Kommentar zum Missbrauchsskandal in Kirchen
Bekennt die Kirche endlich ihre Schuld?

Die Worte des Passauer Bischofs Stefan Oster sind unmissverständlich – und sie waren überfällig. Endlich sagt ein hochrangiger Vertreter der katholischen Kirche in Deutschland, dass die Fälle sexuellen Missbrauchs mehr als das persönliche Versagen der Täter waren. Dass das jahrzehntelange Verschweigen und Vertuschen vieler Taten auch dazu dienen sollte, das »Ansehen« der Kirche nicht zu verunglimpfen. Oder treffender: den schönen Schein zu wahren.

Sonntag, 16.09.2018, 21:30 Uhr
Der Passauer Bischof Stefan Oster. Foto: dpa
Der Passauer Bischof Stefan Oster. Foto: dpa

Die Kirche hat ohne Zweifel schwere Schuld auf sich geladen, indem sie den Täterschutz vor den Schutz der Opfer gestellt hat. Sie täte gut daran, sich uneingeschränkt zu dieser Schuld zu bekennen. Ein Anfang ist mit Osters Videobotschaft gemacht, mehr aber nicht. In der nächsten Woche findet die Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz in Fulda statt. Dort wird die Studie zum sexuellen Missbrauch offiziell vorgestellt, und dort muss sich zeigen, ob die Amtskirche bereit ist zur Reue – und zu einem neuen Kurs.

Zeit wird es, denn längst steht die katholische Kirche am Scheideweg. Durch den Missbrauchsskandal ist enorm viel Vertrauen verloren gegangen – teilweise unwiederbringlich. Tausende Gläubige haben der Kirche den Rücken gekehrt, und nicht minder viele bekennende Katholiken sind tief beschämt. Sie tragen noch immer schwer daran, was ausgerechnet Männer und Frauen Gottes anderen Menschen angetan haben. Oft sogar jenen Nächsten, die ihren Schutz und ihre Fürsorge besonders nötig gehabt hätten.

3677 Fälle sexuellen Missbrauchs sind bisher dokumentiert. Aber wie viele sind unentdeckt? Will die katholische Kirche sich ernsthaft um neue Glaubwürdigkeit bemühen, muss sie zu rückhaltloser Aufklärung bereit sein. Beispielsweise mit Hilfe von Studien, die nicht nur auf die Selbstauskunft kirchlicher Mitarbeiter setzen, sondern unabhängige Wissenschaftler uneingeschränkt arbeiten lassen.

Noch wichtiger wird sein, wie die Kirche all jenen begegnet, die Opfer geworden sind. Wiedergutmachen lässt sich das Geschehene ohnehin nicht. Und die Bitte um Entschuldigung muss auch ei­ne Frage des Geldes sein – aber nicht nur. Sie ist auch eine Frage des zwischenmenschlichen Umgangs – besonders für eine Institution, die für sich beansprucht, eine Instanz der Moral zu sein.

Bleibt der Blick auf die Täter. Die katholische Kirche kann als Ar­beitgeber sehr unnachgiebig sein. Das hat jüngst erst wieder der Prozess g­e­gen einen geschiedenen Arzt gezeigt, dem die Kirche kündigen wollte, da er erneut geheiratet hatte. Wer aber gegen ei­nen Mediziner, der Kranke heilen und Leben retten will, bis zum Europäischen Gerichtshof klagt, kann im Umgang mit Sexualverbrechern nicht Fürsorgepflicht geltend machen. Die katholische Kirche hat allen Grund, hart mit sich ins Gericht zu gehen.

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