Platz elf.

Bayer überwintert mit 28 Punkten auf Platz sechs. Was geht da noch?

Völler: Zunächst wollen wir mal am Sonntag mit drei Punkten in Paderborn gut in die Rückrunde starten, wie wahrscheinlich alle Klubs. Voraussetzung ist aber, dass wir uns anders präsentieren als zum Abschluss der Hinrunde. Da haben wir zwar in Mainz 1:0 gewonnen, die Leistung war aber nicht gut. Wie davor auch beim 0:1 gegen die Hertha und beim 0:2 in Köln. Woran das lag? Ich habe nach unseren Siegen gegen die Bayern, Schalke und in der Champions League nach dem guten Auftritt gegen Turin innerhalb weniger Tage einen Spannungsabfall beobachtet. Da haben wir die Kurve nicht mehr richtig bekommen. Wenn wir das am Sonntag nicht viel besser machen und keine Top-Leistung zeigen, könnten wir auch in Paderborn mit leeren Händen dastehen.

Mit welchem Ziel geht Bayer in die Rückrunde?

Völler: Wir wollen auch 2020/21 wieder international dabei sein und das am liebsten in der Champions League. Das wird sehr schwer, weil ich die Bayern, Leipzig und Dortmund ganz vorne sehe und dann wäre nur noch ein Platz frei. Da hat Mönchengladbach im Moment eindeutig die Nase vorn. Darüber hinaus stehen wir in Konkurrenz mit Schalke, Wolfsburg und vielleicht noch einer Überraschungsmannschaft. Vor einem Jahr haben wir übrigens das erste Rückrundenspiel gegen Gladbach zuhause verloren, hatten zwölf Punkte Rückstand und haben die Borussia dann noch überholt. Das sollte uns Mut machen, auch wenn es schwer wird, weil Gladbach in diesem Jahr viel stabiler ist. Außerdem spielen wir noch in beiden Pokalwettbewerben, auch da wollen wir weit kommen und besser abschneiden als vergangenes Jahr.

Es vergeht kaum ein Tag ohne eine Meldung über den zweifellos hochtalentierten Kai Havertz. Wie ist da im Moment Ihre Rolle: Arbeitgeber, Beschütze oder Ratgeber?

Völler: Wir stehen ständig im Austausch. Mit dem Spieler, mit der Familie und mit seinem Berater. Der Umgang ist offen und ehrlich, da gibt es keine Geheimnisse. Kai ist unser Eigengewächs, hat ein außergewöhnliches fußballerisches Können, kann im Mittelfeld auf sehr hohem Niveau alle Positionen spielen und ist deshalb für uns ein Geschenk des Himmels. Er hat in der Vorbereitung sehr gut gearbeitet und wird eine tolle Rückrunde spielen. Dass so ein außergewöhnlicher Spieler uns irgendwann mal verlässt, wissen wir. Wann das sein wird, werden wir sehen.

Sie haben auch mit zwei Paderbornern zusammengearbeitet: Wie war denn die Zeit mit Cheftrainer Roger Schmidt und Markus Krösche als Assistenten?

Völler: Mit Roger habe ich immer noch Kontakt. Er lebt jetzt in Düsseldorf und seitdem er aus China zurück ist, trinken wir immer mal wieder gerne einen Rotwein zusammen. Roger ist ein toller Trainer, der in den ersten Jahren bei uns eine sensationell gute Arbeit abgeliefert hat. Im Moment nimmt er sich eine Auszeit, aber spätestens im Sommer wird er wieder in Deutschland oder im Ausland einen Topklub trainieren. Da bin ich sicher, denn die Qualität hat er. Für Kröschi freue ich mich total. Er ist ein hochanständiger und intelligenter junger Mann, den Roger zu uns geholt und der bei Bayer 04 zum ersten Mal so richtig ins Profigeschäft reingeschnuppert hat.

War Markus Krösche da schon mehr Teammanager?

Völler: Nein. Ich habe ihn ganz klar als Trainer gesehen, das war auch meine feste Überzeugung. Das habe ich ihm auch gesagt, als wir uns 2017 in Köln zum ersten Mal wieder getroffen haben. Damals war er schon Manager in Paderborn und bekam seine Fußballlehrer-Lizenz. Aber Kröschi kann beides, das zeigt er in Leipzig. Und was jetzt nicht ist, kann ja noch werden.

