So., 16.12.2018

»Die 68er«, Folge 20 und Schluss: Ideologischer Protest 1968 und heute Einst links, jetzt rechts: wo die Angst steht

Identitäre blockieren die CDU-Parteizentrale in Berlin – die Polizei trug die Demonstranten weg. Das Lambda-Symbol steht für »lakedaimon«, den antiken Namen Spartas, dessen (als europäisch begriffene) Hopliten die (asiatischen) Perser abwehren halfen.

Identitäre blockieren die CDU-Parteizentrale in Berlin – die Polizei trug die Demonstranten weg. Das Lambda-Symbol steht für »lakedaimon«, den antiken Namen Spartas, dessen (als europäisch begriffene) Hopliten die (asiatischen) Perser abwehren halfen. Foto: imago

Von Matthias Meyer zur Heyde

»Das Anti-68 ist da!« Wolfram Weimer vom Magazin »The European« schien 2016 genau zu wissen, wohin die von der AfD genervte Republik driftet. Der Bürger, so scheint es, liebt die Verkündigung von der Kanzel. Oder die Lehre im Leitartikel.

Aber stimmt es auch, dass Rechtsausleger wie die AfD die Rolle der APO, der Außerparlamentarischen Opposition der 60er Jahre, übernommen haben?

68er-Serie

Mit der 20. Folge endet unser Rückblick auf das Jahr 1968. Lesen Sie hier alle Teile: www.westfalen-blatt.de/68er

»Enteignet Springer!« – »Merkel muss weg!« Offenbar brauchen revoltierende Gruppen individuelle Gegner, an denen sie sich reiben können. Auch geht es nicht ohne Sitzblockade: Wie sich am 18. Februar 1968 rund 4000 Berliner Jugendliche vor der Deutschen Oper zu Ketten unterhakten, so ließen sich am 21. Dezember 2016 etwa 200 Identitäre vor der CDU-Bundeszentrale nieder – diese aus Wut über die zwölf Opfer des Islamistenanschlags vom Breitscheidplatz, jene in Trauer über die Toten des Vietnamkriegs. Und wie einst Fritz Teufel vor seinem Richter nur aufstehen wollte, wenn’s der Wahrheitsfindung diente, so mag sich heute Björn Höcke in der Talkshow erst hinsetzen, nachdem er die Sessellehne schwarz-rot-gold geschmückt hat.

Attacke gegen die Mehrheit

Die Bilder gleichen sich. Derzeit wird die bürgerliche Mehrheitsgesellschaft (der Soziologe Oskar Negt spricht, wenig schmeichelhaft, von »Ordnungsdenkern«) mit denselben Mitteln angegriffen wie vor 50 Jahren. Nur die ideologische Ecke, aus der die Attacke kommt, ist eine andere: »Die politische Rechte greift auf Sprüche und Aktionsformen zurück, die man seit den Tagen der 68er-Studentenrevolte mit der Linken in Verbindung bringt«, schreibt der in Münster promovierte Soziologe Thomas Wagner.

Um diese Ähnlichkeit zu bemerken, muss man nicht studiert haben. Das glaubt nämlich auch »der Stammtisch«, munitioniert mit den Befunden von intellektuellen Abenteurern wie dem Alt-68er Götz Aly. Der allerdings, maßlos, wie man es von Konvertiten kennt, hält sich nicht lange mit äußeren Ähnlichkeiten auf, sondern erklärt kurzerhand den ganzen Baum für verfault: die 68er als totalitär infizierte Söhne von »Hitlers Generationsprojekt: den 33ern« (ließ er sich in der »Frankfurter Rundschau« zitieren).

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm? In diesem Fall gilt der Spruch sicher nicht. Die Klassifizierung der 68er als »rote Spielart des Faschismus« (Hans-Joachim Schoeps, 1972) ist unhaltbar. Die 68er wünschten sich trotz ihrer Anfälligkeit für Lehrsätze ex cathedra die Demokratisierung aller gesellschaftlichen Prozesse, aus denen dann Frauenemanzipation, Friedens- und Umweltbewegung hervorgingen: Strömungen, nicht faschistisch, aber trotzdem so heiß geliebt wie hart verurteilt. Wenn also Wagner in seinem Buch »Die Angstmacher« – gemeint sind die Bürgerschrecks einst und jetzt – von einem Déjà-vu spricht, hat er zwar auch die Aktion der wenigen Aufwiegler vor Augen, in erster Linie aber die Reaktion der vielen »Ordnungsdenker«.

