Kommentar zu erfundenen Reportagen
Der Preis ist manchmal zu heiß

Glaubwürdigkeit ist das allerhöchste Gut eines Journalisten, einer Zeitung, eines Magazins, eines Onlineportals, im TV und Radio. Dennoch wird sie bisweilen mutwillig beschädigt. Meist von Einzeltätern, übersehen von allen Kontrollinstanzen.

Donnerstag, 20.12.2018, 20:45 Uhr aktualisiert: 20.12.2018, 20:50 Uhr
Symbolbild. Foto: dpa
Symbolbild. Foto: dpa

Jetzt hat es den »Spiegel« erwischt. Das Nachrichtenmagazin war nicht der erste und wird nicht der letzte Betrogene sein – doch war man hier immer besonders stolz darauf, alle Texte durch die eigene hochgelobte Dokumentationsabteilung gegenzuchecken. Sie alle im Glaspalast an der Ericusspitze 1 in Hamburg wurden von einem jungen Redakteur getäuscht, der getrieben von Eitelkeit und Unsicherheit (er selbst spricht von der Angst vor dem Scheitern) und der Gier nach Preisen Geschichten erfand oder sie zumindest fälschte.

Journalistenpreise sind eine begehrte Währung in einer schwer verunsicherten Branche. Und diese Auszeichnungen gewinnt man eben meist mit Reportagen, für viele unter uns die Königsdisziplin. Es zählt das Außergewöhnliche, in Sprache und Inhalt und Exklusivität. Gute Reporter sind häufig Einzelkämpfer, allein schon deshalb ist Kontrolle schwer.

Die Texte von Claas Relotius waren fast unrealistisch schön, in Sprache und Inhalt – und exklusiv. Es gab nur zwei Möglichkeiten: Da ist einer mit einer großen Zukunft oder ein Blender.

Relotius ist nicht der erste Täter (und zugleich Opfer) in einer Branche, in der Eitelkeit systemimmanent ist. Dicht dran an den Promis, an den Wichtigen und Mächtigen aus Politik und Wirtschaft, Meinung machen, Trainer »killen«: Für viele ist das ein Aphrodisiakum, besser als Koks, auf dem viele Pressemenschen talwärts fuhren. Und manche versprachen mehr, als sie halten konnten und sahen den Ausweg sogar nur im Selbstmord.

Nun sind Selbstüberschätzung oder Scheitern an den eigenen Ansprüchen nicht Alleinstellungsmerkmale der Journalisten, doch die werden derzeit überkritisch gesehen. Der Fall Relo­tius gibt jenen vermeintlich die Bestätigung: alles Fake News, diese Lügenpresse. Das ist natürlich Blödsinn. Doch es zeigt: Manchmal ist der Preis zu heiß. Daran können sich nicht nur die unmittelbar Geschädigten verbrennen, die Glaubwürdigkeit zu vieler wird so zu Unrecht beschädigt.

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