Kommentar zum Flüchtlingsrekord
Konflikte mit weltweiten Folgen

Wenn Alexander Gauland jemals wieder das Wort »Vogelschiss« in den Mund nimmt, sollte der AfD-Fraktionschef es zu einer ganz anderen Klarstellung verwenden: Die Folgen der weltweiten Flüchtlingskrise für Deutschland sind nichts im Vergleich zu den Dimensionen, die Flucht und Vertreibung in Krisengebieten angenommen haben.

Mittwoch, 20.06.2018, 05:00 Uhr
Muslimische Flüchtlinge während ihrer Flucht mit dem Boot. Foto: dpa
Muslimische Flüchtlinge während ihrer Flucht mit dem Boot. Foto: dpa

Die AfD-Dramatisierungen wie »Flut« und »Welle« treffen zu, allerdings nicht bei uns, sondern in Syrien, Afghanistan, Myanmar und Somalia.

68,5 Millionen Menschen waren 2017 auf der Flucht. Zum fünften Mal in Folge meldet das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) einen neuen Höchststand .

Deutschland erreichten im vergangenen Jahr dagegen gerade 300.000. Die Masse der Vertriebenen fand, wenn überhaupt, Unterschlupf in gleichermaßen bitterarmen Nachbarländern. Rund um den Südsudan, Somalia und die Demokratische Republik Kongo rücken Dorfgemeinschaften zusammen mit Neuankömmlingen, die noch weniger haben als sie selbst. Im Osten der Türkei, in Jordanien und Libanon gibt es Regionen, in denen mehr Flüchtlinge leben als angestammte Bewohner. Dort gibt es die Menschlichkeit und den Pragmatismus, der unserer Flüchtlingsdebatte in Deutschland abhandengekommen ist.

Die Zunahme humanitärer Katastrophen geht einher mit dem Zerfall klassischer Staatensysteme. Extrem wirksame Kleinwaffen, hochmobile Rebellengruppen und finanzstarke Kriegstreiber haben das Gesicht des Krieges weltweit verändert. Das Verzeichnis gescheiterter Staaten listet mehr als 30 Länder auf, deren Gefährdungszustand als »alarmierend« gilt. Dazu passt, dass die Zahl klassischer Kriege zwischen Nationalstaaten seit der Jahrtausendwende abgenommen hat.

An Stelle der Kriege sind unüberschaubare Konflikte getreten, deren erste Opfer immer die Menschen sind. Multinationale und hochgerüstete Militäraktionen im Kampf gegen den Terror haben die Entwicklung nicht aufhalten können. Im Osten des Kongos, wo die Gier der Weltwirtschaft nach Coltan (Smartpho­nes) und Kobalt (Elektromobilität) die Warlords zu Millionären macht, gibt es 120 Rebellengruppen. Die hochgradig korrupte Regierungsarmee schaut zu. Stattdessen zettelt sie Massenmorde im Süden an, um überfällige Präsidentschaftswahlen zu vereiteln.

Generell gilt: Die vom Maghreb bis Pakistan übliche Begründung, allein militanter Islamismus trage die Schuld am Zerbrechen von Staaten, greift zu kurz. Die Weltgemeinschaft bekommt das mit all ihren Instrumenten vom Sicherheitsrat bis zum UNHCR nicht in den Griff. Was uns vor die Füße fällt, sind Millionen von gestrandeten Flüchtlingen – und zwar nicht vorrangig an der deutschen Grenze, sondern weltweit. Um diese Menschen sollten wir uns kümmern.

Kommentare

Paul Schneider  schrieb: 20.06.2018 13:19
Konflikte mit weltweiten folgen
Schon im Mai 2016 wollten die Vereinten Nationen zehn Prozent aller als Flüchtlinge gezählten Menschen weltweit umsiedeln. Man sprach von 6 Millionen pro Jahr. 40 Millionen waren vor zwei Jahren auf der Flucht vor Konflikten und Gewalt im eignen Land. Der IDMC nannte den Beginn des islamistischen Terrorismus als Geburtsstunde für das Flüchtlingsdrama. Es sind aber auch die rabiaten Methoden, sprich die rücksichtslose Interessenpolitik, die Flüchtlingskrise aus Europa herauszuhalten. Stattdessen gibt es Krieg gegen wehrlose Opfer aus zugebombten Ländern und ausgehungerten Landstrichen in Zusammenarbeit mit autokratischen Herrschern und Diktatoren. Wie wäre es denn mit der Rücknahme der ungleichen Freihandelsabkommen, wie EPA, Widerruf der "Strukturanpassungsprogramme", die zahlreich den Ländern vom IWF und der Weltbank aufgedrängt wurden, Verbot von Landraub, verbindliche Regelungen für den schonenden Umgang mit Ressourcen und Klima, Verfolgung von Politikern durch den Internationalen Strafgerichtshof, die in andere Länder militärisch eingreifen und gegenVölkerrecht verstossen?
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