Stefan Rees, Vorsitzender des Aufsichtsrats beim Fußball-Zweitligisten SC Paderborn 07, im Interview
„Wir stehen auf einem soliden Fundament“

Paderborn -

Seit Juni 2018 steht Stefan Rees als Vorsitzender an der Spitze des Aufsichtsrats beim Fußball-Zweitligisten SC Paderborn 07. Der Wirtschaftsprüfer und Steuerberater genoss bislang die Arbeit im Hintergrund. In der schwersten Krise des deutschen Profifußballs seit Gründung der Bundesliga wagt der 51-Jährige nun aber doch den Weg in die Öffentlichkeit. Im Interview spricht Rees über die Corona-Pandemie, die erzwungene Distanz zu den Fans, den Kampf um das Mediengeld und die sportliche Situation beim SCP.

Mittwoch, 18.11.2020, 11:03 Uhr aktualisiert: 18.11.2020, 11:06 Uhr
„Heimspiel“ für den Paderborner Aufsichtsratsvorsitzenden Stefan Rees in der Benteler-Arena: Im Kampf um das TV-Geld würde sich der 51-Jährige eine interne Diskussion wünschen
„Heimspiel“ für den Paderborner Aufsichtsratsvorsitzenden Stefan Rees in der Benteler-Arena: Im Kampf um das TV-Geld würde sich der 51-Jährige eine interne Diskussion wünschen Foto: Oliver Schwabe

Herr Rees, die Corona-Pandemie trifft auch den Profifußball hart. Seit März wird, bis auf eine Ausnahme, auch in Paderborn praktisch ohne Zuschauer gespielt. Wie lange kann der Bundesliga-Ball beim SCP noch ohne Fans rollen, ohne in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten?

Stefan Rees: Wir haben in den vergangenen beiden Jahren vorausschauend gewirtschaftet und bereits früh entsprechend reagiert. Wenn unter den gegebenen Bedingungen weitergespielt wird, die TV-Gelder kommen und somit auch das TV-Sponsoring realisiert werden kann, rollt der Ball in der Benteler-Arena auch über die laufende Saison hinaus. Dennoch stehen wir durch die Corona-Pandemie, wie alle anderen Profifußball-Vereine, vor einer großen Herausforderung.

Die Lizenzspielerabteilung wurde 2018 in die SC Paderborn 07 GmbH & Co. KGaA, ausgegliedert. Damit sollten neue Investoren gewonnen werden. Beteiligt hat sich neben dem Verein und der Paderborner Stadiongesellschaft nur ein weiterer Anleger. Hätten Sie sich hier nicht mehr Förderer gewünscht?

Rees: Zu dem Zeitpunkt der Ausgliederung war der Verein vergleichsweise hoch verschuldet. Das hat möglicherweise einige potenzielle Investoren abgeschreckt. Der von uns eingeschlagene Weg der wirtschaftlichen Konsolidierung war richtig. Nun stehen wir eigenständig auf einem wirtschaftlich und organisatorisch soliden Fundament. Dadurch werden wir anders wahrgenommen.

Die Paderborner Stadiongesellschaft ist im gleichen Zeitraum dagegen sehr viel kräftiger gewachsen. Investiert der Ostwestfale lieber in Steine als in Beine?

Rees: Die PSG mit ihren zahlreichen langjährigen und auch neuen Gesellschaftern war schon immer ein starker Rückhalt für unseren SCP07. Der Einstieg von Investoren in die Stadiongesellschaft stellt einen wichtigen Baustein unseres langfristigen Finanzierungskonzeptes dar. Dadurch konnten wir den für uns auch wirtschaftlich absolut sinnvollen Ausbau der Benteler-Arena unabhängig von der Zugehörigkeit zur Bundesliga realisieren – und das ausschließlich mit Eigenmitteln der PSG.

Die KGaA sollte in der Saison 2019/2020 einen Umsatz von 45 bis 50 Millionen Euro bei einem Eigenkapital zwischen acht und zehn Millionen Euro erzielen. Diese Zahlen wurden im Verlauf der Mitgliederversammlung am 20. Januar genannt. Wie waren die Zahlen denn nun zum 30. Juni 2020? Wie sehr hat die Corona-Krise das Ergebnis beeinflusst?

