Vor dem Duell beim Ex-Klub Kiel: Der Manager des SC Paderborn 07 über Kader, Transfers und Verträge
Wohlgemuth: „Der Fußball von heute verzeiht keine Fehler“

Paderborn (WB). Dem Bundesliga-Abstieg musste Fabian Wohlgemuth noch nahezu tatenlos zusehen, bei der Zusammenstellung des aktuellen Kaders bewies Paderborns neuer Geschäftsführer Sport bisher aber ein gutes Händchen. Luca Kilian wurde für drei Millionen Euro verkauft, mit Marcel Correia, Chima Okoroji, Frederic Anaou, Maximilian Thalhammer, Chris Führich und Julian Justvan kamen talentierte und erfahrene Spieler dazu. Vor dem sonntäglichen Gastspiel bei seinem Ex-Klub Holstein Kiel sprach Matthias Reichstein mit dem 41-Jährigen über den ersten Gegner, die kommende Zweitliga-Saison, den Kader und die zum Teil schwierigen Vertragsverhältnisse beim SC Paderborn.

Freitag, 18.09.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 18.09.2020, 09:12 Uhr
Fabian Wohlgemuth wurde am 2. April 1979 in Berlin geboren und ist seit dem 1. Mai als Geschäftsführer Sport beim SCP angestellt. Der 41-Jährige arbeitete zuvor als Jugend-Chefscout beim Hamburger SV und VfL Wolfsburg sowie als Manager bei Holstein Kiel. Foto: Jörn Hannemann
Fabian Wohlgemuth wurde am 2. April 1979 in Berlin geboren und ist seit dem 1. Mai als Geschäftsführer Sport beim SCP angestellt. Der 41-Jährige arbeitete zuvor als Jugend-Chefscout beim Hamburger SV und VfL Wolfsburg sowie als Manager bei Holstein Kiel. Foto: Jörn Hannemann

Herr Wohlgemuth, gleich zu Saisonbeginn geht’s am Sonntag gegen Holstein Kiel. Sie haben dort von Juni 2018 bis Oktober 2019 als Geschäftsführer Sport gearbeitet und wurden dann entlassen. Welche Erinnerungen haben Sie noch an das Ende an der Ostsee?

Fabian Wohlgemuth: Es gibt ganz sicher die eine oder andere Parallele zu Paderborn, was die strukturellen Voraussetzungen betrifft. Beide sind klassische Fußballvereine und haben ihren Weg bisher ohne Großinvestoren gemacht. In Kiel mussten wir an die Substanz des Mannschaftkaders. Enorm viele Transfers mussten in kürzester Zeit bewältigt werden. Das Ende kam dann schon sehr überraschend, nachdem die Vorstellungen über den weiteren Weg zunehmend auseinandergingen.

André Schubert haben Sie damals als Cheftrainer geholt und nach wenigen Wochen schon wieder entlassen. War die Verpflichtung Schuberts im Rückblick Ihr größter Fehler bei den Störchen?

Wohlgemuth: Über Management-Fehler im Fußball lässt sich im Nachgang immer gut dozieren. André Schubert konnte in der Kürze der Zeit nicht die erwarteten Resultate einfahren. Wir waren damals gezwungen zu reagieren, und das haben wir getan.

Größenwahn oder Untergangsstimmung lassen sich sicher gut vermarkten, sind aber schlechte Ratgeber.

Fabian Wohlgemuth

André Schubert hat als Nachwuchstrainer, Chefcoach und Manager eine lange Paderborner Vergangenheit, deshalb die Nachfrage: Was hat nicht gepasst? Sie haben damals gesagt, dass nicht nur die durchwachsenen Ergebnisse ausschlaggebend waren.

