Di., 16.04.2019

Kommentar zu Notre-Dame Ganz Frankreich ist vereint

Menschen schauen auf den Brand der Kathedrale Notre-Dame, einem der berühmtesten Wahrzeichen der Welt.

Menschen schauen auf den Brand der Kathedrale Notre-Dame, einem der berühmtesten Wahrzeichen der Welt. Foto: dpa

Von Jürgen Liminski

Für Frankreich waren es apokalyptische Bilder. Notre Dame brûle – Unsere Liebe Frau brennt. Der Eiffelturm ist ein Wahrzeichen der Metropole, Notre Dame de Paris ist ein Wahrzeichen Frankreichs.

Der eiserne Turm an der Seine steht für Tourismus und Schaffenskraft, die Türme der Kathedrale auf der Insel im Fluss stehen für Geschichte, Identität und Seele der »ältesten Tochter der Kirche«, wie die Päpste seit Jahrhunderten das Reich der Karolinger nennen. Mit dem Dach und dem Spitzturm war am Montag in der Karwoche für viele Franzosen mehr eingestürzt als nur ein Turm.

Aber es zeichnet Frankreich aus, daß in solchen geschichtsträchtigen Stunden das Volk um seine Hirten und Häupter steht. Es säumte das Ufer und sang. Mit den Flammen stieg das Ave Maria in den Himmel und auch das hat Symbolkraft: Während die Flammen unter den Wasserstrahlen der Feuerwehr langsam niedergingen, schwoll das Lied am Ufer an, so als ob das Volk sagen wollte, jetzt erst recht, wir lassen uns unsere Identität nicht rauben.

Der Erzbischof Michel Aupetit trat mit dem Staatspräsident Emmanuel Macron vor die Kameras, im Hintergrund die brennende Kathedrale . Ganz Frankreich sei im Gebet vereint und selbst Macron, der Laizist, war ergriffen und versprach entschlossen, Notre Dame wieder aufzubauen.

Frankreich: Politisch und finanziell abgebrannt, aber in den Grundfesten intakt

Es wird Jahre dauern. Die Struktur des monumentalen Sakralbaus ist zwar intakt, aber die Schäden sind noch nicht absehbar, auch für den Tourismus nicht. Jährlich kommen viele Millionen Menschen aus aller Welt auf die Seine-Insel, mehr als zum Eiffelturm, um das Wahrzeichen zu besichtigen. Die Türme und die Seitenschiffe mit den Bögen werden mindestens vier, fünf Jahre nur von außen zu sehen sein.

Aber sie stehen und sie symbolisieren den Zustand Frankreichs: Politisch und finanziell abgebrannt, aber in den Grundfesten intakt. Man kann davon ausgehen, daß der Präsident seit seiner Wahl das Volk nie so einig hinter sich hatte wie in diesem Moment, als er am Seine-Ufer die Einheit und den Wiederaufbau beschwor.

Macron hatte seine für den Abend geplante Rede an die Nation aufgeschoben. Er wollte die Ergebnisse der großen Debatte verkünden und wird es vermutlich erst nach Ostern tun, wenn sich die Schock-Wogen der Emotionen gelegt haben. Er wird aber auch um ein anderes Thema nicht mehr herumkommen: Seit einigen Jahren werden zunehmend Kirchen geschändet und verwüstet, in ganz Europa, aber vor allem in Frankreich.

Es ist naturgemäß nicht möglich, die mehr als 42.000 Kirchen und Kapellen zu schützen und zu bewachen. Es wird aber jetzt in der Osterwoche wenigstens in den großen Kirchen nötig sein und das erwarten die Franzosen auch von ihrem Präsidenten. Denn »der eigentliche Auftrag der Macht ist«, so sagte schon Blaise Pascal in seinen »Pensées«, »daß sie schützt«.

Macron steht in diesem Sinn unter Beobachtung. Wenn er dauerhaft die Einheit Frankreichs wahren will, dann muss er sich mehr um die Seele seines Landes als um die Krämerseelen in Brüssel kümmern. Das erwarten die Menschen jetzt von ihm, nicht nur die Gläubigen an der Seine, sondern alle Franzosen zwischen Pyrenäen, Nizza und Lille, zwischen Straßburg und Brest.

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