Di., 03.09.2019

Meinung Sind die im Osten wirklich so anders? – Nein.

Ein Wahlplakat mit der Aufschrift “Leipzig raus aus Sachsen” von der Satirepartei “Die Partei” hängt über einem Plakat der Grünen an einer Straßenbahnhaltestelle in Leipzig.

Ein Wahlplakat mit der Aufschrift “Leipzig raus aus Sachsen” von der Satirepartei “Die Partei” hängt über einem Plakat der Grünen an einer Straßenbahnhaltestelle in Leipzig. Foto: dpa

Von Stefan Vetter

Worüber wundern sich die Wessis? Wieder einmal schaut der Westen fassungslos nach Neufünfland. Die letzte große Empörungswelle war in den 90er Jahren über den Osten geschwappt, als dort gegen alle Warnungen vor den »Roten Socken« stramm links gewählt wurde. Warum die Ossis das taten, war kaum ein Thema. Mit der Westwerdung der PDS geriet dann allerdings auch ihre Funktion als Protestpartei und ostdeutscher Kummerkasten unter die Räder. Diese Lücke füllt jetzt die AfD. Nun ist vom braunen Osten die Rede. Typisch Westen.

Anstatt darüber zu sinnieren, was mit den Ossis los ist, könnte man sich ja auch mal fragen, was eigentlich mit den sogenannten Volksparteien Union und SPD los ist. Offenkundig haben sie den Draht zu großen Teilen des Volkes verloren. Im Osten weit stärker als im Westen. Und die AfD hat diesen Nerv getroffen. Nicht nur bei solchen Ossis, die schon immer rechtsextrem waren, sondern vor allem bei Nichtwählern. Die Wahlbeteiligung ist jedenfalls enorm gestiegen. Der Osten ist so politisiert wie seit der Wende nicht mehr. Das ist eigentlich ein Erfolg der Demokratie.

Bürger zweiter Klasse

Mehr noch als die Wahlergebnisse sollten die demo­skopischen Befunde im Umfeld der jüngsten Urnengänge aufrütteln. 59 Prozent der Brandenburger stimmen der Aussage zu, dass Ostdeutsche Bürger zweiter Klasse sind. Unter den Sachsen sind es sogar 66 Prozent. Das hat auch noch mit der Wendezeit zu tun. In der alten Bundesrepublik ging die Einführung der Demokratie mit dem Wirtschaftswunder einher, in Ostdeutschland mit einer dramatischen Deindustrialisierung. Allein von den gut vier Millionen Arbeitsplätzen unter Treuhand-Aufsicht blieben binnen 20 Monaten nur 1,2 Millionen übrig. Von diesem Turbowandel hat sich der Osten trotz aller Fördermilliarden bis heute nicht erholt.

Löhne und Wirtschaftskraft immer noch geringer

30 Jahre nach der Einheit sind Löhne und Wirtschaftskraft immer noch geringer und ist das Rentenrecht nach wie vor zweigeteilt. Das sitzt tief in ostdeutschen Köpfen. Genauso wie die pauschale Verteufelung von DDR-Errungenschaften. Ein Beispiel: Nach der Wende wurden die »Polikliniken« abgeschafft. Jetzt sind das »Ärztehäuser«. Im besten Fall wundert sich der Ossi, viele fühlen sich aber auch gedemütigt und frustriert. Ob die Befindlichkeiten im Westen bei gleichem Erfahrungshorizont anders wären? Wohl kaum.

Übrigens: Die Galionsfiguren der AfD kommen allesamt aus dem Westen, von Höcke über Kalbitz bis Gauland.

Darüber könnte man auch mal nachdenken.

Der Autor ist gebürtiger Sachse

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