SCP-Manager Martin Przondziono über Schiedsrichter, Verträge und den Klassenerhalt
„Wir reden den Fußball kaputt“

Paderborn (WB). Wintertransfers, Videobeweis, Schiedsrichterkritik, Ungleichbehandlung und Benachteiligung eines Aufsteigers und nicht zuletzt der Kampf um das große Ziel Klassenerhalt: Es gibt viele Themen beim SC Paderborn. Vor dem Auswärtsspiel an diesem Samstag beim FC Schalke 04 (15.30 Uhr, Sky) sprach Peter Klute mit dem Geschäftsführer Sport Martin Przondziono.

Samstag, 08.02.2020, 09:06 Uhr aktualisiert: 08.02.2020, 09:28 Uhr
Fußball-Akrobat am Spielfeldrand: Paderborns Manager Martin Przondziono war selbst lange Profi. Foto: Jörn Hannemann
Fußball-Akrobat am Spielfeldrand: Paderborns Manager Martin Przondziono war selbst lange Profi. Foto: Jörn Hannemann

 

Herr Przondziono, Steffen Baumgart hat sich nach dem Wolfsburg-Spiel für seine wiederholte Kritik an den Schiedsrichtern vorsorglich bei Ihnen entschuldigt. Haben Sie die Entschuldigung angenommen?

Martin Przondziono: Ich kenne Steffen. Daher bin ich direkt nach dem Abpfiff zu ihm gegangen und habe ihm gesagt, dass es besser sei, wenn wir dazu erstmal nichts sagen. Das war nicht ganz unbegründet, denn ich wusste, was kommt. Auch ich selbst musste mich da zurücknehmen. Es ist ein schwieriges Thema zurzeit, nicht nur bei uns, sondern deutschlandweit. Den richtigen Lösungsansatz habe ich momentan auch nicht. Wir müssen vorsichtig sein, ob eine Kritik immer etwas bringt oder ob eine Beschwerde, und das Gefühl habe ich gerade, gegen uns verwendet wird. Wir werden noch einmal genau besprechen, wie wir damit in Zukunft umgehen.

 

Jastrzembski steht im SCP-Kader

Mit vier Änderungen im Kader geht Fußball-Bundesligist SC Paderborn ins zweite Auswärtsspiel des Jahres. Trainer Steffen Baumgart nominierte am Freitag den 19-jährigen Junioren-Nationalspieler Dennis Jastrzembski, der erst kurz vor Transferschluss von Ligakonkurrent Hertha BSC ausgeliehen worden war.

Außerdem rücken wieder „Mo“ Dräger (hatte Wadenprobleme) sowie die zuletzt gesperrten Jamilu Collins und Klaus Gjasula ins Aufgebot für die Partie beim FC Schalke 04. Im Vergleich zum Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg (2:4) müssen Marlon Ritter, Rifet Kapic, der rotgesperrte Gerrit Holtmann und Jungprofi Adrian Oeynhausen ihre Plätze räumen.

So könnten sie spielen

Schalke: Nübel - Schöpf, Kabak, Nastasic, Oczipka - Mascarell - Harit, Serdar, Matondo - Raman, Gregoritsch

Paderborn: Zingerle - Jans, Schonlau, Strohdiek, Collins - Pröger, Sabiri, Vasiliadis, Antwi-Adjei - Srbeny, Mamba

Schiedsrichter: Brych (München)

...

Sie haben eine Gesprächsrunde angeregt, um sich auszutauschen. Sonst gehe der Fußball kaputt. Haben Sie darauf eine Resonanz bekommen?

