Do., 21.03.2019

Doping und die Deutschen – ein Meinungsbeitrag Ein schwieriges Verhältnis

Symbolbild.

Symbolbild. Foto: dpa

Von Oliver Kreth

Das Entsetzen ob der Skrupellosigkeit, der Dummheit und der noch nicht abzusehenden Dimension der Enthüllungen ist groß. Doping ist seit den Razzien in Seefeld und Innsbruck erneut ein Thema, über das man sich heftig erregt.

Die Erregungswellen flauen aber regelmäßig genau so schnell wieder ab, wie sie aufgekommen sind. Die meisten sportinteressierten Rezipienten lassen sich nämlich bereitwillig vom schönen Schein blenden. Vor allem Erfolge für Schwarz-Rot-Gold sind offensichtlich mit einem selbstverordneten Verbot des kritischen Nachdenkens belegt.

Vom Fußball ganz zu schweigen. Da bringt das doch nichts, lautet noch immer die vorherrschende Meinung. Dabei sind auch in diesem Bereich die Fälle zahlreich. Aktuell sind 311 Überführte aktenkundig. Und darunter sind nicht nur No Names.

Ambivalentes Verhältnis

Dieses ambivalente Verhältnis zum chemischen und medikamentösen Betrug ist in Deutschland chronisch. Die Aufarbeitung der DDR- und BRD-Dopingvergangenheit zum Beispiel ist mit dem Adjektiv »zäh« noch schmeichelhaft umschrieben. Die Bösen von drüben waren nach dem Mauerfall im Westen gern gesehene Entwicklungshelfer. Sportler, Trainer, Ärzte wurden schneller integriert und damit fast immer auch amnestiert, als man das Wort »amnestiert« aussprechen kann. Während man sich in der Politik dem Thema der steigenden Bedeutung des wiedervereinten Deutschlands langsam näherte, war im Sport von Zurückhaltung keine Spur. Je stärker, desto besser: Das war das Motto in den frühen 90ern. Und Indizien und zeitnahe Beweise, dass alles so schmutzig gewesen war, wie man es vermutet hatte, störten da nur.

Im wiedervereinten Deutschland wurde die Grace Kelly der Tartanbahn bejubelt, bevor deckungsgleiche Urinproben von Katrin Krabbe, Silke Möller und Grit Breuer im Januar 1992 einen ersten Schatten warfen. Der Deutsche Leichtathletikverband half Krabbe, wo er helfen konnte. Doch das Clenbuterol, diesmal in nichtidentischen Urinproben auch bei Breuer und Manuela Derr, ließ sich im August desselben Jahres nicht mehr wegdiskutieren.

Werner Goldmann

Oder Werner Goldmann. Über den ehemaligen Trainer von Ulf Timmermann (mit 23,06 Metern hält er noch heute den Europarekord im Kugelstoßen) und Robert Harting wusste man bereits Ende der 90er-Jahre eine Menge Schmutziges. Mehrere ehemalige TSC-Athletinnen hatten vor Kriminalbeamten über ihren Trainer und seine Dopingpraktiken in der DDR ausgesagt. Lange hat das niemanden interessiert – nicht mal im Deutschen Leichtathletikverband (DLV). Bis 2009. Da musste Goldmann einräumen, vor den Spielen in Peking 2008 über seine Verquickung in die DDR-Dopingvergangenheit falsch Auskunft gegeben zu haben. Eine lahme Entschuldigung schob er noch nach.

Und was passierte nach dem Rausschmiss beim DLV? 20 Athleten forderten die Wiedereinstellung des Entlassenen. Darunter auch Nadine Kleinert, die von sich in diesem Jahr sagte, sie sei die Sportlerin, die am heftigsten von gedopten Konkurrentinnen betrogen worden sei. Und Petra Lammert meinte gar, dass »Deutschland das einzige Land ist, das seine Athleten jeweils vor einem Höhepunkt fertigmacht«.

Wie lange hat es gedauert, bis man sich mit dem Thema Doping im Radsport auseinandersetzte? Bis Jan Ullrich überführt wurde – und nicht nur ein Beifahrer? Oder bis die Siegerlisten der Tour de France gereinigt wurden?

Oder der Fall der Siebenkämpferin Birgit Dressel. Die krepierte 1987 an einem Multiorganversagen. Ihr Todeskampf dauerte 48 Stunden. Und keinen hat es wirklich interessiert. Kurz registriert, kurz getrauert – und weiter ging es mit der anabolen Party. Hammer Sprintmodell: Wer weiß damit noch etwas anzufangen?

Aufarbeitung der Dopingvergangenheit

Interessierte, die vor 1989 geboren worden sind, werden eine transparente Aufarbeitung der Dopingvergangenheit der Bundesrepublik Deutschland vor der Wende wahrscheinlich nicht mehr erleben. In diesem diffizilen Bereich nämlich bewegt sich der Sport mit Vorliebe – und ganz im Gegensatz zu seinen schnellen Aktiven – sehr langsam und in Gegenrichtung. Aussitzen ist die Paradedisziplin. Doch nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Zukunft gestalten.

