Extremismus
«NSU 2.0»-Drohschreiben: Verdächtiger festgenommen

Die erste mit «NSU 2.0» unterzeichnete Morddrohung wurde bereits 2018 verschickt. Danach erhielten Dutzende weitere Menschen Mails mit rechtsextremen Gewaltfantasien. Nun gibt es eine erste Spur.

Dienstag, 04.05.2021, 10:19 Uhr aktualisiert: 04.05.2021, 11:45 Uhr
Ein mutmaßlicher Verfasser von rechtsextremen Drohschreiben mit dem Absender «NSU 2.0» ist in Berlin bei einer Wohnungsdurchsuchung festgenommen worden.
Ein mutmaßlicher Verfasser von rechtsextremen Drohschreiben mit dem Absender «NSU 2.0» ist in Berlin bei einer Wohnungsdurchsuchung festgenommen worden. Foto: Arne Dedert

Wiesbaden/Berlin (dpa) - Ein mutmaßlicher Verfasser von rechtsextremen Drohschreiben mit dem Absender «NSU 2.0» ist in Berlin bei einer Wohnungsdurchsuchung festgenommen worden. Das teilten die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main und das Hessische Landeskriminalamt in der Nacht zu Dienstag mit.

Der 53-jährige erwerbslose Mann deutscher Staatsangehörigkeit stehe im dringenden Verdacht, «seit August 2018 unter dem Synonym NSU 2.0 bundesweit eine Serie von Drohschreiben mit volksverhetzenden, beleidigenden und drohenden Inhalten verschickt zu haben». Empfänger waren überwiegend Personen des öffentlichen Lebens, vor allem aus der Medienwelt und der Politik, darunter auch Abgeordnete des Hessischen Landtags und des Bundestags. Heikel war der Fall auch deswegen, weil der oder die Täter sich offenbar Insiderwissen der Polizei zunutze machen konnten.

Der Verdächtige sei bereits in der Vergangenheit wegen zahlreicher - unter anderem auch rechtsmotivierter - Straftaten rechtskräftig verurteilt worden, hieß es in der Mitteilung weiter. Die bei der Durchsuchung am Montag sichergestellten Datenträger würden nun ausgewertet, zudem werde unter anderem wegen des Verdachts der Volksverhetzung, des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, der Bedrohung sowie der Beleidigung ermittelt.

Allerdings sei er zu keinem Zeitpunkt Bediensteter einer Polizeibehörde gewesen. Sehr aufwendige und zeitintensive gemeinsame Ermittlungsmaßnahmen der Staatsanwaltschaft und des Hessischen Landeskriminalamtes hätten letztlich zur Identifizierung des Beschuldigten geführt.

Nach dpa-Informationen soll der Verdächtige aber möglicherweise telefonisch bei Behörden wie dem Einwohnermeldeamt entsprechende Anfragen gestellt und sich so Informationen über die Angeschriebenen beschafft haben. Im Raum stehe auch, dass sich der Mann über das Darknet illegal verbreitete Daten der Betroffenen beschafft haben könnte, hieß es.

Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) sieht nach den bisherigen Erkenntnissen die hessische Polizei entlastet. «Die Drohschreiben hatten einen sehr schwerwiegenden Verdacht auf die Polizei gelenkt», erklärte Beuth. «Nach allem, was wir heute wissen, war nie ein hessischer Polizist für die NSU 2.0-Drohmailserie verantwortlich.» Zugleich versicherte der Minister, man werde aus dem Fall «weitere Lehren für unsere Sicherheitsbehörden ziehen. Die Ermittlungen werden mit der gleichen Beharrlichkeit und Akribie, die jetzt zum Erfolg geführt haben, fortgesetzt.»

Mitte März hatte Beuth von insgesamt 133 verschickten Drohschreiben berichtet. Dabei würden die Ermittler 115 dieser Schreiben dem Tatkomplex «NSU 2.0» zurechnen. 18 Schreiben seien mutmaßlich von Trittbrettfahrern verfasst und versendet worden. Empfänger seien überwiegend Personen des öffentlichen Lebens gewesen, vor allem aus der Politik und der Medienwelt. Die 115 Schreiben hätten sich an 32 Personen und 60 Institutionen in insgesamt neun Bundesländern und in Österreich gerichtet. Überwiegend geschah der Versand per E-Mail, aber auch per Fax, per SMS sowie über Internetkontaktformulare.

Im Juli 2020 war der hessische Landespolizeipräsident Udo Münch wegen der Affäre um die Drohmails zurückgetreten. Es stand damals im Raum, dass die Adressen der Opfer aus Polizeicomputern stammen. Zu ihnen zählte auch die Frankfurter Rechtsanwältin Seda Basay-Yildiz. Anfang März hatte sie gesagt, sie habe mehr als ein Dutzend «NSU-2.0»-Drohschreiben erhalten. Auch in ihrem Fall sollten ihre persönlichen Daten von einem Computer im 1. Polizeirevier in Frankfurt abgerufen worden sein. Opfer waren auch die Kabarettistin Idil Baydar und die heutige Linkspartei-Chefin Janine Wissler.

Als NSU hatten sich die Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt bezeichnet, die zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen ermordeten. Es waren acht türkischstämmige und ein griechischstämmiger Kleinunternehmer sowie eine Polizistin. Ihre Mittäterin Beate Zschäpe wurde 2018 verurteilt.

© dpa-infocom, dpa:210504-99-457290/4

 

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