Mi., 07.08.2019

Kommentar zum Fall Tönnies Noch kein Ende in Sicht

Clemens Tönnies muss sich für seine als rassistisch kritisierten Aussagen über Afrikaner verantworten.

Clemens Tönnies muss sich für seine als rassistisch kritisierten Aussagen über Afrikaner verantworten. Foto: dpa

Von Oliver Kreth

Sicherlich gibt es derzeit wichtigere Themen auf der Welt und in Deutschland als die befremdliche Aussage von Clemens Tönnies. Allerdings: Um eine Bagatelle handelt es sich nun definitiv auch nicht – so wie es viele Unterstützer des 63-Jährigen aus Rheda-Wiedenbrück suggerieren.

Natürlich kann man sich daran abarbeiten, ob Tönnies’ Sätze über die Freizeitgestaltung des Afrikaners im allgemeinen  rassistisch oder nur diskriminierend waren oder doch eher eine Art Altherrengerede – also etwas, an dem man sich früher in Bierzelten herzhaft und auf die Schenkel klopfend erfreut hat. Genauso kann man darüber streiten, ob die Schalker Fans nicht der falsche Adressat für die Entschuldigung von Clemens Tönnies waren.

Und genauso kontrovers kann man die Entscheidung des Schalker Ehrenrates sehen. Der erteilte dem Aufsichtsratsvorsitzenden einen Freispruch zweiter Klasse. Die Strafe verhängte der Angeklagte bequemerweise dann gleich selber.

Aufpassen sollte man im Fall Tönnies allerdings, dass in der Argumentation nicht die Dimensionen verrutschen. Der Unternehmer ist mit Sicherheit nicht die Fünfte Kolonne der AfD oder der Identitären Bewegung oder der Reichsbürgerbewegung. Aber genauso wenig waren seine Äußerungen vernünftige Denkanstöße für eine Diskussion, wie man Afrika (innerhalb dieses Riesenkontinentes soll es ja gewaltige Unterschiede in fast allen Lebensbereichen geben) in den kommenden Jahrzehnten helfen kann. Zudem: Einen Kontinent in Sachen Kohlenstoffdioxid-Ausstoß belehren zu wollen, der nicht einmal so viel von diesem Schadstoff erzeugt wie das kleine Deutschland – das hat dann doch eine koloniale Attitüde.

Die Aufregung auf Schalke ist nach der Ehrenratssitzung nicht wirklich geringer geworden. Viele finden: Nur ein Rücktritt oder eine Amtsenthebung wären die richtige Entscheidung gewesen. Angesichts des selbst verschriebenen Leitbildes des Revierklubs, der sich schon lange als Schmelztiegel der Nationen nicht nur auf dem Platz versteht, durchaus verständlich. Viele nicht nur königsblaue Fußballfans, die sich in den vergangenen Jahrzehnten darum verdient gemacht haben, dass Rassismus in den Stadien geächtet wird, denken zurecht: Schalke, Herr Tönnies, das kann nicht alles an Strafe und Entschuldigung gewesen sein.

Der Vielbeschäftigte hat sich eine Auszeit verschafft. Die kann er für sein Unternehmen nutzen, für den innerfamiliären Konflikt um die Frage, wie es mit dem Fleisch-Unternehmen weiter geht. Wahrscheinlich wird Clemens Tönnies aber auch darüber nachdenken, wie er eine Art Wiedergutmachung leisten will. Es wird spannend zu beobachten sein, wie die Menschen auf seine Ideen reagieren werden. Auch Clemens Tönnies hat eine zweite Chance verdient.

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