Kommentar zu den Morden von Herne
Was ging in Marcel H. bloß vor?

Die Nachricht war zwar schon am Donnerstagabend gekommen, aber auch jetzt ist die Erleichterung immer noch groß: Der Mörder von Herne ist gefasst. Zugleich bleiben Trauer und Wut, Fassungslosigkeit und Entsetzen.

Freitag, 10.03.2017, 21:30 Uhr
Trauer und Fassungsloigkeit in Herne. Foto: dpa
Trauer und Fassungsloigkeit in Herne. Foto: dpa

Marcel H. hat ein umfassendes Geständnis abgelegt. Zwei Menschen hat er das Leben genommen – einmal mit 52 und einmal mit 68 Messerstichen. Eines seiner Opfer war neun, das andere 22 Jahre alt. Beide mussten sterben, obwohl ihr Leben gerade erst begonnen hatte.

Wie muss es ihren Eltern, wie allen ihren Angehörigen und Freunden jetzt ergehen? Sie leben weiter – ja, sie müssen weiter leben, aber ein wertvoller Teil ihres Lebens ist für immer zerstört. Nichts wird mehr so sein, wie es war. Was würde Marcel H. wohl sagen, wenn er ihnen gegenüberstände?

Ohnmächtig lässt uns das Geschehen zurück

Ohnmächtig lässt uns das Geschehen zurück. Es ist immer wieder aufs Neue verstörend zu sehen, was Menschen zu tun imstande sind. Auch wenn Marcel H. seine Aussagen gemacht hat, bleiben viele Fragen offen.

Und noch ist der 19-Jährige kein rechtskräftig verur­teilter Mörder. Das hat in unserer Redaktion am Freitag neben allem Entsetzen, neben aller Ratlosigkeit auch eine Debatte über unsere Verantwortung ausgelöst.

Schaffen wir nur eine Bühne?

Muss aus dem vollen Namen des gesuchten Tatverdächtigen nun zwingend wieder Marcel H. werden, weil der 19-Jährige noch nicht verurteilt ist? Dürfen wir sein Foto nicht mehr unverpixelt zeigen, weil ja nun nicht mehr nach ihm gefahndet wird? Setzen wir uns womöglich ganz bewusst über beides hinweg? Oder schaffen wir damit nur die Bühne, die solche Täter ja gerade suchen und fordern so im schlimmsten Fall sogar noch Nachahmer heraus?

Zudem: Marcel H. ist volljährig, aber ist er auch erwachsen? Das wird erst der Prozess zeigen können. Auch kann man mit dem Recht am eigenen Bild argumentieren – schließlich gilt der Rechtsstaat auch für mutmaßliche Täter. Dagegen steht freilich, dass sich Marcel H. mit seinen Taten gebrüstet hat.

An der Realität vorbei

Vor allem jedoch: Geht die ganze Debatte nicht komplett an der Realität vorbei, da das Foto von Marcel H. zu Fahndungszwecken ja auch über das Internet verbreitet wurde und damit unauslöschlich in der Welt ist?

Die nachträgliche Verpixelung eines tagelang unverpixelt gezeigten Fotos könnte da geradezu wie eine wohlfeile Art der Selbstzensur wirken. Getreu dem Motto: Seht her, wir Journalisten verhalten uns moralisch einwandfrei. Am Ende muss all das jede Redaktion in jedem Einzelfall immer wieder neu für sich entscheiden.

Wir haben uns entschieden, das Bild von Marcel H. in dieser Ausgabe zu zeigen. Eine besondere Schutzbedürftigkeit sehen wir nicht, auch wenn diese Entscheidung nicht einstimmig fiel. Ungeteilt ist unser Mitgefühl für die Hinterbliebenen der Mordopfer.

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