Kommentar zum Ende des Gerry-Weber-Insolvenzverfahrens
Designer sind am Zug

Vorstand und Belegschaft bei Gerry Weber freuen sich über die Rückkehr zur Normalität . Das ist verständlich: Während des laufenden Insolvenzverfahrens mussten beide Seiten 2019 viel Zeit und Energie darauf verwenden, den Lieferanten, den Kunden im Handel und den Kundinnen zu erklären, dass und warum es das Unternehmen auch weiterhin geben wird.

Donnerstag, 02.01.2020, 20:41 Uhr aktualisiert: 02.01.2020, 20:44 Uhr
Symbolbild. Foto: Bernhard Hertlein
Symbolbild. Foto: Bernhard Hertlein

Rückkehr zur Normalität heißt freilich nicht: Rückkehr zu den glorreichen Zeiten unter Gerhard Weber, als die Haller die gesamte Branche oft deutlich ausgestochen haben. Der Gründer ließ sich dafür auf den Aktionärsversammlungen und in den Medien feiern. Als sich der Wind drehte, haben auch er und sein Sohn Ralf die Alarmzeichen übersehen.

So normal wie früher werden die Zeiten in der Modebranche vermutlich nie wieder sein. Zu nachhaltig änderten sich die Kaufgewohnheiten. Ein Modediktat, in dem die Hersteller festlegten, wie sich die Frauen zu kleiden hatten, gibt es schon lange nicht mehr. Selbst einen Trend zu bestimmen, ist von Saison zu Saison kaum noch möglich.

Dabei geht es nicht nur um die aktuelle Modefarbe, die Form der Hose oder die Höhe des Rocksaums. Das Kaufverhalten hat sich insgesamt auseinander entwickelt. Zugenommen hat die Zahl der Schnäppchenjägerinnen, deren Suche nach dem günstigsten Einkauf durch das Internet noch erleichtert wird. Gleichzeitig steigt die Zahl derer, die auf umweltgerechte Materialien und sozial adäquate Produktionsbedingungen Wert legen. Nicht zuletzt legen die Second-Hand-Anbieter zu. War es für die jüngeren Kinder früher ein Gräuel, die Kleidung der Älteren auftragen zu müssen, so hat sich der Geschmack offenbar gewandelt. Für die Branche ist das kein gutes Zeichen, verliert ihre Ware dadurch doch an Glamour.

Dagegen gibt es nur ein Rezept: Mode zu kreieren, die wieder Begehrlichkeit weckt, und Kleidung, über die man redet. Das konnte Gerry Weber. Und wenn die Anzeichen nicht täuschen, dann ist das Unternehmen diesem Ziel in der schwierigen Phase der Insolvenz sogar ein Stück näher gekommen. Jetzt sind die Designer am Zug. Haben sie ein gutes Händchen, sollte die Rückkehr zur Normalität auch nachhaltig gelingen.

Kommentare

Paul Schneider  schrieb: 03.01.2020 07:26
Gerry Weber
Das Label Gerry Weber hat keine Marktchance mehr. Also muss eine neue Marke her. Dieser Aufbau kann jedoch Jahre dauern. Die Zerstörung geht jedoch ganz schnell. So war Weber jahrelang nicht bereit, auf Unsicherheiten, Risiken und Reputationsfragen zu reagieren. Nun darf man gespannt sein, ob es gelingt, neue Wachstumsziele und operative Pläne gegen die strategischen Risiken, denen man ausgesetzt ist, zu entwickeln. Wenn Weber eine neue Modemarke als Einkaufserlebnis in einer digitalen Welt gestalten will, statt den herkömmlichen Einkaufsprozess einfach1 : 1 auf digitale Känale zu übertragen, dann hat - und nur dann - das neue Konzept Gerry Weber eine Chance.
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