So., 08.10.2017

Femnet-Vorsitzende Gisela Burckhardt fordert Mindestvorgaben im Textilbündnis Burckhardt: »Mühsamer, als ich mir vorgestellt habe«

Das von der Bundesregierung initiierte Textilbündnis will die sozialen und ökologischen Bedingungen, unter denen Bekleidung – wie hier in Bangladesch – produziert wird, verbessern. Doch die Verhandlungen sind aktuell in einer schwierigen Phase.

Das von der Bundesregierung initiierte Textilbündnis will die sozialen und ökologischen Bedingungen, unter denen Bekleidung – wie hier in Bangladesch – produziert wird, verbessern. Doch die Verhandlungen sind aktuell in einer schwierigen Phase. Foto: Bernhard Hertlein

Bonn (WB). Das Textilbündnis will Unternehmen auf die Einhaltung von Sozial- und Mindeststandards verpflichten. Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie Femnet sitzen mit am Verhandlungstisch. Am Montag tagt das Textilbündnis wieder. Aus diesem Anlass sprach Bernhard Hertlein mit Gisela Burckhardt, der Vorsitzenden von Femnet und Autorin des Buchs »Todschick«.

Drei Jahre Textilbündnis: Haben sich die Erwartungen der daran beteiligten NGOs erfüllt?

Gisela Burckhardt: Nein, bisher nicht. Wir wussten von Anfang an, dass uns ein langer Weg bevorsteht. Aber er ist noch mühsamer, als ich mir vorstellen konnte. Nur 18 von 91 Mitgliedsunternehmen im Textilbündnis, also knapp 20 Prozent, haben 2017 ihre Pläne zur Verbesserung der sozialen und ökologischen Produktionsbedingungen, die sogenannten Roadmaps, öffentlich gemacht. Das ist enttäuschend, zumal Transparenz ab 2018 für die Mitglieder ohnehin Pflicht sein wird.

 

Machen Sie dennoch weiter?

Burckhardt: Nun ja, immerhin wagen sich einige Unternehmen in die Öffentlichkeit und immerhin haben wir durchsetzen können, dass ab kommendem Jahr die Veröffentlichung Pflicht ist. Es gibt Ziele, denen wir immer noch näher zu kommen hoffen. Aber die Frage wird in der Zivilgesellschaft immer wieder neu diskutiert. Und es gibt Stimmen, die austreten wollen, sofern Mindestforderungen nicht erfüllt werden.

 

Welche Forderungen sind das?

Burckhardt: Zum Beispiel Mindeststandards bei den Roadmaps für 2018. In diesem Jahr geht das aufgrund mangelnder Vorgaben wie Kraut und Rüben durcheinander. Die Zielformulierungen sind oft nicht präzise formuliert, wodurch der Fortschritt nicht messbar wird. Zukünftig müssen klare Zeit- und Mengenziele als Mindeststandards zugrunde gelegt werden. Zum Beispiel, was den Mindestanteil von Bio-Naturfasern bei der eingesetzten Baumwolle betrifft. Oder auch, was die zeitlichen Fristen anbelangt, in denen Verbesserungen umgesetzt werden müssen.

 

Gisela Burckhardt

 

Im Bündnis machen auch Discounter mit. Welche Rolle spielen sie?

Burckhardt: Sie sind mehr oder weniger aktiv. Kik hat sich jetzt sogar verpflichtet, bei der Bekämpfung der Ausbeutung junger Textilarbeiterinnen in Südindien mitzumachen – genau wie Tchibo, Otto und am Ende auch Hugo Boss. 14- bis 18-jährige Mädchen aus armen Familien der unteren Kasten werden dort angelockt, drei Jahren in den Fabriken zu arbeiten, um am Ende Geld für eine Mitgift zu erhalten. In den drei Jahren erhalten sie aber nur einen Hungerlohn und müssen unter sklavenartigen Bedingungen, eingeschlossen auf dem Gelände der Spinnerei, leben. Diese Bündnisinitiative, die Femnet zusammen mit unserem indischen Partner ins Textilbündnis eingebracht hat, ist ein gutes Beispiel dafür, wie NGOs, Unternehmen und Regierungen zusammen die Arbeitsbedingungen verbessern können.

 

Welche Rolle spielt die Politik bisher?

Burckhardt: Drei Ministerien – federführend ist das BMZ – beteiligen sich als Stakeholder an dem Bündnis, das BMZ stellt die Moderation. Auch hat das Ministerium eine eigene Roadmap erstellt. Danach will es von 2020 an mindestens 50 Prozent der Textilien nachhaltig einkaufen. Das ist natürlich gut und wichtig, weil Anbieter dann auch merken, dass die Regierung es ernst meint und es ohne Berücksichtigung von Sozial- und Umweltstandards langfristig keine Aufträge mehr gibt.

 

Minister Gerd Müller von der CSU hat das Textilbündnis auch mit dem Ziel initiiert, damit gesetzliche Vorgaben überflüssig zu machen. Was aber passiert, wenn sein Posten im Zuge der Koalitionsverhandlungen neu vergeben wird?

Burckhardt: Wie die Zukunft aussieht, wissen wir nicht. Gesetzliche Vorgaben halten wir aber grundsätzlich für nötig. Das Textilbündnis kann die nicht ersetzen sondern nur darauf aufbauen. Müller hat öffentlich stark für das Textilbündnis geworben. Er kritisiert wie wir NGOs die miserable Bezahlung der Näherinnen, doch bei der praktischen Umsetzung, dass sich vor Ort wirklich etwas verbessert, hätte ich mir teilweise mehr Unterstützung vom Ministerium gegenüber der Wirtschaft gewünscht. Ich denke, dass das Textilbündnis eine Zukunft hat, wenn alle Akteure das wollen. Dazu zählen neben der Politik auch die Unternehmen, ihre Verbände, die Gewerkschaften und wir von den Nichtregierungsorganisationen.

 

Was sind, so kurz vor der Mitgliederversammlung, die nächsten Ziele?

Burckhardt: Die Festlegung klarer verpflichtender Vorgaben an Zeit- und Mengenzielen für die Roadmaps, ein unabhängiges von den verschiedenen Stakeholdern benanntes Gremium zur Begleitung und Kontrolle der externen Prüfer sowie Herstellung von mehr Transparenz.

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