Przondziono: Es gibt einige, mit denen ich darüber gesprochen habe. Ich habe mich auch beim DFB gemeldet, aber bisher noch keinen Rückruf erhalten. Grundsätzlich glaube ich, dass wir gerade dabei sind, den Fußball komplett kaputtzureden, kaputtzupfeifen und kaputtzuschreiben. Ich finde das sehr schade, weil wir nach einem Spiel gar nicht mehr über gelungene Aktionen, tolle Pässe, Flanken, Flugkopfbälle oder Fallrückzieher reden, sondern nur noch über schlechte Schiedsrichterentscheidungen.Wenn ich die jüngsten Fälle Wagner, Moisander und Holtmann vergleiche, komme ich ins Grübeln. Vor der Saison haben die Schiedsrichter auf der Managertagung mit uns gesprochen, aber seitdem gibt es keine Kommunikation mehr. Um Weihnachten herum ist uns dann mitgeteilt worden, dass ab sofort alles abgepfiffen wird, wenn es um Reklamationen geht. Schlimm finde ich es, dass das nicht zusammen erarbeitet, sondern uns auferlegt wird. Fußball ist nicht umsonst ein Volkssport, weil er vom Bäcker, Fleischer, Banker und Aufsichtsratsvorsitzenden in der ganzen Welt so gelebt werden kann. Die meisten von uns betreiben den Sport aus der Emotion und Leidenschaft und nicht aus Geldgier. Deshalb sollte man die Emotionen auch nicht stoppen. Dass man durch die neuen Regeln die Vorbildfunktion stärkt, dass es in der Kreisliga nicht mehr denjenigen gibt, der den Schiedsrichter verprügelt, diese Verbindung habe ich überhaupt nicht. Wir brauchen einen Schulterschluss, sonst gehen irgendwann mal die Fans nicht nur verbal auf die Schiedsrichter los.

 

Der Berliner Jordan Torunarigha soll von einigen Schalke-Chaoten rassistisch beleidigt worden sein. Auch der SCP hat dunkelhäutige Spieler wie Christopher Antwi-Adjei, Streli Mamba oder Jamilu Collins. Befürchten Sie am Samstag Ähnliches?

Przondziono: Ich finde es unfassbar, dass es so etwas gibt und das ist für mich ganz weit weg. Wir kennen das Problem aber aus der 2. Bundesliga. Nicht dass die Zuschauer sich gegenüber unseren Spielern geäußert haben, aber ich wurde in der vergangenen Saison bei einem Auswärtsspiel auf der Tribüne gefragt, von welcher Müllhalde denn der Neger käme, den wir da einwechseln. Da habe ich mich schon gefragt, wo leben wir hier eigentlich? Das macht mir wirklich Angst und ich hoffe, dass die Leute, die daneben stehen, ­Zivilcourage zeigen und regulierend eingreifen.

Der SCP hat in der Winterpause sechs Spieler abgegeben und vier geholt. Wie zufrieden sind Sie mit dieser Bilanz und dem neuen Kader?

Przondziono: Wir sind absolut zufrieden, weil die neuen Spieler viel näher an möglichen Einsätzen sind als die, die wir abgegeben haben. Wir haben immer gesagt, dass wir die Bedingungen hier annehmen. Dazu gehört auch, dass ich den Spielern sage, wenn es Angebote gibt. Das heißt nicht, dass ich sie abgeben möchte. Cauly Souza wollte die Chance in Bulgarien nutzen, auch Klaus Gjasula hatte eine Anfrage aus dem Ausland, hat aber sofort signalisiert, dass das für ihn nicht in Frage käme. Wir hätten auch Topspieler abgeben können, aber das wollte ich nicht, denn dann hätte es so ausgesehen, als schenken wir im Kampf um den Klassenerhalt ab. Ich sehe uns in der Breite jetzt besser aufgestellt, vor allem auch für die Zukunft.

Gegen Wolfsburg wurde der Sprung auf einen Nicht-Abstiegsplatz verpasst. Wie weh tat dieses 2:4?

Przondziono: Das war sehr ärgerlich, weil ich damit gerechnet hatte, dass wir das Spiel gewinnen können. Aber die Leistung war gut, selbst in Unterzahl hätten wir das Spiel noch drehen können. Die Jungs waren nicht blockiert und wir sind immer noch dabei, nachdem im Herbst keiner mehr mit uns gerechnet hatte.

 

Die beiden Auswärtsspiele in Gelsenkirchen und bei den Bayern vor der Brust, da war es eigentlich Pflicht, die beiden Heimspiele gegen Wolfsburg und Hertha zu gewinnen. Jetzt muss auch mal ein Überraschungssieg her, oder?

