In Hüllhorst wollte eine 77-jährige Heimbewohnerin durchs Fenster ins Freie
Was Corona mit Dementen macht

Hüllhorst (WB) -

Das tiefe Zimmerfenster stand offen, und Helga N. war bereits mit einem Bein draußen. „So will ich das nicht mehr!“, soll die 77-Jährige gerufen haben, als eine Pflegerin zufällig in den Raum kam und die alte Dame vor einem Sturz aus dem ersten Stock bewahrte. Drei Wochen war sie da schon in Quarantäne – mehr oder weniger.

Samstag, 27.02.2021, 03:00 Uhr aktualisiert: 27.02.2021, 11:52 Uhr
Der Eingangsbereich des Altenheims Benediktuspark in Hüllhorst ist verwaist. Angehörige dürfen aus Infektionsschutzgründen seit Wochen nicht mehr hinein.
Der Eingangsbereich des Altenheims Benediktuspark in Hüllhorst ist verwaist. Angehörige dürfen aus Infektionsschutzgründen seit Wochen nicht mehr hinein. Foto: Althoff

Was vor einigen Tagen im Seniorenheim Benediktus­park in Hüllhorst (Kreis Minden-Lübbecke) geschehen ist, hätte in jedem Altenheim passieren können. „Die harten Corona-Schutzmaßnahmen machen die alten Menschen fertig“, sagt Tanja Spanka (50) aus Löhne (Kreis Herford). Sie ist die Tochter von Helga N. und erzählt, die Demenz ihrer Mutter sei im letzten Jahr so weit fortgeschritten, dass sie im September einen Heimplatz habe suchen müssen. „Ich habe mir viele Häuser angesehen, und der Benediktuspark hat mir am besten gefallen.“

40 Corona-Fälle

Lange war das Haus mit seinen 106 Plätzen und 91 Mitarbeitern vom Virus verschont, bis im Januar mehr als 40 Fälle bekanntwurden. „Meine Mutter war nicht infiziert, aber natürlich war sie von den Schutzmaßnahmen betroffen“, sagt Tanja Spanka. Besuche waren schon vorher nicht möglich, doch jetzt wurde Helga N. über Wochen angehalten, ihr Zimmer nicht mehr zu verlassen.

Michael Manneck ist als Geschäftsführer für zehn Heime zuständig, auch für das in Hüllhorst. „Für Menschen mit fortgeschrittener Demenz ist Corona fürchterlich“, sagt er. „Die erkennen unsere Mitarbeiter ja nicht mehr, wenn sie in blauen Schutzoveralls vor ihnen stehen und Masken tragen. Auch die vertrauten Stimmen sind nicht mehr da, weil Masken und Visiere den Klang verändern.“ Die Mitarbeiter versuchten, Dementen mit Gesprächen ihre Angst und ihre Verunsicherung zu nehmen. „Aber das hält krankheitsbedingt natürlich nur ein paar Minuten vor.“

„Gewalt gegen Pflegekräfte möglich“

Prof. Udo Schneider, Direktor der Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an den Mühlenkreiskliniken, sagt, die Maskenpflicht für die Mitarbeiter könne nicht nur Ängste verursachen. „Es kann sogar passieren, dass bei dementen Menschen Aggressionen gegen das Pflegepersonal entstehen, weil sie über weniger Kompensationsstrategien verfügen, um mit veränderten Situationen und Abläufen umzugehen.“

Händedesinfektion und Maskenpflicht – solche Maßnahmen ließen sich bei Dementen kaum umsetzen, sagt Michael Manneck. Das gelte auch für Kontaktbeschränkungen. „Nach dem Corona-Ausbruch wollte das Gesundheitsamt, dass alle Bewohner auf ihren Zimmern bleiben. Aber wie wollen Sie das bei Dementen erreichen?“ Die Pflegekräfte bäten die alten Menschen wieder und wieder, doch in ihre Zimmer zu gehen, aber gerade bei Dementen mit Laufdrang, und das seien nicht wenige, sei das eine Sisyphos-Aufgabe. „Deshalb setzen wir auch mehr Mitarbeiter ein als üblich.“

