WESTFALEN-BLATT-Redakteur Peter Klute begleitete den SC Paderborn nach Düsseldorf
Mein Geisterspiel

Düsseldorf (WB). Die schönste Nebensache der Welt, sie ist zurück in Deutschland. Allen Kritikern zum Trotz und um des Geldes Willen hat die Fußball-Bundesliga trotz Corona nach zehnwöchiger Pause ihren Spielbetrieb wieder aufgenommen. Ohne Zuschauer. Mit gruseligen Geisterspielen. Für den SC Paderborn begann der Re-Start am Samstag mit der Partie bei Fortuna Düsseldorf. So wie die Fortsetzung der Saison für die Vereine wirtschaftlich existenziell ist, waren die 90 Minuten in der Landeshauptstadt für den Tabellenletzten aus Ostwestfalen sportlich von enormer Bedeutung. Und dennoch war diesmal alles anders, wie Sportredakteur Peter Klute von der Abfahrt bis zur Rückkehr feststellte.

Montag, 18.05.2020, 06:00 Uhr aktualisiert: 18.05.2020, 09:38 Uhr
Warten auf den Anpfiff: Sportredakteur Peter Klute ist bereit. Der Blick auf die Ränge täuscht, die Düsseldorfer Arena ist gähnend leer. Foto: Matthias Hack
Warten auf den Anpfiff: Sportredakteur Peter Klute ist bereit. Der Blick auf die Ränge täuscht, die Düsseldorfer Arena ist gähnend leer. Foto: Matthias Hack

Seit Mittwochabend stand es endgültig fest, auch regionale Zeitungen sind bei den Geisterspielen zugelassen, dürfen einen Mitarbeiter entsenden, der zu den privilegierten 322 Personen (darunter zehn Journalisten) zählt, die bei Spielen in und vor den Bundesliga-Arenen zugelassen sind. „Lohnt sich das?“, stellten wir uns in der Sportredaktion die Frage. Ein Spiel zu schauen, ohne dass man danach jemanden interviewen darf? Es gibt keine Mixed-Zone für Spieler und Journalisten, keine Pressekonferenz mit Trainern und der schreibenden Zunft. Allein, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es in Deutschlands Fußball-Stadien in der Endphase dieser Saison und mindestens wohl auch noch in der Hinrunde der neuen Spielzeit zugehen wird, kamen wir zu der Meinung: „Es lohnt sich.“

Befremdliche Stimmung

Dass ich kein normales Fußballspiel sehen sollte, wurde mir schon bei der Vorbereitung bewusst. Staus einkalkulieren, sich durch die Masse zum Kartenschalter kämpfen, all das gehört eigentlich dazu. Gehörte dazu. Normalerweise hätte ich berücksichtigen müssen, dass auf dem Weg nach Düsseldorf ein Ruhrderby zwischen Borussia Dortmund dem FC Schalke 04 stattfindet. Zur selben Zeit. 80.000 Fans unterwegs. Welch ein Graus. Doch die B1 (mitten durch Dortmund) und die Autobahnen 44, 40 und 52 sind gähnend leer. Keine mit Fans vollbepackten Autos, aus denen Schals des Lieblingsklubs wedeln. Keine Busse mit Anhängern. Wohlgemerkt: Ich fahre zu einem Bundesligaspiel. Doch es fühlt sich nicht so an. Es wirkt befremdlich.

Das ändert sich auch nach Ankunft an der Merkur-Spiel-Arena nicht. 54.600 Zuschauer passen rein, zum richtungsweisenden Kellerduell des 16. gegen den 18. wären sicher 30.000 und mehr gekommen. Der Stadionvorplatz ist gespenstisch leer, am Rhein joggen die Düsseldorfer oder gehen spazieren. Zum Fußball dürfen sie nicht. Ich muss mich an einer Kasse melden, dort wird meine Temperatur gemessen, ich gebe den mir von der Fortuna zugeschickten und von mir ausgefüllten Gesundheitsbogen ab und zeige meinen Personalausweis vor. Alles okay, ich bekomme meine Akkreditierung.

