Haben Boybands ihre Relevanz verloren?
Aus Jungs werden Männer: Backstreet Boys und die Lage der Boybands

New York (dpa). Kaum hatte die Boyband One Direction Ende 2015 ihr Album »Made in the A.M.« veröffentlicht, kündigten die Jungs eine Auszeit an. »Vorübergehend«, hieß es damals, von 18 Monaten Pause war die Rede. Seitdem basteln Niall Horan, Liam Payne, Harry Styles und Louis Tomlinson an ihren Solo-Karrieren mit keinerlei Anzeichen einer Wiedervereinigung. Inzwischen sind drei Jahre vergangen und fast scheint es, als sei das Thema abgehakt.

Dienstag, 22.01.2019, 11:07 Uhr aktualisiert: 22.01.2019, 13:19 Uhr
1997, Niedersachsen, Hannover Mitglieder der amerikanischen Teenie-Band Backstreet Boys tanzen zu Beginn ihrer Deutschland-Tournee. Foto: dpa
1997, Niedersachsen, Hannover Mitglieder der amerikanischen Teenie-Band Backstreet Boys tanzen zu Beginn ihrer Deutschland-Tournee. Foto: dpa

Auch andere Gruppen wie *NSYNC lösten sich auf, Westlife und Take That versuchten nach mehreren Jahren Pause den Neuanfang. 2011 und 2012 standen New Kids on the Block mit den Backstreet Boys dann als »Supergroup« NKOTBSB auf der Bühne. War es ein Ringen um Relevanz? Wie erfolgreich sind Boygroups der 1990er-Jahre noch?

Wir versuchen nicht, nochmal 20 Jahre alte singende Kids zu sein.

Howie Dorough, Backstreet Boys

Von einem Ende der Boyband will Howie Dorough von den Backstreet Boys nichts wissen. Ganz im Gegenteil: Am Freitag, 25. Januar, erscheint nach mehreren Jahren Stille das neue Album »DNA«, Dorough spricht im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur von einem »zweiten Comeback«. Aber auch er gesteht: »Wir versuchen nicht, nochmal 20 Jahre alte singende Kids zu sein.« Die fünf Musiker sind heute im Schnitt 42 Jahre alt.

»Caught in the Act«-Star zu Gast in Verl

In Deutschland ist er vor allem als Sänger der Boygroup »Caught in the Act« bekannt, während er in seiner niederländischen Heimat mit seinem freimütigem, humorvollem Buch über sein Leben als Vierfach-Vater zum Bestseller-Autor avancierte.

Jetzt kommt Bastiaan Ragas nach Verl: Auf Einladung der Bibliothek stellt er am Freitag, 25. Januar, sein Buch »Schnuller, Sex und Kinderkacke« vor.

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»Wir sind alle verheiratete Männer und haben Kinder«, sagt Dorough. »Wir sind reifer, gebildeter und wissen etwas besser, wer wir sind.« Frauen liebten sie immer noch, den »romantischen Liebes-Song« werde es weiterhin geben. So dreht sich auch »DNA« über zwölf Titel viel um Liebe, Leidenschaft und Herzschmerz.

Musikalisch haben die Backstreet Boys sich mit »DNA« geöffnet, R&B- und Country-Elemente durchziehen das Album. Überraschend klingt etwa der Dance-Titel »New Love«, bei dem die fünf zu einprägsamem Basslauf mit tiefen Männerstimmen singen. Die vorab veröffentlichte Single »Don’t Go Breaking My Heart« ist aber klassischer Backstreet Boys-Sound. Im Mai und Juni sind »BSB« unter anderem in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf Tour.

Haben Boybands ihre Relevanz verloren?

Dennoch stellt sich die Frage: Haben Boybands, aber auch Musik-Gruppen und Bands allgemein an Relevanz verloren? Die 1990er-Jahre waren stark geprägt vom Rock-Genre (das meist mehrere Instrumente erfordert) und Gruppen wie Nirvana oder den Red Hot Chili Peppers.

