Kommentar zu Obama in Berlin
Seelsorge zum Abschied

Barack Obama und Deutschland – das ist ein besonderes Kapitel in der jüngeren politischen Geschichte. Ein halbes Dutzend Mal ist der US-Präsident hier offiziell zu Besuch gewesen. So oft wie keiner seiner Amtskollegen vor ihm.

Donnerstag, 17.11.2016, 23:10 Uhr aktualisiert: 18.11.2016, 07:11 Uhr
US-Präsident Barack Obama und Bundeskanzlerin Angela Merkel geben im Bundeskanzleramt eine Pressekonferenz. Foto: Kay Nietfeld/dpa
US-Präsident Barack Obama und Bundeskanzlerin Angela Merkel geben im Bundeskanzleramt eine Pressekonferenz. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Die Bilder aus dem Sommer 2008, als sich in Berlin 200.000 begeisterte Menschen versammelten, um den damaligen Präsidentschaftskandidaten zu hören, haben immer noch etwas Magisches. Vor der Siegessäule wurde Obama wie ein Messias gefeiert, durch den sich die Welt zum Besseren wendet. Ihm flogen die Herzen auch deshalb zu, weil die Deutschen den damaligen Amtsinhaber George Bush satt hatten, so wie dessen Irak-Krieg.

Natürlich waren die Erwartungen an Obama weit überzogen. Aber nach einer Phase der Annäherung wusste Merkel, woran sie mit ihm war. Was jetzt kommt, ist ungewiss. So hat Obamas politischer Abschied auch wenig von jener Lockerheit, die man mit dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit gern in Verbindung bringt. Kein Bad in der Menge, kein Überraschungsbesuch in einer Berliner Szene-Kneipe. Stattdessen, streng abgeschirmt, stundenlange Gespräche mit der Kanzlerin, wobei man getrost annehmen darf, dass es weniger um alte Erinnerungen als vielmehr um den neuen Mann im Weißen Haus ging.

Unter Obama ist Deutschland zum wichtigsten europäischen Partner für die USA geworden. Der US-Präsident hat Merkels Flüchtlingspolitik ausdrücklich gewürdigt. Ohne die Achse Berlin-Washington wäre es auch kaum zum Pariser Klimaschutzvertrag gekommen. Geht das alles kaputt? Und was ist mit der Nato? Im Wahlkampf hatte Trump das westliche Verteidigungsbündnis als »überholt« bezeichnet. Bei seiner Abschiedstour ist Obama auch als eine Art Seelsorger aufgetreten.

»Fürchtet euch nicht«, es wird schon nicht so schlimm kommen. Tatsächlich war auch das Verhältnis zwischen der Kanzlerin und dem scheidenden US-Präsidenten nicht frei von Konflikten. Von der anfänglichen »Obamania« hat Merkel nie etwas gehalten. Ihre Sparpolitik zur Rettung des Euro sah der Amerikaner mit Skepsis. Umgekehrt musste sich Merkel düpiert fühlen von den Schnüffeleien des US-Geheimdienstes, der vor ihrem Handy nicht halt machte. Obama wiederum mahnte Berlin mehrfach zu höheren Verteidigungsausgaben. Gleichwohl haben sich die beiden Staatenlenker zusammengerauft. Ihre Freundschaft ist trotz mancher Spannung über Jahre gewachsen.

Vielleicht ist das eine Ermutigung für die Zukunft. Auch wenn es schwerfallen mag, sich ein gedeihliches Verhältnis zwischen Merkel und Trump vorzustellen – notorische Schwarzmalerei hilft nicht weiter. Berlin und Washington müssen neu lernen, verlässlich miteinander umzugehen.

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