Die Beschäftigung mit den medizinischen Strukturen fand lange fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Eigentlich unverständlich, denn es waren im Regelfall eben keine Hinterhofdrogenköche, mit deren Hilfe die Muskelmast beschleunigt wurde. Da waren Dottores und Professores tätig, gerne angestellt bei nationalen Sportverbänden und Universitäten.

Beispielhaft wäre hier Joseph Keul zu nennen, ab 1980 Chefarzt der deutschen Olympiamannschaften und des Davis-Cup-Teams. Er sei der »zentrale Garant« der Doppelmoral und der Fiktion der Vereinbarkeit von »internationaler Wettbewerbsfähigkeit mit manipulationsfreiem Spitzensport als Normalfall« gewesen. Zum Doping in der Bundesrepublik habe er »mit jahrzehntelangen Marginalisierungen, Verharmlosungen und Täuschungen über die wahren Verhältnisse« beigetragen, hieß es in der Studie des Mainzer Wissenschaftlers Andreas Singler vom März 2017, die er gemeinsam mit Gerhard Treutlein vorlegte.

Im Zuge der Doping-Affäre Team Telekom im Jahr 2007 konnte Keul zwar keine direkte Beteiligung nachgewiesen werden. Er sei aber stets zur Stelle gewesen, wenn »es galt, den Einsatz sowie die Wirkungen und Nebenwirkungen von Dopingmitteln zu bestreiten«.

Nachweis

Auch der Nachweis der Verwendung nicht unerheblicher Forschungsmittel – nicht nur durch Keul – war in den 80er- und 90er Jahren, gelinde gesagt, schwierig. Und dass, wie vorgegeben, vor allem in Sachen Schädlichkeit von Dopingsubstanzen geforscht wurde, glaubte schon damals nicht mal der Naivste. Dennoch hört man heute noch häufig: Dr. X hat so viel Gutes für die Universität getan. Hauptsache, das Geld floss. Wohin, das war zweitrangig. Die Namen der höheren Lehranstalten sind bekannt, spätestens seit 1991. Damals veröffentlichte Brigitte Berendonk das Buch »Doping. Von der Forschung zum Betrug«. Die einzige Folge: Die Frau von Werner Franke sah sich übelsten Anfeindungen von Ärzten, Funktionären und Sportlern ausgesetzt.

Aber natürlich sind nicht die Mediziner schuld an dem nicht trocken zu legenden Doping- Sumpf. Sie sind nur die willigen Stützen der chronischen Ambivalenz eines Systems, das nur eine Währung kennt: Siege – oder zumindest Medaillen.

Citius, altius, fortius ist nicht nur das Motto der Olympischen Spiele, das einst von Pierre de Coubertin vorgeschlagen wurde. Schneller, höher, stärker: Das finden auch die deutschen Politiker, Zuschauer, Medien und natürlich auch die Sportler schick. Sie profitieren alle auf ihre Weise.

Auch in hochindustrialisierten Ländern gilt noch heute die Gleichung: viele Medaillen = starke Wirtschaft. Ein anerkennender Klopfer auf die Schulter eines anderen Staatsmanns für die erbrachte Leistung seiner Sportler: Da schwillt die Brust. Zuschauer können sich mächtig und wichtig fühlen, wenn der Goldmedaillengewinner mit der deutschen Fahne um die Schulter auf die Ehrenrunde geht: Mensch, einer von uns. Den Medien garantieren die Erfolge Quote und Auflage. Und die Athleten gewinnen Gold, Geld, Ansehen und eine bessere Zukunft – das hat sich seit der Antike nicht wirklich geändert.

Umdenken

Ein echtes Umdenken wird es nicht geben. Nicht mal zum Nachdenken scheint es zu reichen. Denn ständig wird der Druck auf das System erhöht. Wer zahlt, der schafft an. Auch wenn er keine Ahnung hat. Zwar gibt es vom Staat mehr Geld, aber dafür werden die Ansprüche drastisch nach oben geschraubt. Und nur wer liefert, bleibt drin. Das gilt für Sportler wie für Trainer.

Aber wir reden hier nicht von Reichtümern. Spitzensportler in olympischen Disziplinen verdienen selten über Mindestlohn, und für ihre Betreuer gilt ähnliches. Vor allem die stehen immer öfter vor einer ungewissen Zukunft.

Dabei wäre jetzt der richtige Zeitpunkt für Nachdenklichkeit. Der olympische Gigantismus wird in Deutschland mehrheitlich abgelehnt. Was bietet sich da mehr an, als auch über den sportlichen Gigantismus nachzudenken, über das wahnhafte Bemühen um Siege, Medaillen und Rekorde. Der Langlauf-Teamchef Peter Schlickenrieder hat sich dafür stark gemacht, das Medaillenzählen endlich sein zu lassen. Die Reaktionen waren eindeutig: So was tut man doch nicht.

Also werden die Deutschen weiter ein ambivalentes Verhältnis zum Doping haben. Erst staunen, dann stöhnen – und dann geht es wieder von vorne los.

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