Rees: Die Zahlen für die vergangene Saison sind noch nicht final von allen Gremien verabschiedet und genehmigt. Da der Verein nach wie vor der größte Anteilseigner der KGaA ist, werden wir die endgültigen Zahlen zuerst den Mitgliedern in der nächsten Mitgliederversammlung präsentieren. Soviel kann ich aber heute schon sagen: Wir liegen trotz der fehlenden Zuschauereinnahmen noch im Korridor unserer Planungen.

Die Befürchtung ist groß, dass Corona den Fußball verändert und nach der erzwungenen Distanz nicht alle Fans zurückkehren. Der SCP konnte zum Beispiel gegen Hannover 96 nicht mal die nur 3000 zur Verfügung stehenden Karten verkaufen. War das auch für Sie ein erstes Warnsignal?

Rees: Die vielfach diskutierte Entwöhnung der Fans ist ein Thema, mit dem wir uns intensiv beschäftigen. Dieser Aspekt wird auch ein sehr wichtiger Teil unseres Blau-Schwarzen Dialogs mit unseren Fans. Wir haben vor kurzem unser neues Leitbild und unseren neuen Claim „Mit Herzblut. Fußball“ vorgestellt. Ich sage es ganz klar: Wir werden weiter aktiv mit und um unsere Fans kämpfen. Einige spannende Marketing-Maßnahmen befinden sich bereits in der Planung.

14 Bundesligisten und mit dem Hamburger SV auch ein Zweitligist haben sich am vergangenen Mittwoch getroffen, um auch über eine gerechtere Verteilung der TV-Gelder zu beraten. Finden Sie den Weg richtig? Oder gehören da nicht alle 36 Vereine der 1. und 2. Liga an einen Tisch?

Rees: Eine interne Diskussion würde der Sache sehr gut tun. Es wäre sinnvoll, wenn Bundesliga, 2. Liga und die DFL mit einer Stimme sprechen. Das Papier der vier Bundesligisten und zehn Zweitligisten ist auch vom SCP unterzeichnet worden, sollte aber nur ein internes Arbeitspapier für das Präsidium sein. Leider wurde es den Medien zugespielt und hat unnötige Reaktionen in der Öffentlichkeit erzeugt.

Früher hat der verstorbene Präsident Wilfried Finke praktisch alleine die SCP-Politik bestimmt. Heute scheint der SCP breiter aufgestellt zu sein. Erklären Sie doch mal möglichst kurz und knapp die veränderte Führungsstruktur. Wo fallen die Entscheidungen? Wer kontrolliert wen? Wer wird gewählt? Wer wird ins Amt berufen?

Rees: Sinn und Zweck der KGaA war eine weitere Professionalisierung der internen Strukturen. Dazu haben wir unsere drei Geschäftsführer Martin Hornberger, Ralf Huschen und Fabian Wohlgemuth, die für das Tagesgeschäft verantwortlich sind. Die Gremien des Vereins – also Vorstand und Aufsichtsrat des e.V. – sind als Vertreter des größten Gesellschafters die wesentlichen Säulen in den Kontrollgremien. Die gewählten Vertreter des e.V. sind in den relevanten Gremien mehrheitlich vertreten. Engagierte Unternehmer und PSG-Gesellschafter ergänzen die Arbeit der Gremien. Für das Tagesgeschäft haben wir im Wirtschaftsrat Arbeitsausschüsse für die Bereiche Sport, Finanzen und Organisation/Ligabetrieb gebildet, um unsere drei Geschäftsführer zu unterstützen. Wir sind mit der Geschäftsführung zu einer starken, engagierten Einheit geworden und sehen uns noch nicht am Ende der Entwicklung.

Und wer trägt am Ende die Verantwortung?

Rees: Für die KGaA tragen die drei genannten Geschäftsführer die Verantwortung, was schon allein rechtlich so vorgegeben ist.

Kommen wir mal zum Sportlichen. Wie sehen Sie die aktuelle Entwicklung der Mannschaft?

