Kommentar zu Thilo Sarrazin
Die SPD verrennt sich

»Aller guten Dinge sind drei«, lautet ein Sprichwort und ein anderes heißt: »Ehre, wem Ehre gebührt.« Im nicht enden wollenden Fall »Die SPD gegen Thilo Sarrazin« treffen beide nicht zu – sie werden sogar in ihr genaues Gegenteil verkehrt.

Montag, 17.12.2018, 21:31 Uhr aktualisiert: 17.12.2018, 21:40 Uhr
Der umstrittene Bestsellerautor Thilo Sarrazin. Foto: dpa
Der umstrittene Bestsellerautor Thilo Sarrazin. Foto: dpa

»Keine Aufmerksamkeit, wem sie nicht gebührt!« Die Sozialdemokraten hätten besser nach diesem Motto gehandelt. Denn auch aller schlechten Dinge können drei sein. Hier sind sie es. Das nun schon dritte Ausschlussverfahren misst dem 73-jährigen Sarrazin eine Bedeutung für die Partei bei, die er in der öffentlichen Wahrnehmung längst nicht mehr hat.

Und klar ist: Wer an Sarrazin und seine Thesen glaubt, wird es auch tun, wenn der Mann hochkant aus der SPD fliegen sollte. Dann erst recht sogar! Wer es aber anders sieht, denkt sich jetzt schon seinen Teil.

Die Sozialdemokraten und ihr Mitglied Sarrazin haben sich so voneinander entfremdet, dass man ein ziemlicher Träumer sein muss, um zu glauben, der Ausschluss brächte der Partei verloren gegangene Sympathien zurück. Dafür nimmt die SPD ein erhebliches Prozessrisiko in Kauf. Es dürfte einige Mühe machen, zu beweisen, dass Sarrazin der Partei tatsächlich »schweren Schaden« zufügt, wie Generalsekretär Lars Klingbeil vollmundig mitteilen ließ. Denn aus gutem Grund sind die Hürden für ei­nen Parteiausschluss sehr hoch.

Der frühere Ministerialbeamte, Staatssekretär, Senator und Bundesbanker hingegen dürfte hocherfreut sein über die neuerliche kostenlose PR. Für das Weihnachtsgeschäft kommt der abermalige Rauswurf-Beschluss zwar reichlich spät, aber besser späte Werbung als gar keine.

Not tut’s offenbar: Zuletzt dümpelte die Auflage seines jüngsten Buches »Feindliche Übernahme« auf Platz 15 in der Bestseller-Liste. Das zeugt dann doch von einem einigermaßen überschaubaren Publikumsinteresse an der Frage, ob und wie der Un­tergang Deutschlands durch die muslimische Invasion noch verhindert werden kann.

Sarrazin könnte fast geneigt sein, auf den Parteiausschluss zu hoffen, denn dann wird er für seine Anhänger endgültig zum Märtyrer. Scheitert aber das dritte Ausschlussverfahren, bleibt er für sie immer noch ein Held. Ein Held, dem die einstmals so stolze SPD offenkundig nichts anhaben kann.

Aber egal, wie es ausgehen mag – die Aufmerksamkeit, die Sarrazin so oder so zuteil wird, ist nicht zu verachten. Eine Expertenkommission nur zur Begutachtung seines Werkes, Presseerklärungen, zahllose Berichte und ungezählte Klicks im Internet. Das muss man als Sozialdemokrat im Jahr 2018 erst einmal hinbekommen.

Bleibt bloß die Frage: Was um alles in der Welt treibt die SPD an? Thilo Sarrazin hat in diesem Ausschlussverfahren nichts zu verlieren, die Partei sehr wohl. Aber das passt ja irgendwie zur SPD dieser Tage.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6265936?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198306%2F2269031%2F
Der Nahost-Konflikt - ein Kampf um Land und Sicherheit
Raketen werden im südlichen Gazastreifen in Richtung Israel abgefeuert.
Nachrichten-Ticker