Mi., 27.11.2019

Kommentar zu den Bauernprotesten Ein echter Ausgleich fehlt

Trecker auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor.

Trecker auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Von Frank Polke

Die Argumente der demonstrierenden Landwirte sind nicht zum ersten Mal vorgetragen worden – doch am Dienstag erreichte der Protest eine neue Dimension: Zigtausende Bauern aus ganz Deutschland zogen ins Herz des politischen Berlins, um ihrem Anliegen zwischen Bundestag und Brandenburger Tor nicht nur medial die größtmögliche Aufmerksamkeit zu verschaffen, sondern es auch den politisch Verantwortlichen in Berlin-Mitte bewusst zu machen.

Dabei teilen sich der Unmut und die Wut der Landwirte – auch am Dienstag wieder vorbildlich friedlich vorgetragen – in zwei ­Bereiche. Zum Einflussbereich der Politik gehört dabei unzweifelhaft die jetzt zwischen den Minis­terinnen Klöckner (Landwirtschaft) und Schulze (Umwelt) beschlossene Verschärfung der Düngeverordnung und das Verbot, bestimmte Pflanzenschutzmittel auf den Feldern und Äckern auszubringen. Die Preispolitik, die im Lebensmitteleinzelhandel und am Ende vom Verbraucher gemacht wird, ist aber der Einflussphäre der Politik entzogen. So ehrlich sollten alle Verantwortlichen in dieser Debatte sein.

Doch fest steht auch: SPD-Umweltministerin Schulze reagiert in ihrem politischen Handeln auf einen unzweifelhaften Rückgang der Artenvielfalt, für die der Kampf um die Lebenswelt der Bienen ein besonders anschauliches Beispiel liefert. Schulze ist aber wenig an einem echten Ausgleich der Interessen zwischen Landwirten und Naturschutz interessiert – auch im Bewusstsein, dass dann Fakten ihr Image als Streiterin für ökologische Interessen schmälern können.

Dabei hilft es niemandem (und bestimmt nicht der bedrohten Umwelt), Landwirte zu den alleinigen Sündenböcken zu machen. Viele von ihnen stehen angesichts einer erstarkten und staatlich geförderten Konkurrenz (wie zum Beispiel in Spanien) unter erheblichem Konkurrenzdruck. Verantwortungs­bewusster Naturschutz beschränkt sich eben nicht auf nationale Beschränkungen, sondern kämpft auf internationaler Bühne auch um Auswüchse der Tiermast zum Beispiel in Brasilien oder Osteuropa. Hier sind Entwicklungen im Gang, die sich auch in Bildern von brennenden Regenwäldern zeigen.

Doch für ein echtes Umsteuern fehlt nicht nur Schulze die politische Kraft – genau wie ihrer Kabinettskollegin Julia Klöckner. Durchaus medial geschickt, mit Hausmacht in der CDU aufgestellt, gelingt es der Pfälzerin nicht, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen. Es geht darum, den Berufsstand Landwirt in Deutschland vor dem Aussterben zu bewahren.

Wenn dies nicht gelingt, verschwindet nicht nur ein Stück Heimat, sondern auch die Möglichkeit, einen Ausgleich zwischen Ökologie und Ökonomie herzustellen.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7092836?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198306%2F2269031%2F