Fr., 07.10.2016

Kommentar zum Friedensnobelpreis Belohnung für einen Versuch

Foto: dpa

Von Werner Kolhoff

S

isyphos muss man sich gemessen an den Trägern des Friedensnobelpreises in der Tat als glücklichen Menschen vorstellen. Jitzach Rabin wurde kurz nach der Auszeichnung erschossen, der Nahostkonflikt ging weiter. Barack Obama, so hoffnungsvoll gestartet, zerrann die Befriedung der Welt zwischen den Fingern. Mohammed El-Baradei muss erleben, dass die Ausbreitung von Kernwaffen nicht gestoppt ist.

Die Kräfte des Krieges, des Hasses und der Konfrontation scheinen immer wieder die Oberhand zu gewinnen. Wo endlich ein Friede erreicht ist, hält er nicht lange. Die Auszeichnung von Juan Manuel Santos ist dafür besonders beispielhaft. Denn das von ihm ausgehandelte Abkommen mit den kolumbianischen Farc-Rebellen, für das er den Preis bekommt, ist gerade erst gescheitert. Bevor der Preis überhaupt überreicht werden konnte.

Der Krieg ist eine vielköpfige Hydra. Mal halten ihn wirtschaftliche Interessen am Brennen, mal Ideologien, Religionen und ethnische Konflikte, mal der Terror einzelner Gruppen. Oder eben, wie jetzt in Kolumbien, die Rache, die eine hauchdünne Mehrheit in einer Volksabstimmung der Versöhnung vorzog. Die Auszeichnung Santos’ ist keine Belohnung für einen historischen Erfolg, sondern für einen historischen Versuch. Sie ist für die Konfliktparteien in Kolumbien ein Ansporn, den Friedensprozess trotz der Niederlage beim Referendum noch nicht aufzugeben. Hier wirkt das Komitee in noch laufende Prozesse ein und wählt den Preisträger sogar genau mit dieser Absicht aus. Nicht zum ersten Mal. Auch Willy Brandts Friedensnobelpreis 1971 fiel in eine ähnliche Phase. Seine Ostpolitik war im Land hochumstritten, er selbst wurde genau wie jetzt Santos als Landesverräter angegriffen.

Auch die Arbeit des Nobel-Komitees selbst ist Sisyphos-Arbeit. Jedes Jahr eine neue Entscheidung, jedes Jahr neue Aufwallung und Kritik. In der Tat kann man einwenden, dass die Auswahl die höchst subjektive Sicht westlich geprägter Leute ist. Ein afrikanisches Komitee würde eine andere Auswahl treffen. Stimmt. Trotzdem bewegt die Auszeichnung etwas. Trotzdem werden die Ausgezeichneten bewundert, trotzdem geht ihr Beispiel um die Welt. Angela Merkel oder griechische Flüchtlingshelfer hätten 2016 den Preis genauso verdient gehabt. Als Zeichen dafür, dass es einen empathischen Umgang mit dem globalen Flüchtlingsproblem gibt, nicht nur abweisende Kälte. Die syrischen Weißhelme hätten ihn verdient gehabt. Als Vorbild für Menschen, die selbst im Schlachthaus des Krieges die Humanität aufrechtzuerhalten suchen.

Es kann aber nur einen Preisträger geben. Juan Manuel Santos, der für den Moment zurückgeworfene, aber noch nicht gescheiterte Friedensmacher ist eine gute Wahl. Weil er es weiter probieren wird.

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