Fr., 01.05.2015

Gewerkschaften und der 1. Mai Gute Zeiten in schlechten Zeiten?

Foto: dpa

Von Stefan Vetter

In jedem Jahr rufen die Gewerkschaften für den 1. Mai zu Kundgebungen auf. Doch die Zeiten, als Proletarier nichts zu verlieren hatten als ihre Ketten, sind lange vorbei. Für die allermeisten ist der 1. Mai ein willkommener freier Tag. Hinzu kommt, dass Deutschland schon länger mit positiven Konjunkturdaten glänzt. Gute wirtschaftliche Zeiten müssen aber nicht automatisch schlechte Zeiten für die Gewerkschaften sein. Jedenfalls dann nicht, wenn sich die Arbeitnehmervertreter den veränderten Herausforderungen stellen.

Die Arbeitswelt ist in einem Umbruch. Wo früher der klassische Industriearbeiter das Maß aller gewerkschaftlichen Dinge war, gewinnt der Dienstleistungssektor immer stärker an Bedeutung. Große Unternehmen entstehen kaum noch, wohl aber viele kleine, die den Gewerkschaften das Geschäft erschweren. Zur Jahrtausendwende waren 75 Prozent aller Arbeitnehmer in Deutschland tariflich gebunden.
Heute sind es noch 58 Prozent, im Osten weniger als die Hälfte.

Andererseits zeigen Studien, dass Beschäftigte in Betrieben mit einem Branchentarif 5,6 Prozent mehr verdienen als Beschäftigte, für die es keinen Tarifvertrag gibt. Schon das unterstreicht die Bedeutung der Tarifpartnerschaft und damit auch der Gewerkschaften im Land. Und die könnte wachsen. Zum einen, weil zunehmend Arbeitskräfte gesucht anstatt entlassen werden. Das stärkt die Gewerkschaften und der 1. Mai Verhandlungsposition von Gewerkschaften. Zudem leistet die Bundesregierung Schützenhilfe: So ist der seit Januar geltende
Mindestlohn praktisch ein politischer Ersatz, um mangelnde gewerkschaftliche Durchsetzungsfähigkeit auszugleichen.

Es geht nicht allein um Lohnprozente. Der aktuelle Tarifstreit bei den kommunalen Kitas eröffnet ganz neue gewerkschaftliche Perspektiven. Denn hinter der Verdi-Forderung nach einer besseren Eingruppierung der 240 000 Erzieher(innen) steckt eine spannende Grundsatzfrage: die nach der Wertschätzung von Arbeit. Derzeit verdient eine Kindergärtnerin weniger als ein Paketzusteller, ein Industriemechaniker mehr als ein Altenpfleger. Kann das so bleiben in einer Gesellschaft, die sich demographisch verändert und deren einziger Rohstoff die Bildung ist? Wohl kaum.

Die Gewerkschaften könnten zum Vorreiter einer großen Debatte werden. Sie können sich allerdings auch selbst schaden, wie der Dauer-Tarifkonflikt bei der Bahn zeigt. Der Konkurrenzkampf zweier Gewerkschaften um Macht und Mitglieder ist alles andere als ein Ruhmesblatt. Sich auf die veränderten Herausforderungen einzustellen, heißt also auch, den eigenen Laden in Ordnung zu bringen. Die Bildung von
Tarifgemeinschaften wie etwa im öffentlichen Dienst ist ein guter Weg, um die unterschiedlichen Interessen verschiedener Berufsgruppen
zu bündeln.

»Tag der Arbeit« wird der 1. Mai genannt – die Arbeit geht den Gewerkschaften nicht aus.

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