Do., 18.07.2019

Kommentar zum ersten Lügde-Urteil Harte Strafen brauchen harte Gesetze

Prozessakten liegen auf dem Tisch der Richters im Verhandlungssaal des Landgerichtes, wo im Prozess um den hundertfachen sexuellen Missbrauch auf dem Campingplatz bei Lügde das erste Urteil gesprochen wurde.

Prozessakten liegen auf dem Tisch der Richters im Verhandlungssaal des Landgerichtes, wo im Prozess um den hundertfachen sexuellen Missbrauch auf dem Campingplatz bei Lügde das erste Urteil gesprochen wurde. Foto: dpa

Von Christian Althoff

Es wäre ein Leichtes, sich an dieser Stelle der großen öffentlichen Empörung über das erste Urteil im Fall Lügde anzuschließen. Das Gericht zu kritisieren und die Bewährungsstrafe als skandalös und viel zu lasch zu bezeichnen.

Aber das würde der Sache nicht gerecht. Es ist eben nicht so, dass sich Urteile an dem ausrichten sollen, was »man« für richtig hält. Sondern an dem, was im Strafgesetzbuch steht.

Nicht von der Stimmung im Volk beeindrucken lassen

Dass der Mann, der per Webcam beim Kindesmissbrauch zusah, der sich vor der Kamera befriedigte, der mehr als 40.000 Kinderpornos besaß – dass dieser Mann für eine Handvoll Taten auf Bewährung verurteilt wurde und freikam, zeigt vor allem eines: wie unabhängig und souverän diese Richter sind.

Sie haben sich eben nicht von der Stimmung im Volk beeindrucken lassen, wie es schon mal an anderen Gerichten zu beobachten ist. Sondern sie haben den Fall so neutral und abgeklärt bewertet, als sei es ein x-beliebiger Fall gewesen. Und juristisch gesehen war er das ja auch. Hätte es die hundertfachen Vergewaltigungen von Kindern durch die beiden anderen Angeklagten nicht gegeben – keine Zeitung, kein Sender hätte je über den Mann aus Stade berichtet. Denn Fälle wie seinen gibt es zu Hauf.

Gericht muss alles in die Waagschale werfen

Und natürlich muss das Gericht auch alles, was einen Angeklagten entlastet, in die Waagschale werfen. Hier: das Geständnis, die geringe Zahl der Taten, den Umstand, dass er selbst kein Kind angefasst hat und einiges mehr.

Um es klarzustellen: Auch ich halte die Strafe für viel zu gering. Wer über Jahre 40.000 Fotos schwerster Verbrechen an Kindern sammelt, die gemeinhin und fälschlicherweise als Kinderpornos bezeichnet werden, wer andere animiert, vor einer Kamera ein Kind zu vergewaltigen und dabei zusieht – der gehört für längere Zeit eingesperrt.

Forderung nach schärferen Gesetzen ist angebracht

Dass das am Mittwoch nicht geschah , ist aber nicht den Detmolder Richtern anzulasten, sondern unseren Bundestagsabgeordneten. Sie machen die die Gesetze, und sie legen die Strafrahmen fest. Kinderpornobesitz – er scheint noch immer als Kavaliersdelikt zu gelten, denn das Gesetz sieht nicht einmal eine Mindesthaftstrafe vor. Eine Geldstrafe tut’s, und so zeigen Fälle aus den vergangenen Monaten und Jahren: Selbst Menschen in herausragenden Positionen wie Politiker, Ärzte, Polizisten, ein Richter und ein Staatsanwalt kamen in Ostwestfalen immer wieder vergleichsweise glimpflich davon – auch weil die Gesetze so sind wie sie sind. Insofern ist es angebracht, viel schärfere Gesetze zu fordern. Die verhindern zwar keine Tat, aber sie eröffnen den Gerichten ganz andere Spielräume.

Ob es jemals dazu kommen wird? Missbrauchsopfer scheinen noch immer keine ausreichende Lobby im Bundestag zu haben. Sie demonstrieren eben nicht, sie sind auch nicht auf YouTube. Sie haben genug mit sich selbst zu tun.

Kommentare

Das geht gar nicht

Alle Opfer haben auf die ein oder andere Weise lebenslänglich. Ich bin selbst als Kind sexueller Gewalt durch die Mutter ausgesetzt gewesen. Auch mehr als vierzig Jahre später hatte ich noch an 5 von 7 Tagen starke psychosomatisch bedingte Schmerzen im Unterleib, Panikzustände und etliche deshalb gescheiterte Beziehungen.
Was ist das für einen Signal an Täter und Opfer? Ich bin fassungslos und wütend. Mir ist völlig klar, das viele Täter selbst Opfer waren und ebenfalls Hilfe brauchen. Aber Erwachsene müssen Verantwortung übernehmen eine Entschuldigung und dreitausend Euro sind viel zu wenig.

Dann wird es Zeit für Harte Gesetze Sicht eines Opfers

Ich als Opfer des sexuellen Missbrauchs in der Kindheit sehe ich dieses Urteil als erneute Vergewaltigung der Kinder durch die Justiz selbst und Verrat schwersten Grades- so empfindet es eine Kinderseele! Wann werden solche aktiven und passiven Straftäter endlich mal angemessen bestraft werden sie treiben ihr Unwesen weiter wie bei mir! Ich appelliere an den Deutschen Staat und die Justiz die Kinder von den Verbrechern, die sie für ein ganzes Leben geschädigt haben zu schützen! Das Leid tragen die Kinder ein Leben lang viele halten es nicht aus, sind unfähig Partnerschaften zu führen zerbrechen innerlich oder begehen gar Selbstmord... Die Kleinkriminellen werden härter bestraft- es ist ein WITZ einfach nur beschämend :( Danuta 44

Allein mir fehlt der Glaube

Ich kann dem Kommentar nicht viel abgewinnen. Wenn ich mein Parkknöllchen in Höhe von 15 EUR nicht zahle, 3 bis 4 Mahnungen in den Wind schlage, so nimmt man mich in Haft. Mit welcher Berechtigungdenn gegenüber dem vorliegenden Fall der Beteiligung an einem Missbrauch ? Wer versteht denn noch Urteile "im Namen des Volkes" nach bestehenden Gesetzen ?

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