Do., 11.10.2018

Streit um Schulkakao: Milchwirtschaft weist Lobbyvorwurf zurück Darf’s ein bisschen Zucker sein?

Zwei Drittel der Schüler bevorzugen Kakao.

Zwei Drittel der Schüler bevorzugen Kakao. Foto: imago

Von Bernd Bexte

Düsseldorf (WB). Ein »lobbyverseuchtes Absatzförderungsprogramm für die Milchwirtschaft« oder Bestandteil »einer ausgewogenen und gesunden Ernährung«? Der Streit um das Schulmilchprogramm in NRW spitzt sich zu.

Wie berichtet, machen sich zahlreiche Ärzte, Wissenschaftler, Lehrer und Eltern auf Initiative der Verbraucherorganisation Foodwatch dafür stark, die steuerfinanzierte Förderung gezuckerten Kakaos im NRW-Schulmilchprogramm zu beenden.

Erdbeer- und Vanillemilch wird seit Schuljahresbeginn nicht mehr mitfinanziert, Kakao mit geringerem Zuckergehalt (vier Prozent) schon. An den Schulen bevorzugen zwei Drittel der Kinder Kakao.

Werbung zur Erhöhung des Milchverbrauchs

Am Mittwoch legte Foodwatch mit einem »Schulmilchreport« nach: Bei der Schulkakaoförderung gehe es zuallerletzt um die Gesundheit der Kinder, behauptet Martin Rücker, Geschäftsführer von Foodwatch.

Weil sich Milch fast nur als Kakao an den Schulen verkaufen lasse, werde die Extraportion Zucker billigend in Kauf genommen. Zudem gebe es »eine kaum vorstellbare Verflechtung zwischen Auftragsforschern, Milchwirtschaft und Politik – über Jahrzehnte und Parteigrenzen hinweg«.

So hat die Landesvereinigung der Milchwirtschaft NRW (LV Milch) laut Erlass den Auftrag der Landesregierung, »Werbung zur Erhöhung des Verbrauchs von Milch« zu machen – auch durch Förderung des Schulmilchabsatzes. Das Land bezahle der Milchlobby jährlich 350.000 Euro, um Unterrichtseinheiten und Lehrmaterialien zu gestalten, Marketingveranstaltungen in den Schulen zu machen und das Schulmilchprogramm zu bewerben.

Foodwatch blende Realität im Schulalltag aus

Die LV Milch (Krefeld) nennt die Behauptungen von Foodwatch »unverantwortlich«. In einer am 17. September von NRW-Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) einberufenen Expertenrunde hätten auch kritische Wissenschaftler das Schulmilchprogramm begrüßt.

Foodwatch hatte ebenfalls an dem Treffen teilgenommen, »sich allen fachlichen Argumenten verschlossen«, sagte am Mittwoch LV-Geschäftsführer Dr. Rudolf Schmidt. Foodwatch fahre »eine reine Kampagne, die die Realität der Kinder im Schulalltag ausblendet«. Ein Großteil der Schüler komme mittlerweile ohne Frühstück in die Schule und habe auch keine vollwertige Pausenmahlzeit dabei. Schulmilch, Kakao, Obst und Gemüse – angeboten durch das EU-Schulprogramm – liefere den Kindern Nährstoffe und Vitamine, die sonst fehlten.

»Ein Verbot von Kakao führt dazu, dass noch mehr Softdrinks den Schulhof erobern, die den Zuckergehalt vom Kakao erheblich übersteigen.« Der Zuckergehalt im Schulkakao unterschreite den vorgegebenen EU-Wert (sieben Prozent) deutlich. Von einer Verflechtung von Milchwirtschaft und Politik könne keine Rede sein. Alle Tätigkeiten würden transparent dokumentiert, der Einsatz der Mittel unterliege öffentlichen Kontrollen.

Ministerin Heinen-Esser: »Überstürzter Ausstieg nicht sinnvoll«

Ministerin Heinen-Esser hält einen »überstürzten Ausstieg aus der Kakao-Förderung während eines laufenden Programms für nicht sinnvoll«, erklärte sie gestern. Sie verwies auf Einschätzungen von Experten der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und des Bundeszentrums für Ernährung: Eine gute Kalziumversorgung ohne den Verzehr von Milchprodukten sei nur schwer zu erreichen. In die weitere Bewertung soll das Ergebnis einer Elternbefragung einfließen, die derzeit konzipiert werde.

Die Landesregierung stellt für das Schulmilchprogramm in diesem Schuljahr knapp drei Millionen Euro bereit. Im vergangenen Schuljahr erhielten etwa 200.000 Kinder geförderte Milchgetränke. Für Milch zahlen Eltern maximal 30 Cent, für Kakao 42 Cent.

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