SCP-Trainer Baumgart untermauert seine Schiedsrichterkritik
„Das ist absolut grenzwertig“

Paderborn (WB). Paderborns 2:4 gegen den VfL Wolfsburg war noch nicht lange vorbei, Manager Martin Przondziono hatte gerade schon beschwichtigend auf seinen Trainer eingeredet, da nahm sich Steffen Baumgart ein paar Momente Zeit für sich und seine Gedankenwelt.

Dienstag, 04.02.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 04.02.2020, 08:10 Uhr
Jetzt besser nichts sagen: Nach dem Wolfsburg-Spiel redete Paderborns Trainer Steffen Baumgart aber wieder Klartext. Foto: Jörn Hannemann
Jetzt besser nichts sagen: Nach dem Wolfsburg-Spiel redete Paderborns Trainer Steffen Baumgart aber wieder Klartext. Foto: Jörn Hannemann

Die Augen von einer Hand verdeckt, stand der 48-Jährige da, irgendwo im Nirgendwo zwischen Fassungs- und Ratlosigkeit. Da war doch tatsächlich wieder eine Partie von Gegnern beeinflusst worden, die Spieler und Verantwortliche dieses Außenseiters par excellence vor Saisonbeginn gar nicht als solche auf dem Schirm hatten: die Schiedsrichter.

Wöchentlich grüßt die Doppelmoral. So fühlen sie sich im Lager des Ligaletzten. Hier der leichte Schlag von Gerrit Holtmann, der mit der Roten Karte bestraft wird (33.). Dort ein hartes Foul des bereits verwarnten Wölfe-Kapitäns Josuha Guilavogui an Sebastian Vasiliadis, der von Patrick Ittrich (Hamburg) lediglich ein paar ermahnende Worte zu hören bekommt (20.). „Das eine ist ein Wischer gegen die Schulter, das andere das Inkaufnehmen einer Verletzung. Das so zu bewerten, ist absolut grenzwertig“, sagte Baumgart.

„Schiedsrichter unterscheiden zwischen Vereinen und Personen”

Wäre Josuha Guilavogui nicht Josuha Guilavogui, sondern ein Mann mit Helm und dem Namen Klaus Gjasula gewesen, da ist sich der Coach sicher, hätte es in dieser Szene unter Garantie eine zweite Gelbe und damit Gelb-Rot gegeben: „Da gehe ich jede Wette ein.“ Was Baumgart mit diesem Vergleich zum Ausdruck bringen will und was ihn momentan am meisten nervt, ist das Gefühl, dass differenziert wird, es eine Rolle spielt, wer sich welches Vergehen leistet. Foul ist nicht gleich Foul. Zur Begründung der These hat der Fußballlehrer einen weiteren Beleg zur Hand: „In Freiburg bekommt Jamilu Collins nach seinem zweiten Foul überhaupt die Gelb-Rote Karte. Genau das ist mein Problem. Die Schiedsrichter unterscheiden zwischen Vereinen und Personen, aber das ist nicht ihre Aufgabe. Wer mir in dieser Angelegenheit das Gegenteil beweisen will, hat einiges zu tun.“

Geht um den Fußball an sich

Nein, Baumgart redet nicht gerne über das leidige Thema, aber er hat weitaus weniger Interesse daran zu schweigen, wenn er sein Team und sich nicht fair, nicht nachvollziehbar behandelt wähnt. „Es tut mir leid. Ich kann meine Klappe nicht halten“, sagt er.

Zuvorderst geht’s dem gebürtigen Rostocker um den SCP, aber es geht ihm auch um den Fußball an sich. Ob die Ampelkarte – wegen mehrerer abfälliger Gesten – gegen Gladbachs Alassane Pléa im Spiel gegen Leipzig oder die dritte Gelbe Karte, die Baumgart selbst eine Woche zuvor in Freiburg gesehen hat – Referees und Regeln bieten dem ehemaligen Bundesligastürmer Angriffsflächen ohne Ende: „Wurde nach dem Spitzenspiel in Leipzig, das wirklich ein Spitzenspiel war, über unseren Sport gesprochen oder ging es um die, die doch eigentlich unauffällig sein sollen? Wurde nach unserem überragenden Sieg in Freiburg über unsere Leistung gesprochen oder nicht doch eher über meine angebliche Respektlosigkeit? Reden wir über die Show oder über die, die die Show leiten?“ Zu schreiben, dass es in Baumgart brodelt, wäre eine der Untertreibungen der Saison. Der Vulkan ist längst ausgebrochen.

Von Frust zu Trotz

Die Spieler weiß der Trainer an seiner Seite. Sich nicht über die gefühlte Ungleichbehandlung zu beschweren, ist auch für Uwe Hünemeier keine Option: „Sollen wir das einfach über uns ergehen lassen? Wir beschweren uns nicht aus Spaß, sondern haben den Eindruck, dass jede 50:50-Situation gegen uns entschieden wird.“

Warum das so ist, da kann auch der Innenverteidiger nur mutmaßen: „Vielleicht, weil die Schiris denken, mit den kleinen Paderbornern können wir es schon machen?“ Eine Antwort auf diese Suggestivfrage erwartet „Hüne“ nicht. Der Routinier richtet den Blick lieber nach vorne. Der Übergang von Frust zu Trotz ist fließend: „Wir werden uns weiter wehren, auch körperlich nicht nachgeben und versuchen, eine Antwort zu finden.“ Oder, wie es Baumgart mit mehr als einem Hauch Sarkasmus formuliert: „Wir stehen wieder auf und warten mal ab, bis der nächste Schlag kommt.“

Kommentare

Georg Schneehahn  schrieb: 05.02.2020 19:10
Respekt ist keine Einbahnstraße
Baumgart und Hünemeier haben natürlich völlig Recht. Das ist auch anderen schon so ergangen, bei uns häuft sich das aber in letzter Zeit. Übrigens war es in der ersten Bundesligasaison auch schon deutlich zu spüren (dass jede 50/50-Situation gegen PB entschieden wurde).

Interessanterweise scheint ein Umdenken schon bei einzelnen eingesetzt zu haben. Während SR Stieler noch die Moralkeule schwingt (die Vorbildfunktion für den Amateurbereich...), hat SR Winkmann beim Spiel Bremen gegen Dortmund Besonnenheit und Fingerspitzengefühl gezeigt. Wobei Moisander wohl eher als Holtmann eine "Tätlichkeit" attestiert werden könnte. Aber das Spiel wäre dann für Bremen vorbei gewesen und Dortmund hätte mit noch mehr Übergewicht das Ding wohl noch gedreht. Das scheint Winkmann durch den Kopf gegangen zu sein, und anscheinend wollte er nicht derjenige sein, über den hinterher alle sprechen.
Klaus Müller  schrieb: 04.02.2020 12:23
Ittrich ist ein Wolfsburger
Wer kann sich noch an das Skandalspiel vom letzten Jahr erinnern? Wolfsburg vs Schalke 2:1
Es gab eine rote Karte gegen Wolfsburg, die zu Unrecht zurückgenommen wurde. Zudem gab es eine gelbe Karte für Schalke, die dann zu Rot geändert wurde. Beides Szenen, die aufzeigen, dass Ittrich jede Linie in seinen Entscheidungen vermissen lässt.
Denn übertragen auf das Spiel des SCP vs Wolfsburg, hätte er die Rote gegen Holtmann nicht geben dürfen und Josuha Guilavogui nach seinem bösen Foul gegen Vasiliadis vom Platz stellen müssen.

Das ist verkehrte Welt was hier passiert ist und zeigt deutlich eine fehlende Objektivität.
2 Kommentare
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