Mi., 13.03.2019

Kommentar zu schnelleren Arztterminen Zuckerbrot und Peitsche

Symbolbild.

Symbolbild. Foto: dpa

Von Stefan Vetter

Jens Spahn ist einer der wenigen Aktivposten dieser Bundesregierung. Pflegesofortprogramm, Transplantationsgesetz, Versichertenentlastungsgesetz – gefühlt produziert der Gesundheitsminister von der CDU Beschlussvorlagen im Wochentakt. Heute wird der Bundestag eines der wohl ehrgeizigsten Vorhaben aus Spahns Haus verabschieden: Kassenpatienten sollen schneller einen Termin beim Facharzt bekommen. Dafür hat sich Spahn heftig mit den Medizinern angelegt. Genau die braucht der Minister aber, um die zweifellos hohen Erwartungen zu erfüllen.

Die Zweiklassen-Medizin ist eine weit verbreitete Realität. Sie gipfelt in der Frage: Sind Sie gesetzlich oder privat versichert? Nicht alle Ärzte machen diesen Unterschied. Aber es sind immer noch zu viele. Im Ergebnis haben Kassenpatienten das Nachsehen, denn Leistungen für »Private« werden besser honoriert.

Spahn versucht nun, das Problem mit einer Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche zu beheben. Einerseits bekommen die Ärzte mehr Geld, anderseits müssen sie dafür auch ihr Sprechstundenangebot erweitern. Zugleich werden die Kassenärztlichen Vereinigungen verpflichtet, in medizinisch unterversorgten Regionen eigene Praxen anzubieten.

Im Prinzip liegt Spahn damit richtig. Allerdings legt er den Fokus auf neue Patienten. Für ihre Behandlung winkt den Medizinern eine höhere Vergütung. Das könnte zu Lasten angestammter Patienten gehen, die auf einen Folgetermin warten. Umso größer wäre die Enttäuschung bei ihnen – und der Frust über ein Gesetz, das die Verheißungen nicht erfüllt.

Das zentrale Problem sind jedoch die ärztlichen Kapazitäten. Nicht dass die Zahl der Mediziner rückläufig wäre. Im Gegenteil. Vor allem die Zahl der angestellten Ärzte in der ambulanten Versorgung nimmt stetig zu. Parallel dazu ist aber das Arbeitszeitvolumen rückläufig. Was paradox klingt, hat einen simplen Grund: Der berühmte Landarzt, der praktisch Tag und Nacht für seine Patienten da ist und damit wohl auch ein Stück Selbstausbeutung betreibt, wird immer mehr zum Auslaufmodell. Nach einer aktuellen Untersuchung arbeiteten angestellte Ärzte im Jahr 2017 weniger als die Hälfte der wöchentlichen Arbeitszeit ihrer selbstständigen Kollegen, schon allein wegen der Vorgaben im Arbeitszeitgesetz. Begünstigt wird diese Entwicklung durch die Medizinischen Versorgungszentren, in denen viele Angestellte tätig sind.

Dem tendenziell sinkenden ärztlichen Arbeitszeitvolumen steht jedoch ein steigender Behandlungsbedarf gegenüber: Die Gesellschaft wird immer ­älter. Auf diese komplexe ­Herausforderung gibt das neue Gesetz von Spahn keine Antwort. In erster Linie müsste sie darin bestehen, den Beruf des selbstständigen niedergelassenen Arztes wieder attraktiver zu machen. Hier muss der Gesundheitsminister handeln.

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