Profifußball: keine bundesweite Regelung – Örtliche Gesundheitsämter entscheiden eigenständig
Wirrwarr um Corona-Quarantäne

Dresden (WB/dpa). Der Profifußball zittert in der Corona-Krise dem Wiederanpfiff in der 1. und 2. Bundesliga entgegen. Nach der Quarantäne für das gesamte Team von Zweitligist Dynamo Dresden steht das Konzept der Deutschen Fußball Liga (DFL) mehr in Frage denn je. Für Unsicherheit sorgt besonders der unterschiedliche Umgang mit Corona-Fällen durch die örtlichen Gesundheitsämter. Das große Manko: Es fehlt eine bundesweit einheitliche Vorgabe, welche Folgen Nachweise bei einzelnen Teammitgliedern für Mitspieler und Gegner haben.

Dienstag, 12.05.2020, 03:05 Uhr aktualisiert: 12.05.2020, 06:54 Uhr
Der Kriterienkatalog des Robert-Koch-Instituts zur Einstufung von Kontaktpersonen und daraus resultierenden Maßnahmen. Foto: RKI
Der Kriterienkatalog des Robert-Koch-Instituts zur Einstufung von Kontaktpersonen und daraus resultierenden Maßnahmen. Foto: RKI

Die unterschiedlichen Konsequenzen der Corona-Fälle beim 1. FC Köln und Dynamo Dresden verteidigte die Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, Ute Teichert, am Sonntagabend in der ARD-Sendung „Anne Will“. Man solle den Experten in den Gesundheitsämtern vertrauen, die könnten „auch differenzieren, in einem Fall ist es so und im anderen so“.

Bei Dresden ergab jetzt die dritte Testreihe bei zwei Spielern einen positiven Befund, schon bei der ersten hatte es einen Corona-Fall gegeben. „Da ist dann klar, dass die Infektion weitergegeben wurde“, sagte Teichert. Bei Erstligist Köln waren zuvor – noch im Kleingruppentraining – zwei Spieler und ein Betreuer positiv getestet und nur diese drei in Isolation geschickt worden. Das Kölner Gesundheitsamt habe sich „sehr intensiv“ damit befasst und sich den Fußballbetrieb vor Ort so angesehen wie bei Pflegeheimen oder Gemeinschaftsunterkünften.

Kontaktpersonen ersten oder zweiten Grades

In Dresden behandelt das örtliche Gesundheitsamt nach den zwei Fällen am Samstag sämtliche Mitspieler und das Funktionsteam wie Kontaktpersonen ersten Grades – die 14-tägige häusliche Quarantäne ist die Konsequenz. Die Stadt beruft sich bei ihrer Entscheidung auf die Grundsätze des Robert-Koch-Instituts (RKI) zum Umgang mit Kontaktpersonen von Corona-Infizierten. Das RKI „äußert sich generell nicht zu einzelnen Branchen“, teilt das dem Bundesgesundheitsministerium unterstellte Institut auf Anfrage mit. Es hat vielmehr allgemeingültige Vorgehensweisen zur Kategorisierung von Kontaktpersonen und daraus resultierenden Maßnahmen ausgegeben.

Laut der maßgeblichen Definition des RKI sind der Kategorie eins Personen zuzuordnen, die mindestens einen 15-minütigen ungeschützten Nahkontakt in weniger als 1,50 Meter Abstand mit dem Infizierten hatten oder in direkten Kontakt mit dessen Körperflüssigkeiten gekommen sind. Von Schweiß geht nach aktuellem Stand der Wissenschaft dabei kein Ansteckungsrisiko aus. Das Gesundheitsamt Dresden habe wie üblich den Fall untersucht „und versucht die Ansteckungskette zu rekonstruieren. Weiter werden alle Kontaktpersonen definiert. Im Falle der SGD sind dies nach der Analyse des Mannschaftstrainings alle Beteiligten. Damit sind auch alle Kontaktpersonen unter häuslicher Quarantäne zu stellen“, teilt die Stadt mit. Erschwerend komme hinzu, „dass die Ursache der Ansteckung unklar ist und damit die Gefahr besteht, dass weitere bisher unentdeckte Fälle vorhanden sind“.

