Kommentar zum Papst in Südamerika
Franziskus in der Löwengrube

die drei Rucksacktouristen waren 1980 total schockiert: Am Ende eines langen Abends lagen 150 Pistolen und Dutzende automatische Waffen auf der Tanzfläche. Die Polizei hatte gerade die größte Diskothek von Medellin in Kolumbien gestürmt und alle Besucher durchsucht. Damals begann der Narko-Terror.

Montag, 15.01.2018, 21:30 Uhr
Papst Franziskus fliegt nach Südamerika. Foto: dpa
Papst Franziskus fliegt nach Südamerika. Foto: dpa

Heute befinden sich 43 der 50 gefährlichsten Großstädte der Welt in Südamerika, in Brasilien gibt es sieben Morde pro Stunde. Polizei und Justiz sind machtlos. Drogenkartelle, Favela-Gangs und korrupte Regierungen überziehen den Kontinent mit Gewalt. Politikversagen, wohin man schaut. Straßenkriege und die Ausrottung der indigenen Bevölkerung kosten inzwischen mehr Menschenleben als die Militärdiktaturen in den schlimmen Jahrzehnten davor.

Die Narko-Ära hat in Medellin ihren Ausgang genommen. Immer neue Drogenwellen in den USA und Europa schufen einen bis heute unlösbaren Konnex zwischen Rauschgiftproduzenten, Dealern und Konsumenten in den Wohlstandszonen.

Bis zum 21. Januar besucht Papst Franziskus Südamerika zum sechsten Mal. Um sein Heimatland Argentinien aber macht er erneut einen Bogen. Der frühere Erzbischof von Buenos Aires fürchtet zu Recht, innenpolitisch vor den Karren falscher Eliten gespannt zu werden. Franziskus will zeigen, dass es noch eine andere Seite und Hoffnung für den Kontinent gibt. Diesmal wird er in Chile und Peru landen, um sich der Urbewohner anzunehmen.

Kaum bemerkt von der weltweiten Öffentlichkeit finden Unrecht und sogar Menschenjagd auf indigene Völker seit langem statt. Franziskus wird in Chile das angestammte Gebiet der Mapuche besuchen. Seit der Staatsgründung im 19. Jahrhundert wird diese Volksgruppe systematisch mit Gewalt zurückgedrängt. Noch heute leben ihre Mitglieder vernachlässigt am Rande der Gesellschaft. Ein schwammiges Gesetz zur Landrückgabe nach dem Ende der Pinochet-Diktatur 1989 hat nichts besser gemacht. Zu stark sind die Großgrundbesitzer, darunter viele europäische Auswanderer.

Längst führen auch die Ureinwohner Perus und anderer südamerikanischer Staaten einen Kulturkampf um nachhaltige Landwirtschaft und gegen Pestizide, Gensaatgut und Monokulturen. In Chile wird der Konflikt zusätzlich durch linksextremen Terror aufgeladen, der sich am Wochenende mit Brandanschlägen auf katholische Kirchen in Santiago bemerkbar machte.

All das schreckt den Papst, der viele Jahre in den Löwengruben von Buenos Aires unterwegs war, nicht. Er schaut auf die Welt weder von links noch von rechts, nicht einmal ökologisch oder ökonomisch. Konsequent sieht er nur den Menschen an erster Stelle – bevorzugt aus der Perspektive derer, die ganz unten stehen.

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