Neue Aufteilung der Medienerlöse – 200 Millionen Euro weniger für die 36 Klubs – kaum Umverteilung von Groß zu Klein
So viel Geld verlieren Arminia und der SCP

Bielefeld/Paderborn -

Der deutsche Profifußball kämpft in der Corona-Krise an vielen Fronten. Einerseits brechen der zuvor über Jahre nur steigende Einnahmen gewohnten Branche in der Pandemie Erlöse weg. Das wird nicht nur bei den TV-Millionen und deren umstrittener Neuverteilung unter den 36 Klubs der zwei Bundesligen deutlich. Andererseits zeigt sich zumindest temporär auch eine Entfremdung der Fans – mit all den Konsequenzen.

Donnerstag, 10.12.2020, 03:01 Uhr aktualisiert: 10.12.2020, 19:42 Uhr
Neue Aufteilung der Medienerlöse – 200 Millionen Euro weniger für die 36 Klubs – kaum Umverteilung von Groß zu Klein: So viel Geld verlieren Armini...

 

Christian Seifert, der Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL) als Dachorganisation, spricht von der „anstrengendsten und herausforderndsten Saison in der Geschichte der Bundesliga“. Im Zuge der Corona-Pandemie drohten Umsatzeinbußen von zwei Milliarden Euro bis Sommer 2022. Vor allem in der laufenden Saison seien die Belastungen und Risiken massiv – und größer, als es viele bislang erkannt hätten. Alleine wegen der zahlreichen Spiele ohne Fans ergeben sich Verluste von rund 650 Millionen Euro, sagt Seifert. Den Umsatzeinbruch beziffert er mit 20 Prozent.

Auch vor diesem Hintergrund kommt der Neuverteilung der TV-Gelder ab der Saison 2021/22 eine große Rolle zu. „Der Fokus lag beim Überstehen dieser Krise und auf den 36 Klubs. Für den einen oder anderen Klub kann es eng oder sogar sehr eng werden“, sagt Seifert. Bei mit 1,25 Milliarden Euro fast um 200 Millionen oder rund 14 Prozent niedrigeren TV-Erlösen als in der laufenden Spielzeit müssen alle Vereine mit Einbußen rechnen.

Statt dem von 14 Vereinen, darunter Arminia Bielefeld und SC Paderborn, geforderten Kurswechsel zu einer größeren finanziellen Gerechtigkeit kommt es durch den von der Saison 2021/22 geltenden neue Modus zur Ausschüttung der TV-Gelder an die 36 Klubs der 1. und 2. Fußball-Bundesliga kaum zu einer Umverteilung von den Großen zu den Kleinen. Im Gegenteil: viele Zweitligisten müssen sogar prozentual höhere Abschläge hinnehmen als die Top-Klubs. Wie Berechnungen des WESTFALEN-BLATTES zeigen, büßen finanzstarke Klubs wie Branchenprimus Bayern München, Borussia Dortmund, RB Leipzig, Bayer Leverkusen aber auch Borussia Mönchengladbach oder TSG Hoffenheim im Vergleich zum bisherigen Verteilschlüssel zwar zweistellige Millionensummen oder 13 bis rund 15 Prozent ein. Die prozentualen Einbußen sind aber auch bei etlichen anderen Bundesligisten sowie insbesondere bei vielen Zweitligisten mit bis zu 20 Prozent ähnlich hoch – oder sogar höher.

Unter Zugrundelegung der gleichen Ausgangsdaten wie in der laufenden Spielzeit wäre Rekordmeister Bayern München weiterhin der Liga-Krösus. Der FCB käme aus der TV-Vermarktung aber nur noch auf rund 89 Millionen Euro - gegenüber aktuell 105 Millionen. Das Minus von 16 Millionen Euro entspricht rund 15,5 Prozent. Erzrivale Borussia Dortmund könnte mit knapp 80,7 Millionen Euro rechnen statt derzeit 95 Millionen. Der Abschlag liegt hier ebenfalls bei rund 15 Prozent. Verfolger RB Leipzig erhält statt 81,7 Millionen nur noch knapp 71 Millionen - rund 13 Prozent weniger. Bei Bayer Leverkusen bedeuten 75 statt 88 Millionen Euro einen Rückgang um knapp 15 Prozent. Den unter den Erstligisten prozentual höchsten Einbruch um 15,5 Prozent verzeichnet die TSG Hoffenheim mit statt 72 noch knapp 61 Millionen Euro.

Eintracht Frankfurt (noch 66,5 Millionen/minus 9,3 Millionen), der VfL Wolfsburg (60,5 Mio./-8,5 Mio.) und Borussia Mönchengladbach (66,5 Millionen/-11,1 Mio.) müssen demnach ebenfalls mit hohen Millionenabschlägen kalkulieren. Aber auch der FSV Mainz 05 (47 Millionen) würde fast 8 Millionen oder rund 14 Prozent einbüßen. Ähnlich stellt sich die Situation bei Hertha BSC Berlin (57 statt 66,5 Millionen) dar. Bei Schalke 04 (65,6 Millionen), dem SC Freiburg (50,1), Werder Bremen (48,4), dem FC Augsburg (44,3) sowie dem 1. FC Köln (42) und dem VfB Stuttgart (39,1 Millionen) liegt das Minus jeweils zwischen 10 und 14 Prozent.

