Mo., 25.07.2016

Meinung Sommer der Angst

Trauernde nach dem Attentat in Nizza.

Trauernde nach dem Attentat in Nizza. Foto: dpa

Von Werner Kolhoff

Mit Würzburg, spätestens Ansbach, ist der Terror im Herzen des Landes angekommen, in den Klein- und Mittelstädten. Dass so etwas »doch nicht bei uns« passiert, das sagt jetzt keiner mehr.

Auch wenn noch nicht klar ist, wie gesteuert die Anschläge waren, oder ob sie eher als erweiterte Suizide einzustufen sind, auch wenn man den Amoklauf von München nicht mitzählen kann und Reutlingen ebenfalls nicht – dies ist schon jetzt ein Sommer der Angst.

Politisch wird er Angela Merkel zugerechnet werden. Es ist eine böse Wendung der Geschichte, dass ausgerechnet das Bundesland der Willkommenskultur des Sommers 2015, Bayern, am meisten betroffen ist.

Die Reaktion ist klar und wird von den Rechten sofort auf den Punkt gebracht: Hättet ihr nicht all die Flüchtlinge ins Land gelassen und mit ihnen die Terroristen, hätten wir alle heute kein Problem. Es ist eine sehr, sehr einfache Gleichung.

Wer noch bereit ist nachzudenken, möge es tun: Der Terror ist jetzt in Deutschland angekommen, wohl wahr. Aber hätte es ohne Flüchtlinge keine Terrorgefahr gegeben? Jeder weiß, dass es anders ist.

Zweitens: Eine Mehrheit der Deutschen stand im vorigen Jahr hinter der humanitären Entscheidung, die Flüchtlinge nicht abzuweisen. Zu Recht, denn sie wollten Menschlichkeit zeigen und kein kaltes Land sein. Ein hohes Gut.

Nun sind die Menschen da. Das kann man nicht einfach zurückdrehen, weil einige diese Mitmenschlichkeit schändlich missbrauchen. Man darf nicht eine Million Verzweifelte verhaften für ein paar Durchgeknallte. Sondern man muss die Durchgeknallten schneller erkennen und sie, da hat Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) absolut Recht, auch schneller wieder ausweisen.

Und drittens: Hätte man nicht von vornherein damit rechnen müssen, dass es unter den Entwurzelten auch Verzweiflung gibt, Desorientierung, Psychosen, Drogensucht, Kriminalität? Gerade bei jungen muslimischen Männern.

Vielleicht hat man sich Illusionen über ihre Lage gemacht. Vielleicht ist die Schlussfolgerung genau andersherum: nämlich, dass man manchem zu wenig geholfen hat und nicht zu viel.

Angela Merkel hat im vergangenen Sommer ihr berühmtes »Wir schaffen das« gesagt und die Versorgung der gut zwei Millionen Flüchtlinge gemeint, die seitdem nach Deutschland gekommen sind.

Jetzt zeigt sich, dass nicht nur logistische Probleme zu bewältigen sind. Alles gehört noch einmal auf den Prüfstand und nachjustiert, von der Betreuung der Flüchtlinge über Sanktionen gegen Gefährder bis hin zu den Fähigkeiten der Polizei.

Denn die Sicherheit der eigenen Bevölkerung ist ein mindestens ebenso hohes Gut. Für sie muss alles getan werden. Schaffen wir das auch?

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