Stadt Dresden verteidigt Entscheidung

Auf Nachfrage betont Kai Schulz, Pressesprecher der Stadt Dresden, dass es für die Entscheidung keine Rolle gespielt habe, dass schon bei der ersten Testreihe einige Tage zuvor ein Spieler positiv getestet worden war. Ob bei möglichen künftigen Corona-Fällen nur die infizierte Person in Quarantäne geschickt wird, „hängt einzig und allein davon ab, ob die Infektionsketten nachvollziehbar sind und wie der Kontakt zwischen den Infizierten und dem Rest der Mannschaft ausgesehen hat“.

Wie das Fußballmagazin „Kicker“ berichtet, solle die Quarantäne auch dann über die komplette Dauer von 14 Tagen Bestand haben, falls alle weiteren Routinetests der nächsten Tage negativ ausfallen sollten. Stadt-Sprecher Schulz reagiert auf das Hinterfragen der Entscheidung des Gesundheitsamtes entnervt und auch mit bissiger Ironie. „Anstatt 20 Millionen Bundestrainer haben wir jetzt anscheinend 20 Millionen Virologen.“ Zum Thema Öffnung von Kitas und Schulen habe die Stadt seit Freitag keine einzige Presseanfrage erhalten, zum Thema Dynamo bis Montagmittag 26.

Team-Quarantäne gefährdet geregelten Spielbetrieb und Saisonabschluss

Im Fall des 1. FC Köln hatte das Gesundheitsamt der Rheinmetropole indes Mitspieler als Kontaktpersonen zweiten Grades eingestuft. Dieser Gruppe werden bei einem aufgetretenen Corona-Fall beispielsweise auch Mitschüler oder Arbeitskollegen im gleichen Raum mit weniger als 15 Minuten Nahkontakt zum Infizierten zugeordnet. Sie sollen dann Kontakte reduzieren und auf Symptome achten – müssen aber nicht in Quarantäne.

So hatte die DFL sich dies auch in ihrem medizinischen Konzept für die Fortsetzung eines geregelten Trainings- und Spielbetriebs vorgestellt: Die Maßnahmen mit regelmäßigen Tests und diversen Maßnahmen zur Kontaktreduzierung „rechtfertigt nach Auffassung der Task-Force in der Regel eine Einstufung der potenziellen Kontaktpersonen von Infizierten aus dem Kreis der Spieler und Betreuer in die Kategorie II des RKI und damit den Verzicht auf eine Gruppenquarantäne“, heißt es im DFL-Papier. Einzelne Spieler oder Betreuer mit näherem Kontakt zu einer infizierten Person könnten aber dennoch isoliert werden.

Reagieren aber künftig lokale Gesundheitsämter auf positive Fälle so wie jetzt in Dresden, dürften ein geregelter Ligabetrieb und ein sportliches Saisonende schnell Utopie werden. Bei einem positiven Test wären dann zwei ganze Teams involviert, denen 14 Tage Quarantäne droht.

SC Paderborn und Arminia Bielefeld vor Restart in freiwilliger Isolation

Auch Borussia Mönchengladbachs Sportchef Max Eberl sieht dieses Risiko beim DFL-Konzept. „Das Konzept steht auf tönernen Füßen“, sagte Eberl am Montag. „Natürlich wäre ein einheitlicher Weg gut.“ Der 46-Jährige empfahl allen Proficlubs, ganz eng mit den örtlichen Gesundheitsämtern zusammen zu arbeiten. „Ich habe zuletzt mit Beratern deutlich weniger telefoniert als mit Ämtern“, sagt Eberl. Auch bei der Borussia hatte es zuletzt einen zunächst positiven Test bei einem Spieler gegeben. Zwei weitere Tests kurz darauf waren aber negativ. „Jetzt ist gottseidank alles im Reinen.“

Als Voraussetzung für die geplante Wiederaufnahme des Spielbetriebs am kommenden Wochenende haben sich die Erst- und Zweitligisten nun in eine freiwillige Isolation begeben.  Zweitliga-Tabellenführer Arminia Bielefeld hat sich ins Hotel Klosterpforte in Harsewinkel-Marienfeld zurückgezogen. Das  Team von Trainer Uwe Neuhaus könnte Ende Mai der erste Gegner für Dynamo Dresden nach überstandener Quarantäne sein.  Erstliga-Schlusslicht SC Paderborn hat derweil Quartier im Best Western Hotel in Bad Lippspringe bezogen.

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