Um das Jahr 2000 wurden Rap, R&B und Pop beliebter, die größten Namen waren Solisten wie Eminem, 50 Cent oder Britney Spears. Auch die Spitzenmusiker des laufenden Jahrzehnts sind oft Solo-Künstler, sie heißen Kanye West, Adele, Ariana Grande, Ed Sheeran, Taylor Swift oder Drake.

Pop hat über die letzten Jahre eine besonders fruchtbare Phase erlebt, was mit der starken Leistung von Solo-Künstlern zusammenfällt.

Geoff Taylor, britischer Musikverband BPI

»Pop hat über die letzten Jahre eine besonders fruchtbare Phase erlebt, was mit der starken Leistung von Solo-Künstlern zusammenfällt«, sagte Geoff Taylor vom britischen Musikverband BPI dem »Independent« 2016. Ein Grund für den Erfolg könnte auch die Masse an Casting-Shows wie »X Factor«, »The Voice« und vergleichbaren Formate in Europa sein, in denen vor allem Solo-Künstler gegeneinander antreten.

Probleme der Gruppendynamik

Die vier Mitglieder der Boyband »Caught In The Act«, Eloy de Jong (von links), Baastian Ragas, Benjamin Boyce und Lee Baxter, posieren am 16.08.1998 vor ihrem letzten gemeinsamen Konzert im Kulturpark Rotehorn in Magdeburg

Die vier Mitglieder der Boyband »Caught In The Act«, Eloy de Jong (von links), Baastian Ragas, Benjamin Boyce und Lee Baxter, posieren am 16.08.1998 vor ihrem letzten gemeinsamen Konzert im Kulturpark Rotehorn in Magdeburg Foto: dpa

Dazu kommen Probleme in der Gruppendynamik. Viele Musiker liefen nach Karriereabschnitten mit Bandkollegen auch allein zu Höchstform auf, etwa Michael Jackson (Jackson 5) oder Eric Clapton (Yardbirds, Cream, Derek and the Dominos). Auch Superstar Beyoncé (Destiny’s Child), Dr. Dre (N.W.A.) und Lauryn Hill (Fugees) waren vor ihren Alleingängen in Bands unterwegs.

»In einer Gruppe verliert man leicht seine Individualität«, sagt Backstreet Boy Dorough. Auch deshalb lösten sich bestehende Bands häufig auf. Um so einen Bruch zu vermeiden, treffen die Backstreet Boys all ihre Entscheidungen gemeinsam und stimmen demokratisch ab. Ein Patt ist zu fünft unmöglich.

Kreischalarm bei Bands aus Südkorea

Die Hysterie der 90er-Jahre mag die Gruppe heute nicht mehr auslösen, dafür kreischen heute Fans von Boybands BTS, EXO und Big Bang aus Südkorea.

Die südkoreanische Boygroup »Bangtan Boys« (kurz: BTS) posiert auf dem roten Teppich.

Die südkoreanische Boygroup »Bangtan Boys« (kurz: BTS) posiert auf dem roten Teppich. Foto: dpa

BTS (Boygroup Bangtan Boys) brach mit der Single »Idol« sogar Taylor Swifts Rekord für die meisten Youtube-Klicks binnen der ersten 24 Stunden. Konzerte der Band in den USA und Europa sind oft ausverkauft, der »Rolling Stone« spricht von ihrer »Eroberung des Westens«.

Bezeichnung Boyband. Wir sind ihm nie entkommen.

Howie Dorough, Backstreet Boys

Die Bezeichnung »Boyband« hörten die Backstreet Boys erst, als sie Mitte der 1990er-Jahre in Nürnberg auftraten, sagt Dorough. Reporter und Promoter hätten sie mit Boyzone, Worlds Apart, Caught in the Act und Take That verglichen.

Boybands seien ein »Haufen hübscher Jungs«, die singen aber vor allem gut aussehen, habe es geheißen. »Wir kannten die Bezeichnung überhaupt nicht«, sagt Dorough. »Wir dachten, der Begriff würde in Europa bleiben. Wir sind ihm nie entkommen. Jetzt akzeptieren wir ihn voll und ganz.«

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