Wohlgemuth: Fußball ist Ergebnissport. Teil der Glaubwürdigkeit eines Trainers vor seinen Spielern ist, dass zumindest mittelfristig die Resultate den normalen Erwartungen nicht hinterherhinken. Und ganz sicher ist es so, dass Trainer nur wenig Zeit haben, um den Zug aufs richtige Gleis zu setzen. Alles muss sofort greifen und funktionieren. Jede Ergebniskrise – und die hatten wir spätestens im September 2019 – entwickelt dann ihre eigene Dynamik. Und von dieser Dynamik war auch das interne Verhältnis von Mannschaft und Trainerstab betroffen. Deshalb waren wir gezwungen einzugreifen.

Wie schätzen Sie die Kieler Mannschaft aktuell ein?

Wohlgemuth: Um hier etwas wirklich Gehaltvolles zu sagen, bin ich zu weit weg. Fakt ist, dass die Kieler sich auch in ihrem vierten Zweitliga-Jahr am Ende beachtlich geschlagen haben. Das spricht für die personelle Sub­stanz. Soweit ich es überblicke, konnte der Kern des Teams gehalten werden, das verbessert zusätzlich die Ausgangslage. Alles in allem erwartet uns ein anspruchsvoller Gegner. Wir wissen natürlich auch, dass die Partien des ersten Spieltages erfahrungsgemäß unter einem besonderen Stern stehen. Da tut jeder gut daran, zunächst auf sich selbst zu schauen.

Kommen wir zum SC Paderborn. Der hat am Ende der vergangenen Saison das Klassenziel klar verfehlt. War in der 1. Liga auch für Paderborn mehr drin? Welche Fehler wurden gemacht?

Wohlgemuth: Die Mannschaft hat am Ende relativ deutlich das Klassenziel verfehlt. Und es gibt sehr unterschiedliche Gründe für den Abstieg. Es ist zunächst aufgrund der begrenzten wirtschaftlichen Mittel nicht gelungen, ausreichend personelle Qualität zu verpflichten. Oft hat der Taktgeber gefehlt, ein oder zwei Spieler, die die Spielsteuerung hätten übernehmen können. Insgesamt waren wir auch in der Spielanlage nicht variabel genug. Wir waren oft zu leicht ausrechenbar und hatten selbst Probleme, uns auf die Spielvarianten des Gegners effektiv einzustellen.

Der SCP ist in den vergangenen fünf Jahren immer auf- oder abgestiegen. Ist das ein Zeichen von mangelhafter Kontinuität?

Wohlgemuth: Ein wesentlicher Schlüssel für eine anhaltende Entwicklung ist ein gezieltes Erwartungsmanagement. Größenwahn oder Untergangsstimmung lassen sich sicher gut vermarkten, sind aber schlechte Ratgeber. Unsere Geschäftsgrundlage sind die Top 30 des Deutschen Profifußballs. Darauf richten wir unsere Strategie aus – Aufstieg und Abstieg inbegriffen. Wem das zu wenig ist, der darf gerne nach Kaiserslautern oder zu 1860 München schauen. Der Fußball von heute verzeiht keine Fehler mehr. Das ist kein Plädoyer für Gemütlichkeit. Man muss sich die Meinung offen sagen, und das machen wir in Paderborn auch.

Im DFB-Pokal steht der SCP in der zweiten Runde. Das bringt zusätzliches Geld, dennoch fehlen auch dem SCP die Zuschauereinnahmen. Wie ist der SCP finanziell aufgestellt?

Wohlgemuth: Von ganz wenigen Klubs abgesehen, befinden sich wirtschaftlich alle am Limit. Der Transfermarkt ist hier ein guter Indikator. Paderborn hat solide gehaushaltet und ist mit den wirtschaftlichen Möglichkeiten der Erstligazugehörigkeit verantwortungsvoll umgegangen. Insofern befinden wir uns in einer gesicherten Position, wenngleich größere Sprünge auch bei uns nicht möglich sind.

Müssen die Spieler auch in der neuen Saison auf einen Teil ihres Gehaltes verzichten? Wenn ja, wie hoch ist der Prozentsatz?

Wohlgemuth: Das ist aktuell kein Thema. Wenn dies zukünftig auf die Tagesordnung kommt, werden wir frühzeitig das Gespräch mit der Mannschaft suchen.