Abstiegskampf ohne Atmosphäre

Es hat sich so eingewöhnt, zwei Stunden vorher am Ort des Geschehens zu sein. Dann heißt es Laptop einrichten, die Aufstellungen analysieren und ein wenig mit den Kollegen fachsimpeln. Doch der Presseraum ist geschlossen, keine Getränke, kein Essen. Alles verboten, man durfte sich etwas mitbringen.

Kurz bevor die Mannschaften etwa 45 Minuten vor Anpfiff und kurz nach den Torleuten zum Aufwärmen den Rasen betreten, habe ich in der Regel auf der Tribüne Platz genommen. Für die Spieler ist das Rauskommen der Moment, wo auf den Rängen die ersten Duftmarken in Form von Anfeuerungen gesetzt werden. Dann gibt es die ersten Anfeuerungen für die eigenen Spieler und den Trainer sowie Pfiffe und Schmährufe in Richtung Gegner. Und diesmal: nichts. Kein Stadionsprecher, keine Musik. Aber für wen auch?

Ich werde erinnert an Fahrten ins Trainingslager. Unzählige Male habe ich in Vorbereitungen den SCP begleitet: im Sommer nach Herzlake oder Österreich, im Winter nach Spanien oder in die Türkei. Testspiele vor leeren Rängen auf Plätzen des Hotels und in kleinen Stadien, all das kannte ich. Aber Punktspiele, Bundesliga-Abstiegskampf ohne Atmosphäre? Gibt’s nicht? Gibt’s doch. Na ja, sportlich geht es ja um einiges, da wird die Spannung schon noch steigen und das Adrenalin freigesetzt, denke ich mir. Aber wen interessiert das in diesen Tagen überhaupt. Es gibt sowieso Wichtigeres als das Ergebnis eines Fußballspiels. Das war schon immer so, aber aktuell ganz besonders.

Mundschutz-Pflicht auf der Pressetribüne

Es geht los, die Mannschaften schreiten zur Tat. Ohne Einlaufkinder. Die Reservisten samt Staff tragen eine Maske. Die Mundschutz-Pflicht für Trainer war von der DFL am Samstagmorgen aufgehoben worden. Man hört jedes Wort. Die Ersatzspieler sitzen mit Abstand hinter der Bank auf der Tribüne. Mit Mund- und Nasenschutz. Das gilt übrigens auch für alle Journalisten auf der Pressetribüne. Ein ungewohntes Bild.

Durch die eingefärbten Sitze wirkt es so, als sei die Arena gut gefüllt. Dem ist nicht so. Die Spieler da unten bemühen sich, dass sie sich mit der ungewohnten Situation schwer tun, sieht man. 0:0 ist das richtige Ergebnis für schwache Leistungen beider Teams. Der Schlusspfiff von Schiedsrichter Frank Willenborg aus Osnabrück kommt wie eine Erlösung. „Für mich das Highlight des Spiels“, höre ich den WDR-Hörfunkreporter Burkhard Hupe hinter mir sagen. Ganz Unrecht hat er nicht.

Normalerweise heißt es jetzt: Beine in die Hände und ab zu den Interviews. Diesmal aber habe ich beim Zusammenpacken meiner Utensilien und Gang zum Auto alle Zeit der Welt. Denn auf mich wartet niemand. Die Pressekonferenz darf ich von der Pressetribüne aus auf der Stadionleinwand verfolgen, eine Frage an die Trainer bei WhatsApp stellen. Draußen ist es so ruhig wie drinnen. Keine Freude über einen Punkt und eine verhinderte Niederlage, keine Enttäuschung über einen verpassten Sieg zu sehen. Es ist einfach niemand da. Auch bei der Rückfahrt durch Dortmund nicht, obwohl Borussia den höchsten Derbysieg gegen den Erzrivalen seit mehr als 50 Jahren eingefahren hatte.

Mit Fußball haben Geisterspiele und das Drumherum wenig zu tun. Auch wenn der Ball wieder rollt. Und das Schlimme ist, es war erst der Anfang. Ich bin um eine Erfahrung in meinem Berufsleben reicher. Ein Arbeitstag geht zu Ende, Spaß sieht definitiv anders aus.

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