Aber Sie sehen Roger Schmidt im Sommer wieder als Trainer in der Bundesliga?

Völler: Das hängt von seiner persönlichen Lebensplanung ab. Aber ich weiß, dass Roger bei vielen Topklubs im In- und Ausland auf dem Zettel steht. Diesen guten Namen hat er sich erarbeitet.

Als Spieler und Trainer waren Sie immer sehr emotional dabei. Auch wenn man im Alter ruhiger wird, wie sehr nervt Sie der Videobeweis?

Völler: Nerven? Nein, das hört sich zu negativ an. Bei der Einführung vor zwei Jahren war ich sehr skeptisch – und die Skepsis wurde auch bestätigt. Dann lief es besser, aber im letzten halben Jahr gab es wieder viele strittige Entscheidungen. Bei jedem zweiten Treffer muss ich heute erst schauen, ob der Zeigefinger des Schiris in Richtung Ohr geht und das Tor anschließend überprüft wird. Das dauert dann mindestens 30 Sekunden, wenn es schlecht läuft, sogar mehrere Minuten. Jubeln kann man heute erst dann, wenn der Gegner den Anstoß ausgeführt hat. Ich bin ja ein Kind der Bundesliga, für mich ist das nur sehr schwer zu ertragen.

Dafür ist der Fußball etwas gerechter geworden.

Völler: Das stimmt. Aber was ich problematisch finde, ist die Idee, mit der Abseitsregelung großzügiger umzugehen. Wenn es nur Zentimeter sind, soll ein Tor künftig noch gelten. Aber da sage ich: Ein bisschen schwanger geht auch nicht. Für mich macht es keinen Unterschied, ob der Spieler ein paar Meter oder nur ein paar Zentimeter im Abseits steht, wenn es denn klar zu erkennen ist.

Sie waren fast 20 Jahre Profi. Können Sie mir kurz erklären, was im Fußball ein Handspiel ist?

Völler: Die Frage Handspiel oder nicht war schon immer schwer zu lösen und dabei bleibt es auch. Früher gab es allerdings nur zwei Unterschiede: Absicht oder nicht.

Der Gewinn des WM-Titels in Italien jährt sich am 8. Juli zum 30. Mal. Wie blicken Sie heute auf den größten Tag Ihrer Laufbahn zurück?

Völler: Weltmeister bleibt man ein Leben lang. Das ist das Größte, was ein Fußballer erreichen kann. Im Verein habe ich drei Jahre später mit Olympique Marseille auch die Champions League gewonnen. Das waren riesige Erfolge. Leider war ich nie Deutscher Meister, aber dafür kann ich mit einem meiner Lieblingssprüche kontern: Ich habe die wichtigen Titel gewonnen.

Sie werden am 13. April 60. Da denken nicht wenige an ihre Rente, auch Rudi Völler?

Völler: Das ist noch eine Weile weg. Im Moment fühle ich mich in meinem Umfeld mit Fernando Carro, Simon Rolfes und Stefan Kießling sehr wohl, aber auch meine Zeit bei Bayer 04 ist nicht unendlich.

Bekommen Sie überhaupt mal Rente?

Völler: Natürlich. Ich bin normaler Arbeitnehmer und habe immer brav eingezahlt.

Die Bundesliga-Profis tippen auf den SC Paderborn als Absteiger und RB Leipzig als Meister. Was glauben Sie?

Völler: Mein Favorit ist immer noch der FC Bayern München, die haben den besten Kader und die beste Mannschaft. Aber es wird sehr viel spannender. RB Leipzig und Borussia Dortmund werden dranbleiben, deshalb ist die Titelverteidigung – wie schon im Vorjahr – kein Selbstläufer mehr. Und unten bleibe ich dabei, was ich eingangs gesagt habe: Der SC Paderborn hat alle Chancen, die Liga zu halten. Die Truppe hat ihre Qualität in der Hinrunde angedeutet, nichts zu verlieren und für mich Vorteile gegenüber den Klubs, die da unten überraschend reingerutscht sind.

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