Do., 10.03.2016

Kommentar zur Zinssenkung auf 0,0 Prozent Draghi ist unbelehrbar

Mario Draghi

Mario Draghi Foto: dpa

Von Bernhard Hertlein

Als Mario Draghi 2012 in London angekündigt hat, alles zu tun, um den Euro zu retten, dachten wohl die wenigsten, dass die von ihm geführte Europäische Zen­tralbank die Zinsen in weniger als vier Jahren de facto unter die Nulllinie führen könnte. Denn in  Wirklichkeit bedeutet der kühne Schritt auf  0,0 Prozent eine Minusverzinsung.

Es ist nur eine Frage der Zeit, wann mehr Geldinstitute ihren Sparern »Parkgebühren« abverlangen müssen. Denn das natürliche Modell, bei dem sich Einlagen verzinsen, weil die Banken und Sparkassen das Geld ihrer Kunden zur Finanzierung von Krediten benötigen, funktioniert immer weniger. Wenn sie bei der EZB die Hand aufhalten, erhalten sie das Geld einfacher und billiger.

Draghi und die Mehrzahl der europäischen Notenbanker wirbeln die Finanzbranche immer weiter durch­einander. Jahrhundertealte Geschäftsmodelle privater Banken und Versicherungen funktionieren nicht mehr. Sie tun es schon deshalb nicht, weil die Institute teilweise sogar durch Gesetz verpflichtet sind, einen Großteil ihrer Gelder absolut sicher – also negativ verzinst – anzulegen. Was soll die Bank tun, wenn sie nicht stattdessen die in der Finanzkrise bereits schmaler gewordenen Geldpolster ganz aufzehren will? Die Vermietung von Banksafes reicht sicher nicht als alternatives Gewinnmodell. Und seit gestern will Draghi sogar das Geschäft mit Unternehmensanleihen selbst in die Hand nehmen.

Die Folgen tragen nicht nur die Anteilseigner und Mitarbeiter der Banken und Versicherungen. Denn mit ihren Geschäftskonzepten verschwinden auch die Renten, Lebensversicherungen und andere Modelle zur Altersvorsorge. Selbst die privat Krankenversicherten zahlen deshalb demnächst höhere Beiträge.

Auf der Habenseite stehen neben dem boomenden Wohnungsbau auch Ersparnisse, mit denen die Finanzminister theoretisch die Staatshaushalte sanieren könnten. 78 Prozent aller deutschen Staatsanleihen sind dank Draghis Aufkaufprogramm heute negativ verzinst.

Zwei Gründe führt die EZB für ihre Minuszinspolitik an. Nach der Finanzkrise stand an erster Stelle die Ankurbelung der Konjunktur. Doch seit der Aufschwung außer Deutschland auch Spanien und einige andere südeuropäische Staaten erfasst, ist die Preisstabilität in der Argumentation an die erste Stelle gerückt. Nach Definition der EZB ist sie erreicht, wenn die Preise jährlich um knapp zwei Prozent steigen.

Im Augenblick schwankt die Inflationsrate dank des billigen Öls zwischen plus 0,3 und zuletzt minus 0,2 Prozent. Also erreicht die EZB ihr selbst gestecktes Ziel nicht. Trotzdem geht sie ihren Weg genauso weiter, verschärft sogar die Gangart. Gäbe es einen Controller, er müsste längst »Stopp« rufen. Wer würde einem Arzt vertrauen, dessen Therapie nicht nur nicht hilft, sondern täglich schlimmere Nebenwirkungen hervorruft. Und der trotzdem weitermacht, ja sogar nervös die Dosis erhöht?

Kommentare


Na ja,

ein bisschen kann man den Herrn Draghi vielleicht verstehen.
Wenn ich Chef-Geldscheinunterschreiber bei der EZB waere und müßte tagaus tagein 14 Stunden lang ausnahmslos alle Euroscheine für einen Hungerlohn unterschreiben, hätte ich wahrscheinlich auch genau in diesen jährlich 5 Minuten, in denen ich beruflich eine Entscheidung treffen muß, auch nicht die entscheidende Muße.

Spass beiseite.

Ich habe mir bezüglich der Zinsen auf's Tagesgeld nochmal die Konditionen bei der Sparkasse angeschaut.
Bis 250.000 Euro gibt es 0,05% Zinsen, ab 250.000 Euro gibt es 0,00%.

Die Kontoführungsgebühr für's Girokonto und die Gebühr für die Sparkassencard betragen zusammen jährlich 42,- Euro.

D.h. habe ich weniger als 84.000,- Euro Sparguthaben, habe ich ueberhaupt keine Einnahmen aus Kapitalertraegen.

Die maximalen Zinsen aus Kapitalerträgen bei 250.000,- Euro betragen 6,92 Euro monatlich.

