Fr., 17.10.2014

Familienrichter folgen oft fragwürdigen Psychologen Jedes zweite Sorgerechtsgutachten ist mangelhaft

In nichtöffentlichen Sitzungen entscheiden Richter über die Zukunft von Familien – und folgen dabei oft psychologischen Gutachtern.

In nichtöffentlichen Sitzungen entscheiden Richter über die Zukunft von Familien – und folgen dabei oft psychologischen Gutachtern. Foto: Christian Althoff

Von Christian Althoff

Hagen (WB). Die meisten Sorgerechtsgutachten, die Psychologen in Scheidungsverfahren erstatten, erfüllen nicht die fachlichen Standards. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler der Fernuni Hagen in einer großen Studie. »Wir sind geschockt«, sagt Joachim Lüblinghoff vom Vorstand des Deutschen Richterbundes.

10 000 Gutachten

187 000 Ehen wurden 2010 deutschlandweit geschieden, 145 000 Kinder waren betroffen. Bei wem sollen sie leben? Stimmen die Vorwürfe, die ein Elternteil vielleicht gegen den anderen erhebt? Wenn Familienrichter diese Fragen nicht selbst klären können, beauftragen sie Gutachter – und folgen meistens deren Empfehlung. »Bundesweit sind es 10 000 Gutachten pro Jahr«, sagt Lüblinghoff, der neun Jahre Mitglied und lange Vorsitzender in einem Familiensenat des Oberlandesgerichts Hamm war.

Blick in die Glaskugel

In 40 Prozent der von der Uni Hagen untersuchten Gutachten nutzten die Psychologen sogenannte projektive Verfahren wie den Schloss-Test. Dabei muss ein Kind ein Schloss zeichnen und die Familienmitglieder in den Räumen verteilen. Die Entscheidung des Kindes, ein Familienmitglied in den Keller zu zeichnen, kann weitreichende Folgen für den Betroffenen haben. »Statt diesen Test zu machen, könnte man auch in eine Glaskugel schauen«, sagt Prof. Dr. Stefan Stürmer, Direktor des Instituts für Psychologie an der Fernuniversität Hagen und mitverantwortlich für die Studie. »Obwohl in der Fachliteratur von solchen projektiven Tests aufgrund ihres spekulativen Charakters abgeraten wird, werden diese Verfahren in Sorgerechtsverfahren am häufigsten eingesetzt.«

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Die Studie

Mit Unterstützung des Justizministeriums NRW hatten die Wissenschaftler der Uni Hagen 38 Amtsgerichte im Oberlandesgerichtsbezirk Hamm um anonymisierte Gutachten und die dazugehörigen Urteile gebeten. Nur neun Gerichte waren dazu bereit. Die Uni wählte zwei Amtsgerichte aus Großstädten und zwei aus kleineren Kommunen aus. 116 Gutachten aus den Jahren 2010 und 2011 wurden untersucht. Sie waren zehn bis 137 Seiten stark. Sieben Prozent der Gutachten wurden von Personen erstellt, die keine psychologische Ausbildung haben. »Hochgerechnet sind das schonmal 700 Gutachten pro Jahr, die nicht ansatzweise unseren Qualitätsanforderungen entsprechen können«, sagt Richter Lüblinghoff.

Die Kritik

»Je nach Kriterium haben 30 bis 50 Prozent der Gutachten gravierende Mängel. Das ist erschreckend, weil von diesen Gutachten oft das we

itere Leben von Familien abhängt«, sagt Prof. Stürmer. Als Kriterien nutzte die Uni die »Richtlinien für die Erstellung psychologischer Gutachten« der Deutschen Psychologenvereinigung und Empfehlungen zu Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. Stürmer sagte, in mehr als jedem dritten Gutachten erfolge die Datenerhebung ausschließlich über problematische Verfahren wie ungenügende projektive Tests, unsystematische Gespräche und unsystematische Beobachtungen. »Und aus an

deren Studien wissen wir, dass Richter in 90 Prozent der Fälle den Gutachten folgen.«

Was meint der Minister?

Das NRW-Justizministerium zeigt sich längst nicht so alarmiert wie die Richterschaft. »Die Aussagekraft der Studie ist begrenzt. Ob sich das in vier Amtsgerichten beobachtete Qualitätsniveau landesweit gleichermaßen darstellt, kann nicht festgestellt werden«, sagt Sprecher Detlef Feige.

Das sagt der Richterbund

Bis zur Veröffentlichung der Studie habe man geglaubt, mangelhafte Gutachten seien Einzelfälle, sagt Joachim Lüblinghoff. »Das Ergebnis der Studie erschreckt uns deshalb. Egal, wie hoch die Quote der mangelhaften Gutachten letztlich ist: Selbst zehn Prozent wären angesichts der Folgen für die Eltern und Kinder noch viel zu viel.« Der Richterbund nehme die Studie sehr ernst. »Wir arbeiten an einer Gesetzesänderung, um Standards für die Ausbildung von Gutachtern festzulegen.« Und: Familienrichter müssten sich soweit fortbilden, dass sie Mängel in Gutachten erkennen, sagte Lüblinghoff.

Kommentare

Richter lassenin "Gutachten" Absolut JEDEN noch so haarstraeubenden und frei erfundenen Unsinn stehen.
Bestenfalls gehen sie auf den ein-oder anderen Begriff oder sonstiges bla bla nicht ein -
Lassen aber alles stehen fuer den Fall das spaetere Arbeits-Dienstunfaehigkeiten nach "Shitstorm
Shitstorm ueber alles" suchen den sie dann unbesehen / ohne hinzusehen weiter ausschmuecken wollen

1 Kommentare

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