Rees: Wir kennen aus eigener Erfahrung die Herausforderungen, vor denen eine Mannschaft nach dem Abstieg aus der Bundesliga steht. Enttäuschungen treffen auf eine oft unrealistische Erwartungshaltung. Diese Mischung ist nicht zu unterschätzen. Insofern können wir nach sieben Spieltagen der aktuellen Saison festhalten, dass der Auftakt durchaus gelungen ist. Die Mannschaft ist personell und inhaltlich so aufgestellt, dass sie den Ansprüchen in der 2. Liga genügen kann. Die Leistungsträger gehen wieder voran und unsere Neuzugänge haben schnell Anschluss gefunden. Es ist sicher noch zu früh für eine Prognose, aber wir können mit der bisherigen Entwicklung zufrieden sein.

Nicht gefallen kann Ihnen, dass Spieler wie Sebastian Vasiliadis, Sebastian Schonlau, Christopher Antwi-Adjei oder Jamilu Collins im Juni 2021 ablösefrei gehen können. Da drohen dem Klub Verluste in Millionenhöhe. Wer trägt hier die Verantwortung?

Rees: Wir verfolgen eine Führungskultur, die Verantwortung teilt und die beste Lösung im Team findet. In der noch jungen Saison 2020/2021 sehen wir einmal mehr, dass unsere Mannschaft ständiger Weiterentwicklung und personeller Veränderung unterworfen ist. Kontinuität in der Zusammenarbeit mit Schlüsselspielern ist wünschenswert, aber nicht immer möglich. Für uns geht es um eine weitsichtige sportliche Strategie, nicht um die Betrachtung einzelner Verträge. Im Übrigen ist ja noch gar nicht gesagt, dass die genannten Spieler Paderborn verlassen werden.

Auch der Vertrag mit dem Trainer läuft aus. Ist Profi-Fußball beim SCP ohne Steffen Baumgart für Sie überhaupt vorstellbar?

Rees: Wir wissen um den Wert des Trainers für den SC Paderborn auch über die sportliche Dimension hinaus. Er ist zu einer Integrationsfigur geworden und verkörpert die sportliche Seite unseres Klubs. Auf der anderen Seite weiß auch Steffen Baumgart, was er am SCP und seinen Arbeitsbedingungen hat. Diese gegenseitige Wertschätzung war Grundlage für die Erfolge der Vergangenheit und hat auf beiden Seiten uneingeschränkt Bestand. Das Gefühl des richtigen Zeitpunkts für konkrete Gespräche hat unser Geschäftsführer Sport Fabian Wohlgemuth am besten im Blick.

Die beiden Bundesliga-Aufstiege 2014 und 2019 hatte der SCP in erster Linie dazu genutzt, sich zu entschulden und die Infrastruktur zu verbessern. Sportlich war das Ergebnis unbefriedigend. Die Erstliga-Elf der vergangenen Saison war sogar schlechter besetzt, als die Aufstiegs-Elf oder aktuelle Zweitligamannschaft. Würden Sie sich mit dem Wissen von heute dafür einsetzten, mehr Geld ins Bundesliga-Team zu investieren?

Rees: Unsere sportliche Zielmarke ist die Zugehörigkeit zu den Top-30 des deutschen Profi-Fußballs. Die Entschuldung des Klubs war ein Muss, ebenso die Optimierung unserer Infrastruktur und der personellen Ressourcen außerhalb des Profifußballs. Wir verfolgen ein organisches Wachstum und eine nachhaltige Entwicklung. Deshalb setzen wir unsere Prioritäten mit Bedacht und nehmen eine sorgfältige Risiko-Abwägung bei allen Entscheidungen vor. Wie sehr alles auf einen Schlag aus dem Gleichgewicht gebracht werden kann, zeigt uns die Corona-Pandemie auf.

Herr Rees, zum Schluss noch eine persönliche Frage: Ihr Vorgänger im Amt als Aufsichtsratsvorsitzender war Präsident Elmar Volkmann. Werden Sie ihn eines Tages auch als Vereinsboss beerben?

Rees: Ein klares Nein. Ich fühle mich in meiner aktuellen Rolle sehr wohl und glaube, dass ich dem Verein an dieser Stelle am besten weiterhelfen kann.

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