Di., 28.04.2015

Unruhe in Baltimore Die Hoffnung liegt in Scherben

Die Demonstration anlässlich des Todes von Freddie Gray eskalieren. Baltimore versinkt in Gewalt und Chaos.

Die Demonstration anlässlich des Todes von Freddie Gray eskalieren. Baltimore versinkt in Gewalt und Chaos. Foto: dpa

Von Thomas J. Spang

Freddie Gray dürfte sich angesichts der sinnlosen Gewalt in seinem Namen im Grabe umdrehen. Was die Randalierer am Tag der Beerdigung des 25-Jährigen in Baltimore veranstalteten, grenzt an Selbstsabotage. Statt den Fokus auf die Polizeibrutalität gegen Minderheiten zu richten, taten die wenig intelligenten Strippenzieher des »Tags der Säuberung« alles, um die Aufmerksamkeit davon abzulenken. 

Eine Stadt in Trümmern

Jetzt spricht die ganze Welt über zerschlagene Schaufenster, geplünderte Geschäfte, in Brand gesteckte Streifenwagen, 15 verletzte Polizisten und mehr als 200 Festnahmen. Der Frust darüber ist bei der schwarzen Bürgermeisterin, den Bürgerrechtlern und Predigern der mehrheitlich afro-amerikanischen Stadt überall zu spüren. Sie wollten mit der Trauerfeier für den jungen Schwarzen ein solidarisches Zeichen setzen.

In Scherben liegen nicht nur die Schaufenster der Geschäfte im armen Westteil der Stadt, sondern auch die Hoffnung, der bisher ungeklärte Tod Freddie Grays werde am Ende helfen, die Sensibilität für das Problem der Polizeigewalt im Umgang mit Angehörigen gesellschaftlicher Minderheiten zu schärfen.

Die live übertragenen Bilder der Unruhen in der nur 60 Kilometer weit vom Weißen Haus gelegenen Hafenstadt drohen im Gegenteil Stereotypen zu bedienen. Gewiss werden sich jetzt diejenigen bestätigt fühlen, die finden, der Polizei bleibe in solchen Nachbarschaften wenig anderes übrig als mit Härte gegen Verdächtige vorzugehen.

Strukurelle Probleme angehen

Die Verantwortlichen in Baltimore stehen vor einer doppelten Aufgabe. Zuerst und zuvorderst müssen sie Ordnung und Sicherheit wiederherstellen. Dass die schwarze, progressive Bürgermeisterin der Stadt sich gezwungen sah, bei dem republikanischen Gouverneur von Maryland die Nationalgarde anzufordern, zeigt, wie ernst die Lage ist.

Im nächsten Schritt geht es darum, die Aufmerksamkeit zurück auf die Polizeiarbeit in den Armenvierteln und Vorort-Ghettos der US-Großstädte zu lenken. Dabei spielen Vertreter der Zivilgesellschaft eine zentrale Rolle, aber auch die Regierung in Washington.

Barack Obama sollte als erster afro-amerikanischer Präsident im Weißen Haus keine Scheu davor haben, strukturelle Probleme bei Polizei und Strafverfolgung im Umgang mit Minderheiten mit Nachdruck anzugehen. Von Michael Brown in Ferguson über Michael Garner in New York bis Walter Scott in North Charleston und nun Freddie Gray zieht sich der nicht-proportionale Einsatz von Gewalt gegen Angehörige von Minderheiten wie ein roter Faden durch das Land. Es sind andere Orte, aber immer ähnliche Geschichten, die stets tödlich für die verfolgten Personen endeten.

Solange das vergessene Amerika nur Schlagzeilen macht, wenn es brennt, wird es keine Gerechtigkeit geben. Auch nicht für Freddie Gray, dessen Tod über die Baltimore-Unruhen in Vergessenheit zu geraten droht.

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