Insgesamt haben wir immer die Balance zwischen sportlicher Leistungsfähigkeit und den ökonomischen Notwendigkeiten im Auge.

Fabian Wohlgemuth

Muss nach dem geplatzten Transfer von Streli Mamba noch ein Spieler verkauft werden?

Wohlgemuth: Unsere Kadergestaltung ist noch nicht ganz abgeschlossen. Wir gehen davon aus, dass sich gerade zum Ende der Transferperiode, wenn die Klubs den Strich unter ihren Saisonauftakt gemacht haben, noch einiges bewegen wird. Somit sind auch weitere Transfereinnahmen möglich.

Der SCP hat mit Luca Kilian sein vielleicht größtes Talent verloren. Mit Ben Zolinski und Klaus Gjasula gingen nach dem Abstieg noch zwei weitere Stammkräfte, ebenso die Leihspieler Laurent Jans, „Mo“ Dräger und Gerrit Holtmann. Was erwarten Sie von dem Team in dieser Saison?

Wohlgemuth: Es ist unsere derzeitige Rolle, dass wir die Entwicklung bestimmter Spieler, gerade der herausragenden Talente, nur eine bestimmte Zeit lang begleiten können, ehe sie den nächsten Entwicklungsschritt in einem anderen Verein machen. Das ist kein Verlust, sondern unsere Nische, unsere Strategie. Im Fall von Luca Kilian konnten wir den entsprechenden wirtschaftlichen Gegenwert erzielen und sind bei anhaltender Positiventwicklung auch weiterhin Profiteur. Insgesamt haben wir immer die Balance zwischen sportlicher Leistungsfähigkeit und den ökonomischen Notwendigkeiten im Auge. Mein Ehrgeiz gilt dem Sport. Insofern wird darauf auch immer die Betonung liegen. Unser Anspruch ist es, nach dem Abstieg schnell in der 2. Bundesliga anzukommen und Stabilität zu finden.

Ihre ersten Einkäufe für den Stammkader sind Max Thalhammer, Marcel Correia, Chima Okoroji und Frederic Ananou. Können Sie die Lücken schließen? Oder legen Sie bei den Transfers noch mal nach?

Wohlgemuth: Vor uns liegen noch gute zwei Wochen Transferaktivität. Was uns in der aktuellen Lage gelingt, lässt sich schwer prognostizieren. Dennoch sollte man aber eher davon ausgehen, dass sich das Gesicht der Mannschaft noch auf zwei bis drei Positionen verändern kann.

Nicht jeder Transfer passt. Ihre Vorgänger haben bei Rifet Kapic und dem Isländer Samuel Fridjonsson, der für fast 500.000 Euro geholt worden sein soll, daneben gelegen. Abdelhamid Sabiri kostete auch viel Geld und passte ebenfalls nichts ins Team. Wie sehr drücken diese Fehler auf das Budget?

Wohlgemuth: Alles eine Frage der Erwartungshaltung. Die Inte­gration ins Team ist keine einfache Angelegenheit. Dennoch ist es normal, dass nicht jeder Schuss ein Treffer ist. Die einzige Chance, unsere Quote zu verbessern, liegt in der Professionalisierung unserer Strukturen, besonders im Scouting. Das packen wir an.

Kann man diese Spieler – auch angesichts ihrer Gehaltsklasse – noch ins Team integrieren?

Wohlgemuth: Jeder Fall liegt anders. Abdelhamid Sabiri ist derzeit für die zweite Mannschaft vorgesehen. Hier prüfen wir auch andere Optionen. Im Fall von Fridjonsson prüfen wir ebenfalls mögliche Alternativen. Hier besteht die Hoffnung, dass wir noch vor Abschluss der Transferperiode zu einer für beide Seiten guten Lösung kommen. Und letztlich konnte Rifet Kapic bereits an Tiraspol ausgeliehen werden.

Wie viele Fehlschüsse dürfen sich Manager bei kleinen Klubs wie dem SCP eigentlich erlauben?