Przondziono: Den haben wir ja schon in Freiburg geholt und die Saison ist nach dem Bayern-Spiel noch lange nicht zu Ende. So lange wir dran sind, ist es müßig zu sagen, wir müssen dieses oder jenes Spiel gewinnen. Das ist nicht der richtige Weg. Und der Dezember hat uns gelehrt, dass es mit einem Lauf ganz kurzfristig wieder in die richtige Richtung gehen kann. Deshalb bleiben wir ruhig. Klar brauchen wir Siege, aber wenn wir erst am letzten Spieltag drei Mannschaften hinter uns haben, reicht das auch und wäre sogar am besten. Wir hatten schon viele Möglichkeiten, mehr Spiele zu gewinnen, aber der gesamte Verein und die Zuschauer stehen hinter uns. Die öffentliche Wahrnehmung ist absolut positiv und das gibt uns Mut und ist eine Bestätigung für unsere gute Arbeit.

Mit wie vielen Punkten bleibt man drin?

Rrzondziono: Ich denke, 30 sollten es mindestens sein. Wir steigen aber auch gerne nicht ab, wenn wir nur 21 Punkte haben.

 

Woraus schöpfen Sie Hoffnung?

Przondziono: Aus unserer Ruhe, da sind andere Vereine durchaus neidisch auf uns. Wenn es bei den Konkurrenten hektisch wird, Trainer gehen, dann erreicht das auch die Köpfe der Spieler. Auch wir haben mal Meinungsverschiedenheiten und diskutieren heftig, aber am Ende halten wir zusammen. Das gibt uns Kraft und könnte unser großes Plus sein.

 

Der SCP macht bis zum Saisonende etwa acht Millionen Euro Gewinn. Wie viel davon fließt in die Mannschaft?

Przondziono: Wir planen zweigleisig. Wenn wir in der Bundesliga bleiben, haben wir die Möglichkeit, mehr zu investieren. Sollten wir absteigen, muss es unser Ziel sein, solide zu haushalten und keinen Tanz auf der Rasierklinge hinzulegen, nur um sofort wieder aufzusteigen. Wir können aber ­finanziell auch dort mehr machen, weil wir schuldenfrei sind. Das bedeutet: Wer uns unterstützt, investiert in die Zukunft und nicht mehr in die Vergangenheit. Auch wenn wir immer wieder Spieler werden verkaufen müssen.

 

Einige Leihen laufen aus, die Verträge von Klaus Gjasula, Uwe Hünemeier und Ben Zolinski enden im Sommer. Spieler wie Sebastian Vasiliadis und Luca Kilian sind heiß begehrt. Wie groß wird der Umbruch?

Przondziono: Es liegt bei den Meisten in unserer Hand. Wenn ich sehe, dass ein Robin Koch vom SC Freiburg für 20 Millionen Euro nach Leipzig wechseln sollte, sind auch Spieler von uns nicht weit von solchen Summen entfernt. Beispiel Luca Kilian: Er ist ein zukünftiger Nationalspieler und hat Vertrag bis 2022. Mit den drei angesprochenen Spielern werde ich in Kürze sprechen und hören, was ihnen vorschwebt. Aus meiner Sicht besteht natürlich Interesse, sie zu behalten, denn sie sind Paderborner Jungs geworden.

 

Was für ein Spiel erwarten Sie auf Schalke nach dem 1:5 in der Hinrunde?

Przondziono: Damals haben sie uns super bespielt und unsere Fehler ausgenutzt. Wir wissen nicht, wie sie die Verlängerung gegen Hertha und den Ausfall einiger verletzter Spieler wegstecken. Wir haben gegen Bayern, Dortmund und Leipzig bewiesen, dass wir nicht so schlecht sind und machen auch nicht mehr so viele Fehler, die in der Bundesliga natürlich sofort bestraft werden.

 

Vor dem Spiel gegen Schalke: Christopher Antwi-Adjei im Interview

 

 

 

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7246583?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198358%2F
Schleusener rettet Nürnberg vor dem Abstieg - Oral: «brutal»
Das Team des 1. FC Nürnberg jubelt über den erlösenden Treffer zum 3:1.
Nachrichten-Ticker