Kommentar zum Abschiedsgipfel
Europa muss ohne Obama auskommen

Europas einzige Hoffnung auf Amerika ist eine lahme Ente. Das US-Wort für einen scheidenden Präsidenten klingt unschön, trifft aber den Kern. Nur vordergründig ging es am Freitag in Berlin um Donald Trump.

Freitag, 18.11.2016, 22:00 Uhr
Noch-Präsident Barack Obama. Foto: dpa
Noch-Präsident Barack Obama. Foto: dpa

Tatsächlich aber kann Noch-Präsident Barack Obama den Europäern mit nichts mehr hilfreich sein. Der Demokrat im Weißen Haus gibt in gut zehn Wochen mitsamt den 4000 wichtigsten Mitarbeitern alle Zügel aus der Hand.

Was also ist herausgekommen beim kollektiven Wundenlecken und Entrüsten über einen unberechenbaren Populisten? Vor allem eine Erkenntnis: wie uneins und schwach Kerneuropa dasteht, wenn der wichtigste Verbündete plötzlich Frage- statt Ausrufezeichen sendet.

Francois Hollande gilt auch als eine Art »lame duck«, dessen Abwahl sicher ist. Großbritanniens Brexit-Premier Theresa May ist selbst ein Kind des rüden Egoismus. Mariano Rajoy regiert ohne echte Mehrheit und Italiens angeschlagener Matteo Renzi sitzt, wie der Spanier, in der selbst gestellten Schuldenfalle.

Nur Angela Merkel scheint feiner heraus zu sein. Aber es reicht nicht, »best oft he rest« unter den altgedienten europäischen Führern zu sein. Wutbürger machen auch in Deutschland dem lange gewahrten Einvernehmen zu schaffen.

Sind die Europäer nach Schuldenkrise, Flüchtlingszwist und aufgekündigter Solidarität bald ebenso waidwund wie die USA? Schließlich vermochte Trumps Kampagne gegen Hillary Clinton die bisherige amerikanische Außenpolitik politisch sturmreif zu schießen.

Die Abschiedsrunde in Berlin brachte jedenfalls wenig Brauchbares. Das Festhalten an Wirtschaftssanktionen gegen Russland ist selbstverständlich. Aber das wesentlich von Frank-Walter Steinmeier ausgehandelte Minsker-Abkommen wird bald gar keinen Fürsprecher mehr haben.

Der große Klima-Erfolg der G7 2015 in Elmau spielt gar keine Rolle mehr. Gleiches gilt für den Iran-Deal.

Dennoch wurde Angela Merkel gestärkt. Durch Obamas symbolische Staffelübergabe an die weiterregierenden Deutsche und die neue Erkenntnis in Europa: je mieser Trump agiert, um so mehr hört Europa wieder auf Merkel.

Was bleibt, ist Wehmut. Die EU verliert einen Freund, Deutschland ganz besonders. Obamas Versprechen, demnächst einmal privat vorbei zu schauen, ist nett – aber auch ein wenig niedlich.

Und jetzt zieht einer ins Weiße Haus ein, von dem nicht einmal der Vorgänger weiß, was er wirklich will. Das irritiert und stärkt das Schwelgen in Nostalgie. Das Ende einer wunderbaren Freundschaft schmerzt nicht nur die Etablierten in Berlin. Die meisten Deutschen werden ihn vermissen. Bye bye, Obama.

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