Wohlgemuth: Keinen zu viel. Letztlich geht es aber immer darum, dass die Gesamtbilanz stimmt. In einem Geschäft, in dem es vor aller Augen um hochspekulative Entscheidungen geht, deren finanzielle Kollateraleffekte zusehends in neue Größenordnungen vorstoßen, wird die Bewertung dessen, was ein Fehler ist und was nicht, schnell zu einer emotionalen Angelegenheit. Manche Verpflichtung, die kurzfristig als Fehler identifiziert wird, hätte nicht selten mit mehr Geduld und Zeit das Zeug zum Königstransfer.

Wir müssen ständig und in allen Bereichen des Vereins zu Weiterentwicklungen bereit sein.

Fabian Wohlgemuth

Der Vertrag von Trainer Steffen Baumgart läuft in neun Monaten aus. Warum wurde er bislang nicht verlängert?

Wohlgemuth: Der SCP beginnt diese Saison in einer anderen Spielklasse. Das ist für beide Seiten eine neue und herausfordernde Situation. Wir sind davon überzeugt, dass Steffen Baumgart der richtige Mann am richtigen Ort ist. Das weitere wird sich in den kommenden Monaten ergeben.

Stichwort Verträge: Sebastian Schonlau, Sebastian Vasiliadis oder Christopher Antwi-Adjei gehören zweifellos zum Tafelsilber des SCP. Ihr Vorgänger Martin Przondziono soll nach unseren Informationen aber kein einziges Gespräch mit dem Trio über eine Vertragsverlängerung geführt haben, daher könnten auch die drei in neun Monaten ablösefrei gehen. Wurde hier schlecht gearbeitet?

Wohlgemuth: Es wäre sicher einfach, jetzt mit dem Finger in den Rückspiegel zu zeigen. Es stimmt, wir haben mit der Vielzahl der auslaufenden Verträge von Schlüsselfiguren in unserem Kader eine weitere Herausforderung. Dennoch muss man sich hier auch jeden Einzelfall anschauen. Hier treffen die nicht selten sehr offensiven Ambitionen der Spieler auf die wirtschaftliche Realität des Vereins.

Den SCP unter den besten 30 Vereinen in Deutschland zu etablieren – das ist Ihr erklärtes Ziel. Das heißt: nie schlechter als Zwölfter in Liga zwei. Was muss beim SCP noch dringend besser werden, damit dieses Ziel nie unrealistisch wird?

Wohlgemuth: Wir müssen ständig und in allen Bereichen des Vereins zu Weiterentwicklungen bereit sein. Dabei wird die wirtschaftliche Ausstattung in absehbarer Zeit zur Gretchenfrage. Aber auch darüber hinaus müssen wir uns und unsere Strukturen ständig professionalisieren. Wie präsentieren wir die Marke SC Paderborn 07 in der neuen Medienwelt? Wie gehen wir mit globalen Entwicklungen wie der Corona-Krise um? Wenn dies seinen Niederschlag in einer Leistungskultur findet, bin ich sehr zuversichtlich, dass wir dieser Gruppe lange angehören werden.

Kommentare

Klaus Müller  schrieb: 18.09.2020 10:36
Gut aufgestellt!
Ich bin zuversichtlich, dass wir mit diesem Kader gut bestehen können.
Die Aussage zu den eventuellen 2-3 Neuzugängen, an denen man aktuell noch dran ist, stimmt mich positiv. Um welche Positionen es sich hierbei handelt dürfte kein Geheimnis sein, neben den Baustellen RV und OM, könnte ich mir vorstellen, dass ein weiterer Stürmer als Perspektivspieler kommen soll, um auf einen eventuellen Wechsel von Mamba im Winter vorbereitet zu sein.
Samuel Fridjonsson wird wohl keine Rolle mehr im Kader spielen, für ihn wäre eine Leihe oder Vertragsauflösung die beste Option. Sabiri sollte nun auch mal endlich einen Wechsel vollziehen, wo der Verein ihn ablösefrei ziehen lassen will.
1 Kommentare
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