Erwünschte Überreaktionen

Auf Pegida und AfD antwortet die Mehrheitsgesellschaft wie vordem auf die Spontis: mit Empörung. Mit Emotion statt mit Analyse. Wo aber der Bauch die Reaktion steuert, trägt sie den Keim der Erfolglosigkeit in sich – das gilt natürlich nicht nur für den schimpfenden Bürger, sondern schon für den Provokateur: Hier studentisches Pudding-Attentat (April 1967), dort identitäres Klettern am Brandenburger Tor (August 2016) – beides kein Geniestreich. Aber dennoch »kommt es zu den erwünschten Überreaktionen der etablierten Institutionen«, notiert Wagner entnervt.

Wie sich die Bilder gleichen: Schon 1968 stand die uniformierte Staatsmacht dem Protest von der Straße gegenüber. Sogar die Zeichen – hier ist es das Peace-Symbol – sind sich verblüffend ähnlich. Foto: imago

Gestern rot, heute dumpf: Der Personal- und Ideologiewechsel in der Abteilung Attacke findet seine Entsprechung in der Neubesetzung am »Stammtisch bürgerlicher Selbstvergewisserung« (Michael Wolf bei »nachtkritik.de«). Vor 50 Jahren nämlich hockten an diesen Stammtischen überwiegend Kulturkonservative, die sich elitär dünkten, ohne zwingend der Bildungselite angehören zu müssen: Seit 1959, seit dem Godesberger Programm der Sozialdemokraten, durften ja diese Traditionalisten durchaus Arbeiter sein und SPD wählen. Schon der große Soziologe Max Weber hat Anfang des 20. Jahrhunderts bemerkt (in »Politik als Beruf«), dass es nicht etwa die gymnasiale bzw. universitäre Bildung ist, die über den politischen Kennerblick verfügt – eher im Gegenteil.

Unverschämt, aber wahr

Webers heutige Kollegen beobachten oft Kräfte am Stammtisch, denen »liberal« und »laissez-faire« Synonyme sind – jedenfalls solange keine invasiven Arten wie Pegida & Co. ihr sorgsam gehegtes Biotop aufmischen. Geschieht dies dann doch – in Zeiten der Massen- und Sozialen Medien schwer zu vermeiden –, dann jammern sie über den Pfahl im Fleische, einen Pfahl, der damals provozierend rot leuchtete und jetzt braun lackiert ist. Dann verweigert der Stammtisch das Spiel mit den »Populisten«, so wie er einst hektisch den Nachwuchs ins Haus holte, sobald des Sängers »Schmuddelkinder« auftauchten. Es geht auch weniger alarmistisch. Der CSU-Politiker Peter Gauweiler, früher ein ideologischer Hardliner, studierte 1968 Jura und organisierte damals in der Münchener Uni ein Sit-in, bei dem die Studenten demonstrativ die bei den 68ern verhasste »Bild«-Zeitung lasen. Sehr hübsch. Der einstige RCDS-Sponti tritt locker auf: 2009 bekannte er altersmilde im »Bayernkurier«, die »Unverschämtheiten« der 68er seien »immer auch Transportmittel der Wahrheit« gewesen. Ihre Verstöße gegen die »Tanzstunden-Etikette« von damals hätten »etwas Erfrischendes« gehabt.

Recht hat er. Staat und Gesellschaft nach 1968 jedenfalls haben mit der alten Bundesrepublik nicht mehr viel gemein. Der Disput hatte unübersehbar liberalisierende Folgen. Ob sich aber aus dem Disput mit der AfD Verwertbares entwickelt, überhaupt entwickeln kann, ist völlig offen.

Alle Teile unserer Serie unter: www.westfalen-blatt.de/68er

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