Fr., 28.12.2018

Lange Tradition – oder nur eine Tierquälerei: Ab Januar sind Brandzeichen für Pferde faktisch verboten Heißes Eisen

Eines der letzten Brandzeichen setzt Mark-André Ridder vom Westfälischen Pferdestammbuch einem Fohlen in Coesfeld.

Eines der letzten Brandzeichen setzt Mark-André Ridder vom Westfälischen Pferdestammbuch einem Fohlen in Coesfeld. Foto: Gunnar A. Pier

Von Elmar Ries

Coesfeld/Münster (WB). Mit dem neuen Jahr ist der sogenannte Schenkelbrand, das Brandzeichen für Pferde, faktisch verboten. Damit endet eine lange Tradition – oder nur eine Tierquälerei? Mark-André Ridder kennzeichnet in diesen Tagen die vielleicht letzten Fohlen.

Als er auf den Hof Rawert bei Coesfeld kommt, wird die junge Pferdedame nervös. Irgendwas ist anders als sonst. Sie zerrt am Strick, steigt gar auf die Hinterbeine. Doch als Ridder zur Tat schreitet, für einen Moment das glühende Eisen auf den Schenkel drückt und Flammen hochschlagen, bleibt das Tier ganz ruhig.

Hochsaison ist für Mark-André Ridder bislang immer von Sommer bis in den Herbst hinein. Er ist beim Westfälischen Pferdestammbuch in Münster für die Registrierung von Fohlen zuständig und de­nen wird in dieser Zeit traditionell als Kennzeichen ihrer Abstammung das westfälische »W« aufs Hinterteil gebrannt.

Westfalenbrand in quasi letzter Minute

Auch in OWL ist Ridder unterwegs. In diesem Jahr muss er sogar »zwischen den Jahren« noch einmal ran, um Fohlen quasi in letzter Minute den Westfalenbrand aufzudrücken. Denn ab 1. Januar ist der Schenkelbrand verboten. Sehr zum Verdruss der meisten Züchter. Für Wilken Treu, Geschäftsführer und Zuchtleiter beim Stammbuch, geht mit dem Verbot vor allem eine jahrhundertealte Tradition verloren. »Und das finde ich schade.« Treu möchte ebenso am Schenkelbrand festhalten wie die Deutsche Reiterliche Vereinigung in Warendorf.

Seit 2010 muss jedes Fohlen in Deutschland mit ei­nem in den Hals gepflanzten Mikrochip registriert werden. Notwendig ist die alte Kennzeichnung mittels Brandzeichen und Nummer seitdem nicht mehr. »Aber nach wie vor eindeutig«, betont Treu, weil sich das Brandzeichen im Gegensatz zum Transponder nicht manipulieren ließe. Zudem, so glaubt der Zuchtleiter, sei das Chippen für das Tier schmerzhafter als das Setzen des Brandzeichens.

Dennoch: Weil der Chip als Herkunftsnachweis funktioniert, wurde aus dem Brennstempel plötzlich ein altes Eisen. Denn dessen Einsatz fügt dem jungen Pferd die Schmerzen nun grundlos zu. »Nach der Implantation des Mikrochips gibt es keinen vernünftigen Grund im Sinne des Tierschutzgesetzes für einen wei­­teren schmerzhaften Eingriff zur Kennzeichnung«, betont der Präsident der Bundestierärztekammer, Dr. Uwe Tiedemann.

95 Prozent tragen das eingebrannte »W«

Ähnlich sieht es Wilhelm Benning, der zusammen mit seiner Frau in Dülmen Pferde züchtet. Schon vor elf Jahren hörten sie auf, ihre Pferde brennen zu lassen. »Natürlich tut den Tieren das weh. Und es dauert ein paar Tage, bis das verheilt.« Deshalb gibt es für seine drei Fohlen jetzt nur Mikrochips. Das Gros der Züchter hält jedoch bis zuletzt am Brandzeichen fest. Knapp 95 Prozent der westfälischen Fohlen trügen das eingebrannte »W«, sagt Treu. »Das ist doch immer schon ein Wahrzeichen gewesen«, meint Gisela Rawert, Besitzerin des Fohlens.

Für Wilken Treu wurde die Debatte ums Verbot unlauter geführt. Die Tierärztekammer habe aus eigenem Interesse vehement für das Aus gestritten, »weil sie unser Geschäft übernehmen wollten«. Die Kennzeichnung mittels Brenneisen machte das Stammbuch, chippen dürfen auch Veterinäre

Einen Funken Hoffnung haben die Verfechter des Heißbrandes noch. Eingesetzt werden dürfte das Brenneisen laut Gesetz künftig auch dann, wenn die Tiere lokal betäubt würden. Ein zugelassenes Präparat gibt es allerdings noch nicht.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6282515?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198306%2F2509674%2F