Do., 11.02.2016

Kommentar zum Auschwitz-Prozess Der lange Schatten der Geschichte

Der frühere Auschwitz-Wachmann Reinhold Hanning (Mitte) sitzt in Detmold zwischen seinen Anwälten Andreas Scharmer (links) und Johannes Salmen auf der Anklagebank.

Der frühere Auschwitz-Wachmann Reinhold Hanning (Mitte) sitzt in Detmold zwischen seinen Anwälten Andreas Scharmer (links) und Johannes Salmen auf der Anklagebank. Foto: dpa

Von Bernd Bexte

Auschwitz – das ist der Ort des absolut Bösen, die Negation der Menschlichkeit. Was gestern nur ansatzweise vor dem Landgericht Detmold erörtert wurde, lässt einen den Atem stocken. Der Hanning-Prozess kann deshalb nicht mehr als eine Geste sein. Denn trotz einer zu erwartenden Verurteilung wird  der 94-jährige ehemalige SS-Unterscharführer keinen einzigen Tag in Haft verbringen müssen. Dazu wird er bei schon jetzt stark  eingeschränkter Verhandlungsfähigkeit kaum in der Lage sein. Bis ein Urteil rechtskräftig wird, vergehen zudem Jahre.

Der Prozess in Detmold ist dennoch notwendig und wichtig. Er ist ein längst überfälliges  Zeichen an alle  noch lebenden NS-Opfer und ihre Angehörigen: Ja, der deutsche Staat hat viel zu lange weggesehen, hat Menschen, die schwere Schuld auf sich geladen haben, jahrzehntelang unbehelligt gelassen, sogar vor Strafverfolgung geschützt. Warum?

Ignoranz der Justiz eine unfassbare Demütigung

Viele Richter und Staatsanwälte in der Nachkriegszeit waren zuvor selbst im NS-Unrecht verstrickt gewesen. Für die wenigen Überlebenden des staatlich verordneten Völkermords war diese Ignoranz der Justiz eine unfassbare Demütigung – jahrzehntelang. Deshalb ist der Detmolder Auschwitz-Prozess, unabhängig vom konkreten Fall des Reinhold Hanning, vor allem  ein spätes Eingeständnis der  Schuld der bundesdeutschen Nachkriegsjustiz. Ein Rechtsstaat,  der auf der Maxime »Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz« aufgebaut wurde, ist sich das schuldig.

 
Erst  2011   kam mit dem Fall  Demjanjuk vor dem Landgericht München die Wende. Seitdem  verfolgen  deutsche Staatsanwaltschaften konsequent auch die Mordgehilfen, die viel zitierten »kleinen Rädchen im Getriebe«. Rechtlich möglich wäre dies bereits seit Jahrzehnten  gewesen.  Täter berufen sich  auf den »Befehlsnotstand«. Man habe so handeln müssen, andernfalls sei man erschossen worden. Ein Mythos. Bereits in den Frankfurter Auschwitzprozessen 1963 konnten die Staatsanwälte nachweisen, dass kein einziger  SS-Mann wegen Befehlsverweigerung hingerichtet worden ist.

»Die Deutschen sind anständig, hat mir mein Vater immer gesagt«

Der Detmolder Prozess ist aber nicht nur ein Blick zurück. Der lange Schatten der Geschichte reicht bis in die Gegenwart. Die deutsche Politik, das Selbstverständnis der Deutschen wird bis heute maßgeblich von den Lehren aus den unheilvollen Jahren der Nazi-Diktatur bestimmt. Dass Deutschland im Umgang mit Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, sich komplett anders verhält als alle anderen Länder Europas, ist dafür ein beredtes Zeichen.

»Die Deutschen sind anständig, hat mir mein Vater immer gesagt«, berichtete Auschwitz-Überlebender Leon Schwarzbaum (94) am Donnerstag vor Gericht. Dann kamen die Nazis. In den Detmolder Prozess setzt er die Hoffnung, dass er an den Satz seines in Auschwitz ermordeten  Vaters wieder glauben kann. Möge sich diese Hoffnung erfüllen

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