Bundesliga-Aufsteiger Arminia Bielefeld als Schlusslicht in der Geldtabelle müsste mit 31,35 statt 34,3 Millionen Euro auskommen - ein Abschlag von rund 8,6 Prozent. Den prozentual geringsten Abschlag hat demnach Union Berlin mit 6,6 Prozent auf noch 34,6 Millionen zu verkraften.

In der 2. Bundesliga trifft die Neuverteilung vor allem frühere Bundesligisten wie den Hamburger SV, den 1. FC Nürnberg, Hannover 96 oder auch den SC Paderborn (minus 2,4 Millionen auf 12,66 Millionen), VfL Bochum oder Fortuna Düsseldorf mit Abschlägen zwischen rund 15 und 20 Prozent. Auf diesem Niveau liegt auch der Rückgang der Medienerlöse für die Spielvereinigung Greuther Fürth. Der HSV muss den stärksten Einbruch von 22,6 auf 17,9 Millionen Euro befürchten.

Der Stadtrivale FC St. Pauli profitiert indes von der neuen Ausschüttungskategorie „Interesse“. Bei der repräsentativen Umfrage nach dem Gesamtinteresse der Bundesbürger für die 36 Erst- und Zweitligisten rangiert der Kiezklub auf Rang neun. Auch deshalb hielten sich die EInbußen mit 8 Prozent auf 11,5 Millionen Euro in Grenzen. In ähnlicher Größenordnung bewegen sich die Mindereinnahmen von Erzegbirge Aue und dem Karlsruher SC. Nur die Erlöse von Zweitliga-Aufsteiger Eintracht Braunschweig blieben mit rund 9,4 Millionen Euro nahezu unverändert.

Das DFL-Präsidium hatte das neue Verteilmodell am Montag mit acht Ja-Stimmen bei einer Enthaltung beschlossen. Aus dem Kreis der 14 Erst- und Zweitligisten, die im Vorfeld eine Reform zur gleichmäßigeren Verteilung der TV-Gelder gefordert hatten, war Enttäuschung über die Entscheidung zu vernehmen. Auch mehrere Fan-Initiativen kritisieren, dass sich durch das neue System wenig an den bisherigen Verhältnissen ändere. In den folgenden drei Spielzeiten bis 2024/2025 sollen die TV-Erlöse zwar sukzessive steigen, zugleich werden aber auch die Tabellenstände wieder stärker bei der Verteilung berücksichtigt und sinkt der Anteil der gleichmäßig an alle Vereine ausgeschütteten Fixbeträge.

DFL-Präsidiumsmitglied Oliver Leki, Vorstand beim SC Freiburg, hatte eine Art Effizienzquote bei der Verteilung der TV-Gelder ins Spiel gebracht. „Der sportliche Erfolg, der sich nun mal im Tabellenplatz ausdrückt, sollte weiter im Vordergrund stehen. Was mir da fehlt, ist eine Komponente, die das Verhältnis von sportlichem Erfolg zu finanziellem Einsatz honoriert. Denn das ist ganz sicher auch eine Leistungsdimension“, hatte Leki Mitte September in einem „Kicker“-Interview gesagt. Sein Ansinnen wurde abgelehnt. Das sei „bedauerlich“, sagt Leki jetzt.

„Durch die Einführung der neuen Säulen und Berechnungsstrukturen verschleiert die DFL, dass sich im Grunde nichts ändert“, erklärt Manuel Gaber von der Initiative „Zukunft Profifußball“. „In zwei Jahren soll die Spreizung innerhalb der Liga sogar wieder weiter auseinander gehen.“

Während das TV-Geld fließt, gibt es derzeit und noch auf unbestimmte Zeit keine Zuschauereinnahmen. Wohlweislich haben Arminia Bielefeld und der SC Paderborn die Saison ohne Zuschauer durchkalkuliert. Beim DSC könnte auch das Thema Gehaltsverzicht wieder akut werden. „Es wäre ja vermessen, darüber nicht nachzudenken“, hatte Sportgeschäftsführer Samir Arabi kürzlich erklärt.

Zweitligist SCP kommt in der Corona-Krise entgegen, dass die einst mit bis zu 7,6 Millionen Euro verschuldete Fußball-GmbH durch die Erstligasaison 2019/20 alle Verbindlichkeiten tilgen konnte. Vom Plan, das Eigenkapital auf bis zu zehn Millionen Euro zu steigern, musste sich der SCP wegen der Pandemie und angesichts einer seit Mitte März praktisch leeren Benteler-Arena allerdings verabschieden. Neuverpflichtungen sind im Winter nur möglich, wenn andere Spieler – etwa Streli Mamba – den Verein verlassen. Gleiches gilt so auch für Arminia, wobei Arabi das Hintertürchen offen ließ, dass man nachlegen wolle, sollte ein Stammspieler langfristig ausfallen.

Hinweis: In einer früheren Version hatte sich ein Fehler bei der Verteilung der internationalen Medienerlöse eingeschlichen. Dieser betraf die Verteilung unter den Mannschaften, die in den vergangenen Jahren in der Champions oder Europa League gespielt haben. Die Angaben wurden korrigiert.

 

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