Dass Anweisungen zum Infektionsschutz bei Dementen nicht ankommen, bestätigt Prof. Udo Schneider: „Patienten mit einer mittleren oder schweren Demenz sind häufig nicht mehr in der Lage zu verstehen, was eine Quarantäne bedeutet. Dabei brauchen auch sie soziale Kontakte und Nähe zu anderen – genauso wie Gesunde.“ Aktuelle Studien zeigten, dass eine soziale Isolierung eine Verschlechterung oder das Auftreten weiterer neuropsychiatrischer Symptome fördere. „Insofern ist davon auszugehen, dass demente Menschen mit den coronabedingten Einschränkungen schlechter klarkommen als Gesunde. Das kann zu einer weiteren Beeinträchtigung ihrer geistigen Leistungsfähigkeit und der psychischen Gesundheit führen.“

„Keine Zusammenlegung Infizierter“

Von außen, sagt Geschäftsführer Michael Manneck, gebe es gelegentlich die Forderung, Corona-Infizierte in bestimmten Abteilungen der Altenheime zusammenzulegen, um so die Übertragungsgefahr zu verringern und den negativ Getesteten ihre Freiheiten zu lassen. „Aber das würde bedeuten, die Infizierten aus ihren Zimmern, aus ihrer vertrauten Umgebung zu holen. Das werden wir auf gar keinen Fall tun, weil das gerade bei Dementen den psychischen Zustand weiter verschlechtern würde.“

Auch das Abschließen von Flur- oder Zimmertüren zur Begrenzung des Bewegungsradius‘ sei keine Option. „Das wäre Freiheitsberaubung. Wir sind ja keine geschlossene Einrichtung.“

Nach ihrem Versuch, aus dem Fenster zu klettern, kam Helga N. für eine Woche zur Beobachtung in die Psychiatrie. Doch was sie bewogen hatte, aus dem Fenster zu klettern, wird wohl nie jemand ergründen können. Wollte sie sich das Leben nehmen? Oder wollte sie einfach nur aus ihrem Zimmer und hat den falschen Ausgang genommen?

War es ein Suizid-Versuch?

„Niemand in unserer Familie kann sich vorstellen, dass Mutter suizidgefährdet ist“, sagt Tanja Spanka. Wäre sie überhaupt in der Lage gewesen, einen Freitod zu planen? Man könne nicht von Studien auf den Einzelfall schließen, sagt Dr. Stefan Kreisel, Ärztlicher Leiter der Alterspsychiatrie am Evangelischen Klinikum Bethel in Bielefeld. „Zum einen wird nicht nach jedem Suizid gefragt, ob der Mensch dement war. Zum anderen lässt sich nicht immer feststellen, ob es ein Suizid oder ein Unfall war – zum Beispiel nach einem Fenstersturz.“

Wie bei Krebs oder Schlaganfällen sei auch bei Demenz das Risiko für einen Suizid um die Zeit der Diagnosestellung herum erhöht. „Es nimmt dann aber mit dem Verlauf der Krankheit nicht zu.“ Vor allem bei mittelschweren und schweren Demenzen sei ein Freitod eher unwahrscheinlich. „Ei­nen Suizid zu planen und durchzuführen erfordert schon eine geistige Leistung, die über den Moment hinausreicht. Wer zu einer solchen Leistung in seinem Alltag nicht mehr fähig ist, wird auch nicht mehr in der Lage sein, sich geplant das Leben zu nehmen.“ Noch nicht gut erforscht sei allerdings die Weigerung mancher dementer Menschen, zu essen und zu trinken. „Wenn sie die Lippen zusammenpressen, wenn der Löffel kommt, ist das ein deutliches Zeichen, nichts haben zu wollen“, sagt der Arzt. Dass das aus dem Unterbewusstsein heraus erfolge, weil der Mensch sich vielleicht am Ende seines Lebens sehe und im wahrsten Wortsinn „genug habe“, könne so sein, man wisse es aber nicht.

Helga N. ist inzwischen zurück aus der Psychiatrie im Heim. Ihrer Tochter wurde zugesagt, dass die alte Dame, die bereits zweimal geimpft ist, auf den Flur und in den Speisesaal darf. Besuche sind aber weiter verboten. „Ich wünsche uns so, dass sich das bald ändert“, sagt Tanja Spanka.

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