Di., 14.05.2019

Kommentar zur ersten Anklage im Fall Lügde Ermittlungen wie keine anderen

Die Parzelle auf dem Campingplatz in Lügde ist abgerissen worden.

Die Parzelle auf dem Campingplatz in Lügde ist abgerissen worden. Foto: dpa

Von Christian Althoff

Sieben Monate ist es her. Damals erschien eine Mutter bei der Polizei Bad Pyrmont und gab an, ihre Tochter sei auf dem Campingplatz »Eichwald« missbraucht worden.

Viel ist passiert seitdem. Missbrauchsfälle ungeahnten Ausmaßes kamen ans Licht. Und Pannen. Denn schon 2016 wussten Jugendämter und Polizeibehörden von einem Verdacht gegen Andreas V. – aber konsequent ermittelt wurde nicht. Und auch jetzt ging die Pannenserie weiter: Die kleine lippische Polizei wollte den Fall unbedingt  alleine klären und scheiterte. Kinder wurden von unqualifizierten Beamten befragt, Datenträger von einem Polizeischüler ausgewertet, Beweise verschwanden. Der Kripochef und der Leiter der Polizei Lippe mussten gehen.

Erste Anklage im monströsen Fall

Die Pannen, die juristisch und disziplinarrechtlich aufgearbeitet werden, sind die eine Seite. Die andere und wichtigere aber ist, dass es dutzenden Polizisten und zwei engagierten Staatsanwältinnen gelungen ist, die Ermittlungen in diesem monströsen Fall mit mindestens 41 Opfern in vergleichsweise kurzer Zeit mit einer ersten Anklage teilweise abzuschließen. Mit einer, so hört man, soliden Anklage, die in weiten Teilen auf den oft mit viel Geduld gewonnenen Angaben der Opfer fußt. 

Die Arbeit war nicht einfach – nicht nur, weil es belastend ist, missbrauchte Mädchen und Jungen zu befragen oder sich über Monate Fotos und Videos von Kindervergewaltigungen anzusehen. Auch der Druck von oben war groß. Nie zuvor hat eine Ermittlungskommission in NRW so unter einem Brennglas arbeiten müssen – beäugt von einem Innenminister , der Angst vor neuen Pannen hatte. Beäugt von der Opposition, die auf Pannen lauerte, um sie dem Minister anzuhängen. Und behindert von der ein oder anderen kruden Ermittlungsidee aus dem Ministerium.

Umfang auf 10.000 DIN-A4-Seiten geschätzt

Der Leiter der EK »Eichwald« musste nicht nur den Überblick über die Arbeit seiner Kollegen behalten, er musste auch ständig nach Düsseldorf berichten – ein Höllenjob. Die Transparenz, die Innenminister Herbert Reul (CDU) versprochen hatte und praktizierte, führte zuletzt sogar zu der grotesken Situation, dass sich ein Oppositionspolitiker öffentlich beklagte, weil ihm ein bestimmtes Ermittlungsdetail noch nicht bekannt war. Was für ein Irrsinn!

Nicht unbeeindruckt, aber wohl unbeirrt von den politischen Ränkespielen zogen die Frauen und Männer der EK »Eichwald« ihre Ermittlungen durch – mit großem Einsatz, manche auch mit persönlichen Entbehrungen . Denn etliche Beamte anderer Behörden, die zur Unterstützung nach Bielefeld geschickt wurden, schliefen die Woche über in Hotels, getrennt von ihren Familien, über Monate.

Auf bis zu 10.000 DIN-A4-Seiten schätzen Polizisten den Umfang der Akten im Fall Lügde, und sie ermitteln weiter. Trotzdem ist die Fertigstellung der ersten Anklage jetzt eine Zäsur – und Anlass, das Engagement der Ermittler auch mal zu loben.

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