Erstliga-Absteiger SC Paderborn 07 sieht sich trotz der Erfolgsserie noch in einer Entwicklungsphase
Die Richtung stimmt

Paderborn -

Zwei Siege in Folge und elf Punkte aus den vergangenen fünf Spielen – so tiefenentspannt ist Paderborns Trainer Steffen Baumgart seit Monaten nicht mehr in eine Länderspielpause gegangen.

Dienstag, 10.11.2020, 03:02 Uhr aktualisiert: 10.11.2020, 08:48 Uhr
Immer nach vorne: Paderborns Trainer Steffen Baumgart setzt bekanntermaßen auf die Offensive.
Immer nach vorne: Paderborns Trainer Steffen Baumgart setzt bekanntermaßen auf die Offensive. Foto: dpa

Der 48-Jährige wird nach dem Stotter-Start mit zwei Niederlagen sogar Genugtuung verspüren. Auch wenn er das so nie zugeben würde.

Wobei Baumgart schon ein paar Giftpfeile abschoss. Vor allem in Richtung der Kritiker, die seiner Meinung nach viel zu weit weg von seiner Mannschaft sind: „Sie kennen keine Abläufe, sie wissen nicht, was im Team vorgeht und können deshalb die Situation gar nicht einschätzen. Wer von Außen kommt und zu wissen glaubt wie es geht, der sollte besser den Mund halten.“

Einige bissige Bemerkungen in Richtung Baumgart, gerade in den sozialen Netzwerken,  waren sicher verfrüht – den SC Paderborn 07 nun mit Aufstiegsambitionen in Verbindung zu bringen, wäre ebenso verfehlt. Festzuhalten bleibt aber: die Richtung stimmt. Geduldig, gespielt, stark verteidigt und gute Möglichkeiten entwickelt – was der Erstliga-Absteiger in Darmstadt zeigte, war in vielen Phasen perfekt. Auch wenn nicht jeder Ball ankam und auch wenn Gästetrainer Markus Anfang die Leistung der Ostwestfalen im Nachgang schmälerte, indem er über seine eigene Elf zürnte: „Das war das schlechteste Spiel, das ich je als Zweitligatrainer betreut habe. Wir hätten heute gegen jede Mannschaft verloren.“

Wobei da die Frage erlaubt sein muss, warum die seit fast einem Jahr daheim ungeschlagenen Südhessen gar nicht zum Zug kamen? Ein Schlüssel zum SCP-Erfolg war Paderborns extrem hohes Pressing. Fast jeder Ball der „Lilien“ wurde verteidigt oder abgefangen. Damit wurde alles verhindert, was zu den Stärken der Darmstädter zählt: Die Elf verbuchte vor der Partie gegen Paderborn mit 56 Prozent die höchste Ballbesitzquote aller Zweitligisten und hatte sich mit 49 Tormöglichkeiten auch die meisten Chancen erspielt. Da ging am Sonntag nichts, auch Tobias Kempe kam nicht zum Zug. Vom Ex-Paderborner, der mit zwei Toren und sieben Assists die Scorerliste anführt, war gar nichts zu sehen

Für Baumgart ist Paderborns Stärke das Ergebnis eines Reifeprozesses. Der Coach ist davon überzeugt, dass seine Elf so einfache Gegentore wie beim 0:1 in Kiel oder beim 3:4 gegen den Hamburger SV heute nicht mehr kassieren würde. „Diese kleinen Fehler haben wir Schritt für Schritt abgestellt“, sagt Baumgart und wird durch diese Statistik bestätigt: In den vergangenen fünf Spielen kassierte sein Team nur zwei Treffer.

Das funktioniert aber nur, weil sich gerade seine jungen Profis schneller entwickelt haben als erwartet: Ron Schallenberg, Julian Justvan, Svante Ingelsson, Chris Führich oder Johannes Dörfler haben sich mittlerweile in der Startelf festgespielt. Ihre Leistungskurve wird im Verlauf der langen Saison zwar auch noch mal nach unten gehen, doch auch da ist der SCP gut aufgestellt. Die verletzten Sebastian Vasilaidis, Chima Okoroji oder Sven Michel kehren in Kürze zurück, Maximilian Thalhammer könnte auch noch in diesem Jahr sein Comeback feiern. Dazu kommen Christian Strohdiek oder Kai Pröger, der nach zuletzt guten Spielen in Darmstadt plötzlich 72 Minuten lang zusehen musste. „Der Konkurrenzkampf ist groß“, betont Baumgart und bringt mit Marco Terrazzino und Marcel Heller noch zwei erfahrene Nachverpflichtungen ins Spiel: „Alle Jungs marschieren, deshalb ist im Moment alles gut.“

Und dennoch birgt dieser ausgeglichene und relativ große Kader auch Explosionsgefahr, denn spielen will am Ende jeder. Baumgart darf zwar in Coronazeiten 16 Profis einsetzen, muss aber dennoch Woche für Woche einen Teil seines Aufgebots enttäuschen. So blieben Christian Strohdiek, Streli Mamba, Antony Evans oder Dennis Jastrzembski am Wochenende ganz zuhause. „So Diese Diskussion lasse ich mir gar nicht erst einreden“, wehrt Baumgart ab und nennt mit Ben Zolinski und Lukas Boeder zwei Gegenbeispiele aus der Vergangenheit: „Beide waren auch oft nicht dabei, haben sich aber immer in den Dienst der Mannschaft gestellt.“ Für Manager Fabian Wohlgemuth ist der Entwicklungsprozess ohnehin noch nicht abgeschlossen. Die Türen stehen für jeden Profi weit auf, wörtlich sagt er: „Wir sind nach wie vor dabei, in der 2. Liga unseren Betriebsrhythmus zu stabilisieren. Die positiven Ergebnisse helfen uns dabei, aber wir sind damit noch längst nicht am Ende.“

Und so schließt sich irgendwie auch der Kreis. Baumgart wehrt sich gegen aus seiner Sicht verfrühte Kritik, die jüngsten Ergebnisse möchte er aber auch nicht überbewerten. Sein Wunsch: Man solle das Trainerteam in Ruhe arbeiten lassen. Das würde zwar keinen Erfolg garantieren, aber zumindest eine gute und kontinuierliche Arbeit.

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