Mo., 28.10.2019

Kommentar zu Lagarde und Draghi Geldpolitiker statt Währungshüter

Der scheidende EZB-Präsidengt Mario Draghi übergibt in Frankfurt den Vorsitz an seine designierte Nachfolgerin Christine Lagarde.

Der scheidende EZB-Präsidengt Mario Draghi übergibt in Frankfurt den Vorsitz an seine designierte Nachfolgerin Christine Lagarde. Foto: Boris Roessler/dpa

Von Bernhard Hertlein

 

Mario Draghi geht von Bord, Christine Lagarde übernimmt. Doch das Schiff, die Europäische Zentralbank, wird so schnell seine Richtung nicht ändern – nicht ändern können. Mag der Frust über die lockere Geldpolitik mit Negativzinsen und dem Aufkaufen von Staatsanleihen besonders in Deutschland noch so groß sein: Die Abhängigkeiten nicht nur der europäischen Regierungen, sondern auch der Unternehmen vom billigen Euro ist inzwischen so groß, dass abrupte Veränderungen unabsehbare Folgen hätten.

Sprach man früher mit Hochachtung von den Währungshütern, so werden die Entscheidungen heute von Geldpolitikern gefällt. Lagarde ist im Gegensatz zu ihren Vorgängern auch gar keine Ökonomin, sondern Juristin. Und vor allem war sie bis zum Wechsel an die Spitze des internationalen Währungsfonds französische Finanzministerin. Die Sorgen der Staatsführer sind ihr nahe – vermutlich mehr als die der Privatanleger und Sparer.

Diejenigen, die in Regierungsverantwortung stehen, haben sich das unter Draghi zunutze gemacht. Statt Schulden im größeren Stil abzubauen, wurden Ausgabenstreichungen verschoben. Immerhin hüten sich die Finanzminister der Euro-Länder noch, ihre Wünsche an die EZB öffentlich zu deutlich zu artikulieren. In den USA riss Präsident Donald Trump schon alle Dämme ein. Die verbalen Ausfälle gegen den obersten US-Notenbanker Jerome Powell, verbunden mit der vehement vorgetragenen Forderung nach weiteren Leitzinssenkungen dienen nur dem Ziel, seine Wiederwahl zu sichern.

Es liegt an Lagarde, ähnliche Auswüchse in Europa zu verhindern. Dabei wird sie gut daran tun, den Elfenbeinturm in Frankfurt möglichst oft zu verlassen und ihre Geldpolitik der Wirtschaft und den Menschen zu erklären. Bevölkerung und Unternehmen müssen sicher sein, dass sich der Wert des Geldes, das sie anlegen oder investieren, nicht von heute auf morgen substanziell verändert. Es gilt als Draghis großer Verdienst, den Euro durch sein klares Wort auf dem Höhepunkt der Staatsschuldenkrise gerettet zu haben. Er konnte es, weil die Vorgänger einen Vertrauensvorschuss erwirtschaftet hatten. Lagarde wird wissen, dass es dort, wo Zuverlässigkeit zählt, keinen billigen Kredit gibt.

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