Do., 10.10.2019

Wegsehen geht nicht mehr Wegsehen geht nicht mehr

Menschen tragen Plakate mit der Aufschrift «Judenhass bedroht uns alle!

Menschen tragen Plakate mit der Aufschrift «Judenhass bedroht uns alle! Foto: dpa

Von Oliver Kreth

Für Annegret Kramp-Karrenbauer ist der Angriff auf die Synagoge in Halle an der Saale ein »Alarmzeichen«. Zu Recht wird die CDU-Vorsitzende für diese Einschätzung heftig gescholten. Denn der Terrorakt ist ein unerträglicher Höhepunkt in einer sehr langen Reihe von Alarmzeichen.

Antisemitismus ist 74 Jahre nach Ende der Shoa in erschreckend großen Teilen Deutschlands wieder gesellschaftsfähig. »Israel ist unser Unglück« wird von Rechten auf Plakaten regelmäßig durch die Straßen getragen. Bei vom BDS (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen) initiierten Demonstrationen werden israelische Politiker als Blutsauger dargestellt. Auf Fußballplätzen nehmen die Übergriffe (im Westen eher mit islamisch-arabischen, im Osten eher mit rechtsradikalem Hintergrund) stark zu. Am vergangenen Freitag hat ein mit einem Messer bewaffneter Syrer versucht, in die Neue Synagoge in Berlin vorzudringen. Schaut man sich in den angeblich sozialen Medien um, ist die Relativierung der Shoa an der Tagesordnung. Gefaselt wird auch viel von einem Deepstate, der die Welt im Griff habe. Der jüdische Krake taucht wieder auf. Und natürlich die überdimensionierten Nasen. Und die Rothschilds und die von Goldman Sachs.

Die Grenzen des wieder Sagbaren werden schon seit Jahren verschoben. Daran sind nicht nur die Führungsmitglieder der AfD schuld und ihre geistigen Wegbegleiter. Die bekennen sich ja offen dazu: Irgendwann muss mal Schluss sein – mit der Schuld und dem Kult und der Schande.

Mindestens genauso schlimm ist die Delegitimierung des Staates Israel. Das scheint eine Art Volkssport in Deutschland zu sein. Man darf davon ausgehen, dass das Abstimmungsverhalten der Bundesrepublik in der UN nicht nur von deutschen Juden genau beobachtet wird.

Ende Juli dieses Jahres enthielt sich Deutschland allen Ernstes in einem Unterausschuss bei folgender Abstimmung: Es ging um die »Situation von – und Hilfe für palästinensische Frauen«. Eingebracht wurde die Resolution unter anderem von den Frauenversteher-Ländern Iran und Saudi-Arabien und der palästinensischen Autonomiebehörde. Schuld an der schlechten Situation hatte natürlich nur ein Land: Israel.

Genau beobachtet wurde auch, wie in Deutschland über die Ermordung von Rina Shnerb im August dieses Jahres berichtet wurde. Da war die 17-Jährige mal »Siedlerin«, mal »Soldatin«. Und damit ja auch irgendwie ein bisschen selber schuld. Eigentlich war die Ermordung doch eher so eine Art Notwehr des palästinensischen Attentäters – so konnte man es erschreckend häufig zwischen den Zeilen lesen und hören. Wenn man das denn wollte.

Diese »Ja, aber«-Stimmung ist abstoßend – und gefährlich für die jüdischen Bürger. Nötig aber ist ein klares Bekenntnis gegen den Antisemitismus. Es reicht nicht, in Yad Vashem in der Halle der Erinnerung der Toten zu gedenken. Es reicht nicht, Auschwitz zu besuchen. Die Erinnerung an das Unsagbare wach zu halten, sich der Ermordeten zu erinnern, das ist wichtig. Mindestens genauso wichtig ist es aber, an die Lebenden zu denken.

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