Die Welt wird im ursprünglichem aber auch im übertragenem Sinne immer wertefreier.

Der Staat vermiest einem die gesetzliche Rente durch Absenken des Rentenniveaus und/oder Erhöhung des Renteneintrissalters und versucht einen zusätzlich in sinnbefreite Zusatzrentenanlagen zu investieren und die Banken drängen einen aus vermeintlich sicheren Geldanlagen in Risikopapiere.

Die Welt wird immer im geistigen Sinne verstrahlter.






Danke für die Beispielrechnungen

Danke, insbesondere auch für die Beispielrechnungen. Sie verdeutlichen noch einmal mehr die Absurdität der EZB-Politik.

...weil er's kann und niemand ihn hindert....

Die -wie einige meinen- nicht demokratisch legitimierte EZB hat wohl vielleicht sogar mehr Macht bezüglich der Individuen als die Länderregierungen.

Funktioniert da eigentlich die Einlagensicherung noch, oder wird man da als Sparer nicht enteignet.
Bei 0,05% Zinsen (noch haben die einzelnen Banken nicht nachgezogen) mueßte man wegen der Kontoführungsgebühr mehr als 72.000 Euro auf dem Tagesgeldkonto haben, um überhaupt Einnahmen aus Sparvermögen zu haben.

Jahrzehntelang haben Eltern ihre Kinder zum sparen angehalten. Ein grober Fehler. Wer spart bekommt im Fall der Fälle weder Bafög noch Hartz IV. Schafft den Weltspartag ab, das ist Volksverdummung.

Wer länger als 1 Jahr arbeitslos ist, kann evtl. das Transfergeld Hartz IV beantragen.

Sollte er allerdings mehr als maximal um 10.000 Euro (Schonvermögen; obwohl es ja gar nicht geschont wird) an Sparvermögen auf dem Konto haben, hat dieses Ansinnen für den arbeitssuchenden Arbeitslosen keinen Sinn.

Selbstbewohnter Beton in adequater Größe wird hierbei nicht berücksichtigt. Sollte also jemand nur Letzteres haben, so braucht dieser nicht nur keine Miete zu zahlen, sondern er bekommt zusätzlich noch Hartz IV und evtl. auch noch Wohngeld.
Gerecht geht anders.

Viel schlimmer aber und gar nicht zu verstehen ist die Behandlung durch die gesetzlichen Krankenkassen, die sich wiederum allerdings auf den Gesetzgeber beziehen.

Jedes Mitglied der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt seinen Beitrag auf Einkommen (das Einkommen dient als Bemessungsgrundlage) und aus Einkommen und nicht etwa aus dem Ersparten. Hartz IV-Empfänger und Minijobber zahlen allerdings keinen Beitrag.

Der arbeitssuchend Arbeitslose ohne Leistungsbezug (der "Nichtharzer") muß sich freiwillig selbst versichern.

Für alle die kein oder nur ein geringes Einkommen haben hat der Gesetzgeber (?) die sogenannte Mindestbemessungsgrundlage ( ein "fiktives" Einkommen) festgelegt.

In 2016 betraegt dieser 968,- Euro monatlich; der entsprechende monatliche Beitrag betraegt 171,- Euro.

Schnell errechenbar ist, dass der Nichtharzer seinen Beitrag mindestens teilweise und demnächst sogar ganz aus dem Ersparten und nicht wie jeder Andere aus dem Einkommen aufbringen muß. Das ist in der gesetzlichen Krankenkasse einmalig.

Um übrigens 171,- Euro als Zinsen aus Sparvermögen zu bekommen bedarf es mit Berücksichtigung der Kontoführungsgebühr bei 0,05% Zinsen 4.176.000 Euro an Sparvermögen.
Um 968,- Euro zu bekommen, bedarf uns zu genannten Bedingungen 23.304.000 Euro.

Da arbeitet Regierung und EZB doch wunderbar gegen das Individuum.

Jedes weitere Wort waere Verschwendung.





Ein sehr guter Artikel, der die Zustände in diesem Sektor in Europa treffend beschreibt.
Verschärft wird das Ganze noch dadurch, daß die EZB das Bargeld abschaffen will; der erste Schritt mit dem 500 €-Schein wird gerade getan. Und wenn das Bargeld erst mal beseitigt ist, kann der normale Bürger sein sauer verdientes/gespartes Geld nicht mal mehr zuhause lagern. Somit ist den Geldinstituten der Zugriff auf die Geldmittel der Bürger zu jeder Zeit gesichert und Minuszinsen können locker durchgesetzt werden.
Was lernen wir daraus? Draghi, die EZB, ja, das ganze Europa - so wie es jetzt gerade ist - gehört abgeschafft!

4 Kommentare

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